Volltextsuche über das Angebot:

25 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Brandmeister will Dämmung herunterreißen

Nach Hochhausbrand in London Brandmeister will Dämmung herunterreißen

Der Göttinger Stadtbrandmeister Holger Lehrum wohnt seit drei Jahren in einem Haus, das vor 28 Jahren mit Polystyrol gedämmt wurde. Der Carport steht direkt am Gebäude. Nach der Brandkatastrophe in London mit mindestens 80 Toten will Lehrum jetzt die Dämmung seines Hauses herunterreißen.

Voriger Artikel
„Schwer entflammbar“ brennt wie Zunder
Nächster Artikel
Weißt du, ich gehe auch bald auf eine Wolke

Die Ruine in London - die Dämmung ist komplett weggebrannt

Quelle: dpa

Göttingen. Auch wenn sein Haus kein Hochhaus ist, sagt Lehrum, mache er sich Sorgen. So könnten die sehr giftigen Gase des brennenden Polystyrols ins Haus ziehen: „Ich will nicht bei offenem Fenster ersticken.“

Lehrum sorgt sich zu Recht. Um die Entflammbarkeit von Dämmplatten aus Styropor zu prüfen, ließ die Bauministerkonferenz der Länder im Februar 2013 einige Tests vornehmen. Ergebnis: Wenn lange genug ein Feuer an einer Fassade mit Styropordämmung brennt, springen die Flammen über und breiteten sich schnell aus. Das höher gelegene Material schmilzt durch die Hitze und tropft nach unten auf die Flammen. Es folgt eine sogenannte Durchzündung, erläutert Tim Wackermann, Sachverständiger für vorbeugenden Brandschutz in Hamburg. Über die Fenster kann ein solcher Fassadenbrand zudem leicht in die Wohnungen übergehen.

Das Baurecht der 16 Bundesländer orientiert sich an der "Muster-Hochhaus-Richtlinie". Die früher großzügigen Regelungen wurden erst im Laufe der 1980er und 1990er Jahre verschärft. Danach dürfen Hochhäuser nicht mit brennbaren Dämmplatten verkleidet werden. Bei Gebäuden mit einer Höhe von weniger als 22 Metern sind sie jedoch erlaubt. Für Gebäude, die mehr als sieben Meter hoch sind, müssen alle zwei Stockwerke Brandriegel aus nicht brennbarer Steinwolle eingezogen werden. Deren Schutzwirkung ist allerdings umstritten. Zudem fehlen diese Schutzstreifen in vielen älteren Polystyrol-Fassaden. Unter sieben Metern ist gar nichts vorgeschrieben. Daher fordert die Berliner Feuerwehr mittlerweile ein Verbot brennbarer Dämmungen für alle Gebäude.

Die Städtische Wohnungsbau Göttingen zieht Konsequenzen aus der aktuellen Debatte. „Wir verfolgen die Diskussion um Polystyrol intensiv und prüfen immer wieder den Einsatz anderer, möglichst natürlicher Dämmstoffe“ erklärt Claudia Leuner-Haverich, Geschäftsführerin der Wohnungsbaugesellschaft. „Bei den aktuellen Neubauvorhaben ist eine Dämmung der Fassade mit Polystyrol nicht vorgesehen.“

Die Wohnungsgenossenschaft hingegen verwendet das umstrittene Material weiterhin. „Bei den Brandschutzfragen”, erklärt der Technische Vorstand des Unternehmens, Carlo Scherrer, “verlassen wir uns auf die Prüfzeugnisse des Deutschen Institut für Bautechnik, die die erforderlichen Zulassungen für den Baubereich ausstellen. Bei der Herstellung von Fassadendämmung achten wir und die für uns tätigen Partner im Handwerk darauf, dass alle Komponenten eines Dämmsystems - Kleber, Dämmung, Dübel, Brandriegel, Armierungsmörtel, Armierungsgewebe, Oberputz und Schlussbeschichtung - aus einem geprüften und zugelassenen System stammen. Der Brandschutz, ist nur bei einem endfertigen System gewährleistet und bescheinigt..”

Die Wohnungsgenossenschaft erwarte, “dass die Brandschutzanforderungen an Wohngebäude weiter verschärft werden”, sagt Scherrer. “Vielleicht wird man auch erneut Brandversuche mit verschiedenen Dämmsystemen durchführen und die technischen Anforderungen an Dämmsysteme erneut erhöhen.” Das Mehr an Sicherheit werde “jedoch auch das Bauen und Sanieren von Gebäuden weiter verteuern”. Dennoch seien die Bemühungen um energieeffiziente Wohngebäude sinnvoll und richtig. Derzeit saniert und dämmt die Wohnungsgenossenschaft ältere Mietwohnungsblöcke in der Stettiner Straße. Auch dort kommt wieder Polystyrol zum Einsatz – samt Oberputz, Schlussbeschichtung und Brandriegeln gemäß den derzeit geltenden Vorschriften.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die Bilder der Woche vom 15. bis 21 Juli 2017