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Späte Rechtfertigung nach Ampel-Unfall

Weender Tor Späte Rechtfertigung nach Ampel-Unfall

Wegen eines Unfalls aufgrund von falsch geschalteten Ampeln ist ein Göttinger Rechtsanwalt vom Amtsgericht offenbar zu Unrecht verurteilt worden. Seiner Beifahrerin droht wegen angeblicher Falschaussage das Ende ihrer Karriere als Juristin. Doch jetzt scheint eine Wende in Sicht.

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Hier geschah der Unfall.

Quelle: Hinzmann (Archiv)

Göttingen. Der nur vermeintlich harmlose Unfall geschah am 16. Oktober 2015 an der Kreuzung Weender Tor. Rechtsanwalt Achim Doerfer stand mit seinem Kombi auf der Linksabbiegerspur des Nikolausberger Wegs vor der ersten von zwei Ampeln. Als er losfuhr, fuhr ihm ein Stadtbus, der auf dem Weg zum Linksabbiegen in die Weender Straße die Fahrbahnen kreuzte, in die hintere rechte Seite seines Renault. Sowohl Doerfer als auch der Busfahrer behaupteten, bei Grün losgefahren zu sein. Die Folgen: Bußgeld gegen Doerfer und Verhandlung vor dem Göttinger Amtsgericht, weil der Anwalt seine Unschuld beteuerte.

Das aber verdonnerte Doerfer zu 500 Euro Bußgeld und verhängte ein Fahrverbot. Argumentation von Staatsanwaltschaft und Amtsgericht: Der Busfahrer habe nachweislich freie Fahrt gehabt, Doerfer daher zwangsläufig Rot, als er losfuhr. Das ergebe sich unter anderem aus von der Stadt vorgelegten Schaltplänen für die Ampelanlage. Trotz Protesten Doerfers verzichteten Amtsgericht und Staatsanwaltschaft darauf, die Schaltung vor Ort in Augenschein zu nehmen – obwohl die Kreuzung kaum 200 Meter von Gerichts- und Staatsanwaltschaftsgebäude entfernt ist.

Wesentlich schlimmer als das Urteil gegen Doerfer: Seine Beifahrerin, eine angehende Juristin, handelte sich einen Strafbefehl über 1800 Euro ein, weil sie im Verfahren ausgesagt hatte, Doerfer sei eindeutig bei Grün angefahren. Ein solcher Strafbefehl wäre das Aus für ihre juristische Karriere – jahrelanges Studium und weitere juristische Ausbildung wären umsonst gewesen.

Ende Januar, mehr als ein Jahr nach dem folgenschweren Bagatellunfall, die Wende: Die Freifahrtphase für Busse war viel zu kurz, belegten auch Berichte im Göttinger Tageblatt. Die Autofahrer bekamen schon Grün, als der Bus gerade losgefahren war und noch längst nicht alle Fahrspuren überquert hatte. Auch das war nicht aufgefallen, weil Gericht und Staatsanwaltschaft keine Veranlassung gesehen hatten, sich die Ampelschaltung persönlich anzusehen.

Das brachte Doerfer dazu, die Verfahren gegen ihn und seine Beifahrerin wieder aufzunehmen. Dabei fand der Göttinger Anwalt heraus, dass die Stadt in seinem Gerichtsverfahren einen veralteten Schaltplan vorgelegt hatte, in dem für den Bus nicht die tatsächliche fünfsekündige Freifahrtphase angegeben war, sondern satte 58 Sekunden. Daraus, sagt Doerfer, ergebe sich zwangsläufig, dass er am 16. Oktober 2015 Grün gehabt haben müsse, als er losfuhr. Nun möchte er das Urteil gegen ihn aufheben lassen, seine Anwaltskosten ersetzt bekommen und die Punkte im Verkehrsregister löschen lassen. Und vor allem den Strafbefehl gegen seine Beifahrerin annulliert bekommen.

Zumindest in den Fall der angehenden Juristin kommt jetzt offenbar auch von der Gegenseite Bewegung. Wegen „nach Beantragung des Strafbefehls bekannt gewordener Umstände“ will die Göttinger Staatsanwaltschaft „nunmehr prüfen, ob an dem Antrag festgehalten oder ob dieser zurückgenommen wird“, erklärt die Behörde.

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