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Beleidigt werden und locker bleiben

Coolness-Training Beleidigt werden und locker bleiben

Dicht an dicht stehen sie um Steffi (Namen der Jugendlichen geändert) herum. Sie pöbeln, schubsen und beleidigen das zierliche Mädchen: „Ey du Schlampe, was willst du denn hier?“ „Willste hier durch?“ Es ist nicht leicht in so einer Situation einen kühlen Kopf zu bewahren. Doch genau darum geht es beim Coolness-Training der Jugendgerichtshilfe Göttingen.

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Rollenspiel in der Gruppe: Cool bleiben, obwohl man von allen Seiten bedrängt wird.

Quelle: Heller

Achim Schubert ist nicht nur Sozialarbeiter, sondern auch Coolness- und Anti-Aggressivitäts-Trainer. Seine Schüler, ein knappes Dutzend, sind überwiegend nicht ganz freiwillig hier. Zu den sechs Nachmittagen müssen sie gehen, weil es ihnen der Jugendrichter aufgetragen hat. Oder weil es Probleme in der Schule gegeben hat – Suspendierung oder Coolness-Training.

Martin ist hier, weil er „ein bisschen Scheiße“ gemacht hat. Was heißt das? Ein bisschen was kaputt gemacht, beleidigt – „Nichts Großes halt…“ Er guckt, als könne er die Aufregung ehrlich nicht verstehen. Julia hat Probleme mit Respekt. Das mag daran liegen, sagt Julia, wie sie erzogen worden ist. „Ich weiß nicht, ich lass’ mir halt nicht sagen ‚Du hast es nicht drauf‘.“ Es ist erstaunlich, wie offen die Jugendlichen über Persönliches und Familiäres miteinander reden, obwohl sie sich vorher nicht kannten. „Dafür hängt ja die Rose da“, erklärt Marc. Die auf ein DIN-A-4-Papier gedruckte, schwarzweiße Rose ist ein Zeichen dafür, dass nichts den Raum verlassen darf. Alles bleibt unter den Teilnehmern.

Ein Teil des Coolness-Trainings sind auch die Box-Einheiten mit Boxlehrerin Sandra Strong, die schon Weltmeisterin Regina Halmich trainiert hat. „Es ist wichtig, dass die Jugendlichen Regeln lernen“, erklärt Strong. „Und Disziplin.“ Außerdem: Wer sich schon beim Training körperlich verausgabt hat, habe weniger Lust auf Konfrontation. „Das stimmt“, erzählt gleich einer der älteren aus der Gruppe. „Als ich neulich aus dem Fitnessstudio kam hatte ich kein Bock“ – obwohl er sich früher wenig Gelegenheiten Streit zu suchen hatte entgehen lassen. Allerdings, schiebt er schmunzelnd hinterher: „Die waren auch zu alt.“

Neben der papiernen Verschwiegenheitsrose steht „RAD“. Es stehe für „Respekt“, „Aufmerksamkeit“ und „Disziplin“ und hängt wie ein Motto dort. Die Teilnehmer können es wie aus der Pistole geschossen aufsagen.

Ob das Training etwas bringt? „Ja“, sagt eine Teilnehmerin sofort. Eine andere fragt nach: „Echt?“ Es sei „ganz witzig“, meint ein weiterer. Man würde „echt ’was lernen“. Und einer der Jungs hätte es sich eigentlich auch „stressiger vorgestellt“. „Die Leute sind ganz cool“, sagt Marc, einer der ältesten in der Runde. Manche der Jugendlichen wollen auch nach dem Coolness-Training in Kontakt bleiben. „Hast du nachher Zeit? Kein Scheiß, ich melde mich wirklich bei dir…“ Sie haben sich inzwischen ganz gut kennengelernt. Und gemeinsam Ärger aus dem Weg zu gehen, geht vielleicht auch einfacher. Auf dem T-Shirt von Achim Schubert steht „Ich war’s nicht.“ Das stimmt nicht.

Von Lukas Breitenbach

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