Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -4 ° Nebel

Navigation:
Bovenden: Jürgen Schmidt absolviert Schachturnier über viereinhalb Jahre

Züge per Postkarte Bovenden: Jürgen Schmidt absolviert Schachturnier über viereinhalb Jahre

Wenn sich zwei Schachspieler gegenüber sitzen, trennt sie in etwa ein Meter Abstand. Doch die Entfernung zwischen Jürgen Schmidt und seinen Gegnern betrug viel mehr: 100, 1000, manchmal auch
10 000 Kilometer. Der heute 74-jährige hat viele Jahre Fernschach gespielt.

Voriger Artikel
Ziel erreicht auf Erinnerungstour
Nächster Artikel
Freibad Dransfeld: Erste Saison mit reduzierten Öffnungszeiten „befriedigend“

Der Meister und sein Handwerkszeug: Jürgen Schmidt mit seinem Schachbrett und Postkarten seiner Gegner.

Quelle: Hinzmann

Bovenden. So nennt sich die Variante des Schachs, bei der sich die Spieler ihre Züge per Postkarte oder andere Kommunikationsformen übermitteln.

Sein Beruf als Vorstandsmitglied bei Sartorius zwang Schmidt nach eigenen Angaben dazu, vom normalen Nahschach auf Fernschach umzusteigen: „Ich hatte einfach nicht mehr die Zeit, regelmäßig zum Vereinsabend zu gehen und an Sonntagen Mannschaftskämpfe zu bestreiten.“ Fernschachspieler könnten sich ihre Zeit flexibel einteilen – „ich habe meistens nach Feierabend analysiert“, so Schmidt, „für mich war das Entspannung.“

Analysieren heißt, die Figuren unentwegt über die 64 Felder zu schieben, alles wieder und wieder durchzuspielen, um möglichst tief in die Geheimnisse der aktuellen Position einzudringen. Fünf Stunden und mehr habe er manchmal an einem Zug geknobelt, so Schmidt – ohne die Hilfe seiner Vereinskameraden oder eines Computers in Anspruch zu nehmen: „Verboten war das zwar nicht, aber aus ethischen Gründen habe ich darauf verzichtet. Außerdem waren die Computer damals noch nicht so stark.“ Pro Zug betrug die Bedenkzeit drei Tage, wobei die nicht verbrauchte Zeit gutgeschrieben wurde, wie Schmidt erläutert: „In der Eröffnung spielt man schneller, damit man – wenn es kompliziert wird – mehr Zeit zur Verfügung hat.“

 

 

Die Gegner des gebürtigen Braunschweigers kamen aus der ganzen Welt: aus Europa, Russland, den USA, Kuba, Singapur, Südafrika, Australien. Bei einer Karte aus Wien betrug die Postlaufzeit zwei Tage, bei einer aus Novosibirsk mehrere Wochen. Dementsprechend lang dauerte ein Turnier – „einmal waren es viereinhalb Jahre“, erinnert sich Schmidt. Kontakte zu den Mitspielern waren dabei selten, es seien fast ausschließlich Züge ausgetauscht worden. „Wären wir uns durch Zufall begegnet, wir hätten uns nicht erkannt“, sagt der Anhänger der sogenannten Königsindischen Verteidigung und lacht dabei.

Der Bewunderer von Bobby Fischer war nach eigener Einschätzung „ein äußerst starker“ Fernschachspieler, der sich durch seinen „überlegenen Sieg“ in einem WM-Halbfinale fürs Dreiviertel-Finale qualifizierte und darüber hinaus den Titel Internationaler Meister (eine Stufe unter dem Großmeister) zuerkannt bekam. Die Endrunde der WM erreichte Schmidt nicht – nicht zuletzt, weil er beruflich zu stark eingespannt war.

Nach dem Dreiviertel-Finale hängte Schmidt sein Hobby an den Nagel. Mit dem modernen Fernschach, bei dem die Computerprogramme eine immer größere Rolle spielen und bei dem die Züge per Email ausgetauscht werden, könne er nichts mehr anfangen: „Man will doch gegen einen Menschen spielen, nicht gegen einen Rechner.“

Von Hauke Rudolph

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016