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Berufsritter Anno 2015

Thema des Tages Berufsritter Anno 2015

Wenn der Holländer Arne Koets die Frage nach seinem Beruf beantwortet, erntet er häufig ungläubige Blicke. Ritter? Im Jahr 2015 ist es tatsächlich recht ungewöhnlich, seinen Lebensunterhalt mit Tjosten (Lanzenstechen zu Pferd), Schwertkampf – und vor allem mit Reitkunst auf höchstem Niveau zu verdienen. Aber mit genau diesen Tätigkeiten ist Arne Koets in der ganzen Welt unterwegs, leitet Kurse in England, Russland, Texas, Tasmanien oder rund um Göttingen, zum Beispiel ganz stilecht auf dem Rittergut Olenhusen.

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„Ich betone, dass ich kein Adeliger bin, der in den Ritterstand hineingeboren wurde, ich lebe nur von dieser Arbeit“, sagt Koets mit einem smarten Lächeln über seinem Spitzbart und leichtem niederländischen Akzent.  

 
Ritter (mittelhochdeutsch) bedeutet Reiter. Der historische Ritter lernte die hohe Kunst zu Pferde seit dem Kindesalter. Schließlich würde später auf dem Schlachtfeld sein Leben davon abhängen, ob sein Streitross im richtigen Moment den Hieben des Gegners ausweichen werde. Da der Ritter in einer 35 Kilo schweren Ganzkörperpanzerung nicht allzu beweglich war und in einer Hand auch noch die Waffe schwang, musste die Verständigung mit dem Pferd über allerfeinste, perfekt abgestimmte Signale funktionieren, und das Ross musste seinem Reiter in allen Situationen vollkommen vertrauen.

 
„Ich war völlig talentfrei beim Reiten und hatte Angst vor Pferden“, sagt der hochgewachsene, athletische 34-Jährige, der mit 21 Jahren das erste Mal auf einem Pferd saß. An der Universität Amsterdam, wo er Archäologie studierte, nahm er Reitunterricht. Dabei sei ihm sein Körpergefühl zugute gekommen, das er bei Schwertkampfübungen in einer Reenactment-Gruppe trainiert hatte. Die neu erlangten Reitkünste reichten dann gerade so, um zu tjosten. Das tat er im Archeon, einem historischen Themenpark in Holland, und in Leeds bei den Royal Armouries. Ungefährlich ist so ein Ritterturnier in authentischer Kleidung und mit echten Waffen nicht. „Ich hatte schon Rippen und Arme gebrochen, unzählige Gehirnerschütterungen, eine Streitaxt und eine Lanze im Auge“, zählt Koets seine Blessuren auf. Nein, sein Arzt wundere sich nicht mehr, der sei das gewohnt, sagt er veschmitzt. „Wir sind in voller Rüstung und mit Lanze aufeinander zugebrettert. Zu mehr hat unser reiterliches Können nicht gereicht“, beschreibt er die Anfänge seiner Ritterkarriere. Doch der Ehrgeiz war geweckt, er wollte es besser machen und lernte den dänischen Reitmeister Bent Branderup kennen, der ihm sagte, nur einer auf der Welt besitze noch ein echtes Streitross: Wolfgang Krischke, Begründer der Bückeburger Hofreitschule. Seinen inzwischen 23-jährigen Berberhengst Raisulih el Hadi hat der Hofreitmeister selbst ausgebildet. Der Schimmel hat sich aber nicht nur als mutiges „Kriegspferd“ in historischen Vorführungen bewährt, sondern beherrscht auch alle Lektionen der Hohen Schule der Dressurreiterei.

 
Koets zog 2011 ins niedersächsische Bückeburg, lernte die Reitkunst nach historischen Vorbildern und organisierte als Kurator und Projektmanager diverse Veranstaltungen der Hofreitschule, aber auch fernsehtaugliche Groß-Events wie das Ritterturnier im saarländischen St. Wendel. Heute reitet er Galopppirouetten, Piaffen oder historische Schulsprünge – also Dressurkunst auf höchstem Niveau – natürlich linkshändig, denn die rechte Hand muss frei bleiben für die Waffe. Seine beiden Pferde, der selbst ausgebildete Andalusierwallach Maximilian und der Lusitanohengst Sultan, begleiten ihn zu Reenactmentveranstaltungen und Kursen und sind ihm hoch geschätzte Partner, deren Wohlergehen oberstes Gebot ist. Dass Koets in so wenigen Jahren seine Reitkunst dermaßen verfeinern konnte, sei vor allem der Chance zu verdanken, die er in Bückeburg durch eine außergewöhnliche Ausbildung erhalten habe, lobt er seinen Lehrmeister Wolfgang Krischke. Sehr stolz sei er darauf, dass er heute die nationalen und internationalen Reitkunstvorführungen der Bückeburger Hofreitschule mitreiten dürfe, sagt Koets.

 
Außer der Kunstfertigkeit im Reiten und Kämpfen wird dem Ritterideal eine weitere Eigenschaft zugeordnet: die Ritterlichkeit. Damit waren im Hochmittelalter unter anderem Tugenden wie Demut, Güte, Anstand, Loyalität und Höflichkeit gemeint. Besonders Letzteres, vermischt mit einer gewinnenden Heiterkeit, bekommen Koets´ Schüler zu spüren, und zwar die zweibeinigen ebenso wie die vierbeinigen. „Ich möchte, dass die Pferde freiwillig mitmachen. Gesunde und motivierte Pferde sind der Prüfstein der Reiterei“, sagt der Ritter. Diese Erkenntnis versucht er auch seinen zweibeinigen Schülern mit auf den Weg zu geben. „Ich habe in Moskau Kosaken unterrichtet. Deren Verhältnis zum Pferd war anfangs nicht sehr harmonisch“, erzählt Koets. Aber er konnte seinen russischen Eleven vermitteln, dass es Ehrensache sei, das Pferd als Partner zu behandeln, und seitdem sei die Situation für deren Vierbeiner deutlich besser geworden.
Auch den Zweibeinern bringt er großes Verständnis entgegen. Die Kursteilnehmer in Olenhusen haben nach wenigen Minuten im Unterricht ein Lächeln im Gesicht und scheinen ihre Pferde auf neue Art zu verstehen. „Alle Probleme, die ein Reitschüler haben kann, hatte ich selber. Dieses Wissen hilft mir heute beim Unterrichten“, sieht Koets den positiven Aspekt eines harten Werdegangs. Die Demut klingt so ganz nebenbei an. „Ich möchte helfen, wo jemand reiterliche Probleme hat, egal, ob es Angst beim Geländereiten ist oder die nicht gelungene Pirouette in der Dressur. Die Basis ist immer das Verständnis für das Pferd“, sagt der Ritter.

 
Neben Reitkunst bis zum höchsten Niveau unterrichtet Koets historischen Kampfsport, gibt an Schulen in seiner authentischen Rüstung Einblicke ins Ritterdasein und veranstaltet historische Aufführungen, im kleinen Rahmen ebenso wie als Großevent. Hunderte Turniere hat er erfolgreich bestritten und ein internationales Netzwerk von Tjostern, Schmieden. Schneidern und weiteren Fachleuten mit historischem Faible aufgebaut.

 

Im Landkreis Göttingen gibt Arne Koets etwa einmal im Monat Kurse in Olenhusen, Rittmarshausen und Seeburg. Infos bei arnekoets.de, bei Bettina Geschke unter reitanlage-olenhusen.de, bei Denise Titze unter de-titze@t-online.de oder bei Marion Freckmann unter wellenreiter.seeburg@t-online.de.
 

Von Claudia Nachtwey

Geschichte der Reiterei
  • Etwa 5000 v. Chr.  – Domestizierung des Pferdes
  • Ab 1900 v. Chr. – Die Kriegsführung mit Streitwagen setzt sich aus dem asiatischen Raum auch in der Ägäis durch.
  • Ab 1250 v. Chr. – Der Wandel vom Streitwagenkrieger zum Reiterkrieger beginnt.
  • Um 400 v. Chr. – Der Grieche Xenophon veröffentlicht sein Werk „Über die Reitkunst“.
  • Um 500 n. Chr. – Mit dem Arrianus-Traktat entsteht eine römische Exerzierregel.
  • Um 900 n. Chr. – Entstehung des mittelalterlichen Turnierwesens als Kriegsübung.
  • 16. Jahrhundert – Gründung von Reitakademien in Europa.
  • 17. Jahrhundert – Blüte der höfischen Reitkunst (Schulreiterei).
  • 18. Jahrhundert – Neben der Schulreiterei gewinnt die Kampagnereiterei an Bedeutung, die das Kriegspferd für schnelle Truppenbewegungen ausbildet.
  • 19. Jahrhundert – Die Kampagnereiterei löst die Schulreiterei zunehmend ab. Auf dem amerikanischen Kontinent und in Südeuropa entwickeln sich verschiedene Arbeitsreitweisen der Viehzüchter.
  • 20. Jahrhundert – Das Pferd wird in der Kriegführung unbedeutend. Dafür fasst die Sportreiterei auch im Bürgertum Fuß. Gustav Rau vereinigt die ländlichen Reit- und Fahrvereine.
  • 21. Jahrhundert – Der Reitsport gerät durch Dopingfälle und unsportliche Trainingsmethoden in die Schlagzeilen. Neben der Sportreiterei gewinnen alternative Reitweisen zahlreiche Anhänger wie Westernreiten, Working Equitation, Barockreiten oder Gangpferdereiten und diverse Verzweigungen dieser Gruppierungen. ny
 
Reenactment in der Region: Wer macht was?
  • Haukstaldir – Die Göttinger Gruppe beschäftigt sich vor allem mit dem Leben der Wikinger, ist auf Mittelalter- und internationalen Wikingermärkten aktiv. Der Kampfsport ist auf Gruppenkämpfe ausgelegt und erfordert auch für Anfänger nur geringe Materialkosten. Training ist donnerstags von 20.30 bis 22 Uhr in der Egelsberg-Grundschule. Kontakt: haukstaldir.de.
  • Schloss Berlepsch – Die Reenactment-Gruppe beschäftigt sich mit dem historischen Alltagsleben auf der Burg. Die Berlepscher Söldner trainieren zweimal im Monat Kampfsport. Kontakt:  mittelalter-leben.com oder Oliver Clark bei Facebook.
  • Jos vom Eichsfeld – Der Duderstädter Josef Johanning hat sich auf das Herstellen von Armbrüsten und den Umgang mit der mittelalterlichen Schusswaffe spezialisiert. Er gibt Einblicke auf diversen Mittelaltermärkten. Kontakt: armbruststand.de. ny
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