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Berufskraftfahrer will Urteil verschlafen haben

Aus dem Amtsgericht Berufskraftfahrer will Urteil verschlafen haben

Amtsrichter Lars Malskies sagt es gerade heraus: „Das ist eine Schutzbehauptung. Sie dürfen als Angeklagter hier lügen, das steht Ihnen zu. Aber ich glaube Ihnen nicht.“ Deshalb: schuldig der Unfallflucht.

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Quelle: dpa (Symbolfoto)

Mariengarten. Was der 24-jährige Berufskraftfahrer dem Gericht auftischen wollte, klingt aber auch allzu abenteuerlich: Er habe an jenem Tag, dem Unfalltag, wegen dem er hier sitzt, sehr lange gearbeitet, sei extrem müde gewesen. Den ganzen Abend über habe er nur drei kleine Flaschen Bier getrunken. Dann sei er in den Morgenstunden mit dem Auto der Eltern nach Hause gefahren und müsse unterwegs eingeschlafen sein.

Er sei irgendwann am Rande der Straße bei Mariengarten im Matsch eines Feldweges aufgewacht, habe noch Mühe gehabt, das Auto wieder aus dem Dreck zu befreien und sei weiter nach Hause gefahren. Von einem Unfall will er nichts bemerkt haben. Erst am nächsten Tag nachmittags habe er die Beulen im elterlichen Auto gesehen, sei dann zur Polizei gegangen und habe den Fall gemeldet.

Das half ihm nichts: Er wurde verdächtigt der Trunkenheit im Straßenverkehr und der Unfallflucht. Die Staatsanwaltschaft unterstellte ihm, betrunken verunglückt, vom Unfallort geflohen und erst zur Polizei gegangen zu sein, als er sicher sein konnte, dass der Alkohol im Blut abgebaut war. Gegen ihn wurde ein Strafbefehl erlassen, gegen den er Einspruch erhob. Deshalb wird vor dem Amtsrichter verhandelt.

Plastikteile, Lacksplitter und Glasscherben

Was in jener Nacht passiert war, bemerkte ein Anwohner als erster. Überall an der Unfallstelle vor den Häusern am Gut Mariengarten bei Dramfeld Plastikteile, Lacksplitter und Glasscherben. Das Bushaltestellenschild war umgefahren. Und 20 Meter weiter lag im Dreck – das Nummernschild. Dass er die Visitenkarte seines Autos am Unfallort zurückgelassen hatte, muss der Angeklagte wohl nachts nicht bemerkt haben.

Die junge Staatsanwältin sieht unerlaubtes Entfernen vom Unfallort als erfüllt an, Trunkenheit im Straßenverkehr ebenso. Forsch fordert sie 60 Tagessätze zu 45 Euro, schließlich werde der Angeklagte, wenn er den zwischenzeitlich für zweieinhalb Monate eingezogenen Führerschein zurück hat, wieder gut verdienen.

Der Verteidiger versucht es offensiv: Von drei Bier, sagt er, werde man nicht fahruntüchtig, schon gar nicht verteilt auf den ganzen Abend. Also nix mit Trunkenheit. Auch sei nicht bewiesen, dass der Mandant den Unfall bemerkte, als er einschlief. Das Bushalteschild sei vielleicht schon ganz wackelig gewesen.

Und wer sage denn, dass nicht noch ein anderes Auto dagegen gefahren sein könnte, die eingesammelten Plastikteile passten ja gar nicht alle zum Auto der Familie. Er verlange Freispruch.

„Sie sind erfrischend offen“

Jetzt ist der 24-Jährige an der Reihe, sein letztes Wort vor Urteilsverkündung. Er lässt seinen Verteidiger erblassen. „Ich denke, dass ich das war, das tut mir leid. Das wird nicht mehr vorkommen, dass ich so übermüdet fahre.“
„Sie sind erfrischend offen“, antwortet der Richter. Was er meint: Fast hätte sich der 24-Jährige um Kopf und Kragen geredet. Denn wenn er um seine Übermüdung wusste, wäre das eine vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs.

Das Urteil fällt demnach milde aus: Die Trunkenheit ist nicht nachweisbar. Die Unfallflucht aber ist erfüllt. Dafür gibt es 30 Tagessätze Strafe, aber nicht zu je 45 Euro, sondern nur zu 20. Denn ausschlaggebend ist der Tag des Urteils. Und noch ist der Kraftfahrer, der nach der Führerscheinsperre seinen Job verlor, arbeitslos. Dass er nächste Woche wieder verdient, spielt keine Rolle.

Und der junge Mann hat noch mehr Glück. Der Schaden an dem Schild beträgt nur 1259 Euro. Ab 1300 Euro Schaden wäre der Führerschein ganz zu entziehen. So bleibt es bei nur zwei Monaten Sperre, die durch die vorläufige Entziehung schon abgegolten sind. Ab sofort fährt er wieder.

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