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Die Grabplatten von St. Jacobi

Renaissancebürger, Pesttote und Ritter Die Grabplatten von St. Jacobi

Eine neue Broschüre erklärt die einige hundert Jahre alten Grabplatten in der evangelischen Innenstadtkirche St. Jacobi. Manchmal war einige Detektivarbeit nötig, um etwas über dort in Stein gehauenen Menschen zu erfahren.

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Dem Krieg entkommen, an der Pest gestorben: Grabplatte Christophs II. von Adelebsen.

Quelle: Overdiek

Göttingen. Die älteste Grabplatte zeigt laut Broschüre, die Pastor Harald Storz verfasst hat, „einen gut betuchten Bürger der Renaissancezeit“. Die Kleidung zeuge von Wohlstand, die Haartracht deute auf einen Mann mittleren Alters. Das Gesicht ist allerdings kaum noch zu erkennen, und auch von der Inschrift sind nur noch wenige Buchstaben erhalten. Erst viel Detektivarbeit konnte das Rätsel lösen: Es handelt sich um Ludolph Fischer, der aus einer Honoratiorenfamilie in Hann. Münden stammte und am 23. August 1607 in Göttingen begraben wurde.

Auf einer anderen Grabplatte ist Christoph II. von Adelebsen in einer Ritterrüstung der frühen Neuzeit zu sehen. Eine zweite Platte lässt sich seiner Ehefrau, Margarethe von Adelebsen, geborene Steinberg, zuordnen. Das Relief zeigt eine Frau, gekleidet in der Mode um 1600.

Die Beisetzung des Adeligen und seiner Frau geht auf ein trauriges Schicksal zurück. Die beiden hatten während des Dreißigjährigen Krieges mit ihrer Tochter Zuflucht in Göttingen gesucht - vor den katholischen Truppen Tillys, die die Gegend um Adelebsen unsicher machten. Doch kaum dieser Gefahr entronnen, wurde das Ehepaar in Göttingen von der Pest heimgesucht. Beide starben und wurden am 18. September 1626 in der Jacobikirche beigesetzt.

Die Wahl der Grablege deutet auf die frühere Rolle von St. Jacobi hin. Die Kirche gehört zur Burg des Welfenherzogs. Adelige der Umgebung hatten in der Nähe ihre Stadthäuser. Die blieben auch nach der Zerstörung der Burg 1387 durch Göttinger Bürger noch bis ins 17. Jahrhundert im Besitz von Adelsfamilien.

Eine Gedenktafel im Altarraum erinnert an den Göttinger Mediziner Georg Erich Barnstorf, der dort am 23. August 1729 beigesetzt wurde. Barnstorf hatte als Feldmedicus ebenso gewirkt wie als Hofmedicus und war 1702 vom Rat der Stadt Göttingen zum Stadtphysicus ernannt worden.

Eine weitere Grabplatte verweist auf den tragischen Tod von Marianne Haller. Sie war 1736 mit ihrem Mann, dem bedeutenden Mediziner, Botaniker und Dichter Albrecht von Haller aus der Schweiz nach Göttingen gekommen. Bei der Einfahrt in die Stadt stürzte sie aus dem Wagen und starb einen Monat später. Knapp anderthalb Jahre später starb auch eines der drei Kinder des Ehepaares. Von Haller lehrte als Professor bis 1753 in Göttingen und trieb als Reformierter den Bau der reformierten Kirche an der Unteren Karspüle voran.

„Hier erwarten Knochen und Fleisch die Auferstehung durch die Stimme des Erlösers“, steht auf Latein auf dem Grabstein des Mediziners Johann Friedrich Sothen (1699-1748). Einer von mindestens 14 Studenten, die zwischen 1735 und 1785 in St. Jacobi beigesetzt wurden, war Franz Ludwig Carl Graf von Giech (1756-1774), der aus einem altfränkischen Adelsgeschlecht stammte und nur 17 Jahre alt wurde. Über die Umstände seines Todes ist nichts bekannt. Die Broschüre zu den Grabplatten ist für zwei Euro in der Kirche erhältlich.

Kirche als Begräbnisort

Die Jacobikirche war über viele Jahrhunderte auch ein Begräbnisort. Nicht nur auf dem Kirchhof wurden Tote bestattet, sondern auch in der Kirche selbst. Der Fußboden der Kirche – im Mittelalter noch ohne Bänke – war gepflastert mit Grabplatten. 1717 wurde auf Veranlassung von Georg Erich Barnstorf ein Verzeichnis der Grablegen in der Kirche erstellt, das seit 1600 etwa 200 Beisetzungen in Altarraum und Kirchenschiff dokumentiert. Mitte des 18.Jahrhunderts wurde die Beisetzung in Kirchen und auf Kirchhöfen als unhygienisch betrachtet, und man verlagerte die Friedhöfe aus der Stadt hinaus. Im Lauf der Jahrzehnte wurden auch die meisten Grabplatten aus St. Jacobi entfernt. Sieben Grabplatten und Gedenktafeln hängen bis heute an den Kirchenwänden. Sie erinnern an diese Tradition.

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