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Mitarbeiter verzweifelt gesucht

Boom auf dem Arbeitsmarkt Mitarbeiter verzweifelt gesucht

Es freut einen Wirtschaftsminister, wenn er verkünden kann, dass die Zahl der sozialversicherten Arbeitsplätze im Land Niedersachsen mit 2,84 Millionen auf Rekordniveau liegt. Auch in Göttingen ist die Arbeitslosenquote mit 5,8 Prozent erfreulich gering. Einige Betriebe suchen mittlerweile aber verzweifelt Mitarbeiter.

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Quelle: dpa

Göttingen. Im Bezirk der Arbeitsagentur Göttingen ist die Zahl der Erwerbslosen auf 5,8 Prozent gesunken, im Vergleich zum Vormonat haben 250 Menschen mehr einen Arbeitsplatz bekommen. Klaus Gläser, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Göttingen, spricht von einem „Traumwert“ für die Region. Im Monat Mai waren noch 13859 Menschen bei der Arbeitsagentur und den Jobcentern der Region arbeitslos gemeldet. Besonders problematisch, so die Agentur für Arbeit, sei die Situation bei den Langzeitarbeitslosen.

Gläser ist für den Bezirk der hiesigen Agentur durchaus optimistisch: „Wir haben in der Region in den vergangenen Monaten und Jahren eine sehr positive Entwicklung erleben dürfen. Im Mai haben wir die niedrigsten Mai-Werte bei den Arbeitslosenzahlen seit der Wiedervereinigung registriert.“ Von Vollbeschäftigung werde bei Arbeitslosenquoten zwischen zwei und drei Prozent gesprochen, so Gläser. „Wir haben noch eine Strecke des Weges bis zur Vollbeschäftigung vor uns.“

Derzeit seien die Voraussetzungen in der Region für eine positive Entwicklung gut, sagt Gläser. „Denn die stabile konjunkturelle Lage bedingt eine anhaltend hohe Nachfrage nach Arbeitskräften.“ Zudem zeichne sich in den kommenden Jahren ein steigender Ersatzbedarf in den Unternehmen ab. Die geburtenstarken Jahrgänge gingen nach und nach in den Ruhestand. Dieser erhöhte Bedarf an Arbeitskräften werde auf ein sinkendes Arbeitskräfteangebot treffen. Allein aufgrund der demografischen Entwicklung werde der Nachwuchs an potenziellen Arbeitskräften deutlich zurückgehen. So sei es umso wichtiger, junge Menschen auszubilden, um diese nach der Ausbildung als Fachkräfte möglichst ans Unternehmen zu binden, sagt Gläser.

„Es boomt auf dem Arbeitsmarkt und die Auftragslage im Bau- und Ausbaubereich ist hervorragend“, sagt der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen, Andreas Gliem. „Wer einen Dachdecker benötigt oder einen Handwerker aus dem Bereich Gas, Wasser, Heizung, der muss mit langen Wartezeiten rechnen. Die Auftragsbücher der Betriebe sind voll, die Unternehmen ausgelastet.“  Doch es gäbe auch eine Kehrseite der Medaille des Booms, sagt Gliem. „Viele Unternehmen in der Region suchen händeringend Mitarbeiter, ganz dramatisch sieht es im Lebensmittelbereich aus – Bäcker und Fleischer will heute keine mehr werden“, sagt Gliem.

Durch die hohe Auslastung in den kleinen Unternehmen fehle dort die Zeit, sich um die wichtige Personalentwicklung zu kümmern. „Wir als Handwerksorganisation versuchen zu helfen, wo wir können“, sagt Gliem. Für den Herbst diesen Jahres werde gerade ein Aktionstag Handwerk zur Berufsorientierung für Schüler aus den allgemeinbildenden Schulen geplant.

Einer, der mit seinen Personalplanungen im Betrieb weit vorne liegt, ist der Göttinger Tischlermeister Christoph Welling. „Es gibt so gut wie keine Fachkräfte, die wir für unseren Betrieb direkt vom Arbeitsmarkt nehmen können. Wir machen uns unsere Fachleute selbst, bilden die Mitarbeiter für die hochmodernen Maschinen aus. Schon heute müssen die Weichen für die nächsten Jahre gestellt werden“, sagt Welling.

Diesen Weg beschreitet auch Carsten Hennig. „Grundsätzlich ist es sehr gut, wenn die Konjunktur boomt“, sagt der Vorstand der Nörten-Hardenberger Rohde AG, einem der weltweit größten Lieferanten für Industriegriffe. „Wir qualifizieren die eigenen Mitarbeiter erfolgreich weiter, um Weggänge zu kompensieren“, sagt Hennig und berichtet davon, dass im mittleren und oberen Führungsbereich der auch Abwerbedruck zugenommen habe. „In unserem Fall sind das aber zumeist bundesweit tätige Unternehmen.“ bb

Kommentar: Groß gegen Klein

Hurra, es boomt in Deutschland, und die ersten Politiker träumen schon von einer Vollbeschäftigung. Dass diese auch mit dem demographischen Wandel zusammenhängen könnte, wird ganz dezent ausgeblendet – es sind eben Wahlkampfzeiten.

Weniger Arbeitslose und volle Auftragsbücher, das sind auch für Südniedersachsen grandiose Aussichten. Man könnte eigentlich frohlocken, gäbe es da nicht einige richtig fiese Fallstricke, die erst durch die positive wirtschaftliche Lage deutlich in den Vordergrund treten.

Die hiesigen Unternehmen gehen, mehr denn je, auch untereinander in einen Wettstreit um die besten Mitarbeiter. Das geht ganz deutlich zu Lasten der kleinen und kleinsten Mittelständler: Sie haben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in aller Regel keine Chance, die Gehälter zu zahlen, mit denen ein weltweit tätiger Konzern um die Ecke locken kann. Erschwerend kommt noch hinzu, dass diese kleinen Unternehmen ihre Manpower derzeit komplett in ihre Arbeit legen (müssen), um ihre vollen Auftragsbücher abzuarbeiten. Da bleibt fatalerweise keine Zeit, sich mit der Personalplanung auseinanderzusetzen. Die vielen, durchaus  gut gemeinten, Ausbildungsmessen sind da wohl nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Denn auch dort werden die Großen den Kleinen wieder die potenziellen Mitarbeiter, von denen es ja immer weniger gibt, wegnehmen.

Was passiert, wenn plötzlich niemand mehr da ist, der den Wasserrohrbuch oder das Dach reparieren kann, das Fleisch frisch herstellt oder Brot und Brötchen backt? Was ist zu tun? Welpenschutz für Kleinunternehmen ist ebenso wenig realistisch wie das Beibehalten des Status Quo vernünftig. Reicht das Vertrauen in den Markt allein aus? Dann werden bestimmte Dienstleistungen und Lebensmittel in naher Zukunft erheblich teurer werden müssen, damit in diesen Bereichen das Lohnniveau – und damit auch die Attraktivität der Berufe –steigen kann.

Alle Beteiligten sind dringend aufgefordert, sich an einen runden Tisch zu setzen.

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