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„Brauch und Sitte“ beim Corps Brunsviga

Aus Vätern und Söhnen werden Brüder „Brauch und Sitte“ beim Corps Brunsviga

Wenn etwas das Wort „Kneipe“ verdient, dann dies: Gefüllte Bierkrüge auf Eichentischen, Rauch erfüllt den acht Meter hohen, kirchenähnlichen Saal, Lachen und Gesang aus 60 Männerkehlen.

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Im und trotzdem „auf dem Braunschweigerhaus“: Väter-Söhne-Kneipe der Copsstudenten bei der Brunsviga Göttingen.

Quelle: Heller

Göttingen.  Dann ein zackiges „Silentium!“, ein paar Worte eines Chargierten, ein Zuprosten, ein Rumoren der leeren Bierseidel auf der Tischplatte, schließlich das Krachen der fast leeren Krüge aufs Holz – wie ein bierspritzender, synchroner Schlusseffekt.

Wir sind in der Kneipe des Corps Brunsviga, einer schlagenden Studentenverbindung. Heute sind Gäste aus ganz Deutschland da – alles Söhne mit ihren Vätern. Nach Freiburg und München das dritte Treffen der Art. Für Alexander Hartung, Vorsitzender des Verbandes Alter Corpsstudenten (VAC) schon mehr als eine Tradition, inzwischen schon „Brauch und Sitte“ der „einzig wahren“ corpsstudentischen Verbände, dennen nach Kösener Tradition.

Zu den Kösenern, Farben tragend, Pflichtmensuren schlagend, gehören aktuell 102 Corps in Deutschland, Österreich, Ungarn und der Schweiz. 2500 Studenten gehören diesen an, 15 000 Altherren unterstützen sie. Tendenz zunehmend, sagt Albrecht Fehlig, Brunsviga-Altherr und Sprachrohr der Corps. 2007 waren es noch 1850 Corpsstudenten, heute ein Drittel mehr.

Für Fehlig ist eine Zeit als Corpsstudent das einzig wahre Studentenleben: intensiv und voller Aktivität, geprägt von „Begeisterung, Disziplin und Herausforderung“, aber auch „voller Toleranz und Weltoffenheit“. 200 Jahre Tradition, wurzelnd in der Aufklärung, demokratisch und freiheitlich – so das Selbstverständnis. Weltanschauung, Nationalität, Hautfarbe, politische Einstellung? Das spiele alles keine Rolle. Fehlig führt Beweis: Karl Liebknecht war Corpsstudent, Otto von Bismarck auch. Der wohnte ja nicht weit vom Bunsviga-Haus am Wall.

Heute feiern Väter und Söhne die typisch studentische Abendveranstaltung, eine „Kneipe“ eben. Sie werden beim Bier Corpsbrüder über Generationen. Gerd Waning ist der einzige nichtcorporierte Vater. In der eigenen Jugend, sagt er, habe er das Verbindungswesen abgelehnt, „als eher rechtslastig“. Er sei „friedensbewegt“ gewesen, misstrauisch gegenüber Burschenschaften. Heute habe ihm sein Sohn gezeigt, wie offen und tolerant die Corps seien.

Sohn Philipp ist sogar in zweien. Mit 17 trat er in die Brunsviga ein, wurde „Fuchs“ (Probemitglied), dann Korporierter (Mitglied auf Lebenszeit), erhielt dann aber in Gießen einen Studienplatz. Auch deren Farben trägt er. Dass das studentische Fechten Pflicht ist, findet er gut. „Man ficht ja miteinander, nicht gegeneinander.“ Nur drei Mensuren muss man in der Brunsviga fechten. Corps, die den Zweikampf mit scharfer Waffe aufgeben, werden aus dem Verband Alter Corpsstudenten ausgeschlosen. Jeder wisse, was ihn erwarte, sagt  Fehlig. Es sei „eine Chance, einer Gesellschaft anzugehören, in der nur Leute sind, die sich das trauen.“ Dass es mal zu Verletzungen komme, dem einst wie eine Ehrenbezeichnung gezeigten „Schmiss“, sei heute eher ein Unfall. „Es muss kein Blut fließen.“

Dafür fließt Bier reichlich. Mit fortschreitendem Abend nimmt die Synchronität des finalen Gläserkrachens beim „Schoppensalamander“, der ritualisierten, „ehrenvollen Art des Zutrinkens“  ab. Was spürbar bleibt, ist eine Form von Grunddisziplin,  Höflichkeit, klare Ansagen, zu denen die jungen Studenten sich gegenseitig erziehen. „Ja, erziehen“, sagt Fehlig. Was bleibe, sei „familiäre Freundschaft auf Lebenszeit“.

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