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Beleidigung mit Hintertür kostet 3000 Euro

Aus dem Amtsgericht Beleidigung mit Hintertür kostet 3000 Euro

„Ich will mich kratzen können, wo es nötig ist. Mit welchem Finger, Herr Staatsanwalt, überlassen Sie bitte mir.“ Mit diesen Worten hat sich ein 44 Jahre alter ehemaliger Strafgefangener zu verteidigen versucht - vergeblich. Im Amtsgericht wurde dem vielfach auch einschlägig Vorbestraften Beleidigung mehrerer Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt Rosdorf vorgeworfen.

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Quelle: dpa (Symbolfoto)

Göttingen.  Der Mann hat einer Mitarbeiterin des Sozildienstes und danach noch einmal zwei Justizwachtmeistern den ausgestreckten Mittelfinger gezeigt, mit dem er sich an der Nase rieb (sagen die Beleidigten) oder mit dem er sich zumindest am Auge juckte (sagt der Angeklagte).

Der Mehrfach-Kunde der Justiz war am 1. September vergangenen Jahres eigentlich nur als Besucher im Gefängnis. Noch im Besuchsraum hatte er durch die Abtrennscheibe hindurch die Sozialdienst-Mitarbeiterin gesehen, auf die er sauer war. Sie hatte ihm beim letzten Knastaufenthalt eine negative Bewertung verpasst, aufgrund derer ihm Langzeitbesuche seiner Lebensgefährtin versagt wurden. Dass die Frau mit ihrer Einschätzung Recht behalten sollte - sechs Wochen nach seiner Freilassung zog er bei der Lebensgefährtin aus - spielte im Gericht keine Rolle mehr. Als kleine Rache zeigte er ihr den Stinkefinger.

Stinkefinger als Rache

Als daraufhin sein Besuch bei einem früheren Mithäftling abgebrochen wurde, zeigte er auch den beiden Wachtmeistern dieselbe Geste. Noch dazu garniert mit den Worten: „Ich muss mich immer wieder hier kratzen.“
In der Verhandlung war der gereckte Finger dann immer wieder zu sehen.

Während die Zeugen allesamt aussagen, der Angeklagte habe ihn vor die Nase gehalten und diese gerieben, machte dieser es ein ums andere Mal anders vor: Mit eben diesem Finger kratzt er nur seitlich das Auge. Dass er überdies gegen die Justiz-Mitarbeiterin versteckt drohende Bemerkungen gemacht haben soll, darunter „Ich kenne Dein Auto“ und „Dur wirst noch Dein blaues Wunder erleben“, war gar nicht mit angeklagt.

Geldstrafe statt Freiheitsstrafe

Es reichte auch so für eine Verurteilung. Der 44-Jährige versuchte noch, allen Zeugen und dem Richter eine Diskussion aufzuzwingen, was denn eigentlich eine Beleidigung sei und ob er jemanden beleidigen könne, den er gar nicht angeschaut haben will, wurde aber von Amtsrichter Pilipp Moog ausgebremst: „Trauen Sie mir bitte zu, dass ich mitdenke.“

In der Urteilsbegründung musste der Angeklagte dann das Ergebnis zur Kenntnis nehmen: „Ich denke, dass Sie sich nicht gekratzt haben, sondern ihre vermeintliche Machtposition als Besucher ausgenutzt haben - nach dem Motto: Ich beleidige Dich in aller Öffentlichkeit, und Du kannst nichts dagegen machen.“

Das müsse sich aber ein Justizmitarbeiter auch hinter Gittern und Glasscheibe nicht gefallen lassen. Weil die Beleidigung, verbunden mit den diffusen Drohungen, die Sozialdienst-Frau am meisten belastet, müsse die Strafe hierfür besonders deutlich ausfallen. Eine Freiheitsstrafe wäre sogar möglich. Es könne aber gerade noch einmal eine Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu je 30 Euro sein. 3000 Euro kostet also die „Beleidigung mit Hintertür“, so Moog.

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