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Busunternehmen Rizor unterstützt mit Werbung die Arche Göttingen

100 Prozent für die Kinder Busunternehmen Rizor unterstützt mit Werbung die Arche Göttingen

Ein weißer Bus, Werbung darauf. An und für sich nichts Ungewöhnliches, doch in diesem Fall steckt ein guter Zweck dahinter. Denn sämtliche Werbeflächen, die das Busunternehmen Rizor mit Standorten in Nesselröden und Hildesheim auf seinen Bussen herumfährt, stellen das Kapital der Stiftung „Kinder haben Vorfahrt“ dar – „normale“ Werbung, die in die Unternehmensbilanz einfließt, gibt es nicht.

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Basteln mit Khalil, der pädagogischen Mitarbeiterin Justyna und Diana (von rechts) in der Arche Göttingen in Grone.

Quelle: Heller

Hildesheim/Nesselröden. Gegründet wurde die Stiftung von Rüdiger Otto, dem geschäftsführenden Gesellschafter von Rizor. Alles eingeworbene Geld steht direkt für Projekte zur Verfügung und wandert nicht in ein Stiftungsvermögen.

„Ich habe mich jahrelang gefragt, wie ich mich begleitend zum Betriebsalltag sozial engagieren kann“, erzählt Otto. „Nach dem Feierabend etwas aufzubauen, funktioniert in der Regel nicht, weil die Batterien leer sind. Also habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, das aus dem Unternehmen heraus zu gestalten.“

Über zwei Jahre zog sich der Aufbauprozess der Stiftung hin, bis Vorstandsmitglieder gefunden waren, ein Marketing-Konzept für die Ansprache von Werbetreibenden stand und beispielsweise klar war, wie Rechnungen geschrieben werden mussten. Auf der anderen Seite musste entschieden werden, was eigentlich mit den Stiftungseinnahmen finanziert werden soll.

„Wie sieht ein sinnvolles Engagement in der Kinderhilfe aus?“ – das haben Rüdiger Otto und der Stiftungsvorstand über zwei Jahre diskutiert. „Machen wir das global oder bleiben wir vor der eigenen Haustür?“ Die Entscheidung fiel auf letzteres. Und auch darauf, nicht selbst die Projektleitung zu übernehmen.

„Kinderhilfe wird bereits hochprofessionell betrieben, da müssen wir das Rad nicht neu erfinden. Wir suchen also „nur“ vorhandene Projekte, die in unseren Stiftungszweck passen – unser eigentlicher Job besteht dann darin, das Geld dafür einzusammeln. Die Stiftung selbst soll dabei gar nicht in den Vordergrund treten, sondern das Projekt.“

Seit wenigen Monaten ist die Website der Stiftung online und in der Werbeflächenvermarktung gibt es nennenswerte Erfolge, etwa 15 der 130 Fahrzeuge von Rizor sind bereits vermarktet. „Wir sind jetzt lauffähig“, sagt Otto.

Das Premierenprojekt der Stiftung ist die Unterstützung der Göttinger Arche in Grone. Archen gibt es seit 1995 in Deutschland, inzwischen existieren bundesweit 20 Einrichtungen, hinzu kommen noch zwei Häuser in der Schweiz und eines in Polen. Täglich finden hier etwa 4000 Kinder und Jugendliche eine betreute Anlaufstation.

„Viele Kinder haben Defizite, weil es sich die Eltern nicht leisten können oder wollen, sich um sie zu kümmern“, sagt Wolfgang Büscher, Pressesprecher des Kinderprojektes Arche. „Und in Deutschland leben etwa drei Millionen Kinder, das sind über 20 Prozent, in Armut, auch emotionaler Armut. Wenn Kinder in Familien aufwachsen, in denen sich die Eltern aufgegeben haben, wachsen sie auch mit dieser Haltung auf. Wenn wir Umfragen in den Archen machen, dann ist der drittgrößte Berufswunsch inzwischen Hartz 4. Wir suchen Fachkräfte, aber vernachlässigen unsere Kinder.“

Die Finanzierung der Archen geschieht vollständig über private Spenden, ein neues Haus muss sich durch lokale Unterstützung selbst tragen. Für die Göttinger Arche, entstanden 2011, war das nicht leicht. Rossmann und die Commerzbank engagierten sich zwar, aber durch finanzielle Engpässe mussten die Öffnungszeiten zeitweilig auf zwei Tage reduziert werden. Inzwischen sind wieder vier Tage möglich, das Ziel sind fünf.

„Dass die Stiftung Kinder haben Vorfahrt auf uns zukam, ist ein ganz großes Glück“, sagt Henriette Koch, Leiterin der Arche und eine von drei pädagogischen Mitarbeitern dort. „Wir bieten Kindern und Jugendlichen eine offene Anlaufstelle an, mit Hausaufgabenhilfe, Sport, Basteln oder Kochen. Wichtig ist, Beziehungen mit den Kindern zu gestalten.“

Auch weitere Pläne für ein Elterncafé oder eine Kleiderkammer bestehen. Aktuell kommen 20 bis 30 Kinder in die Arche, manchmal aber auch über 50.

„Die Vereinbarung mit der Arche läuft bis Ende 2016“, beschreibt Christiane Otto, die die Geschäfte der Stiftung führt. „Neben der finanziellen Unterstützung wollen wir dafür sorgen, dass die Arche bekannter wird, damit sie später alleine überleben kann.“ Derweil sucht die Stiftung nach einem zweiten Projekt in Hildesheim, das sie unterstützen kann.

Einfach ist das Stiftungsgeschäft jedoch nicht. „Wir verkaufen Werbung und das führt in der Regel dazu, dass schnell der Hörer aufgelegt wird“, sagt Rüdiger Otto. Denn aus Unternehmenssicht besteht erst einmal grundsätzlich die Frage, ob Werbung ja oder nein. Wenngleich sie mit einem sozialen Mehrwert kommt, von dem das eigene Image profitiert. Die ersten Werbungen sind daher über persönliche Kontakte zustande gekommen.

Rüdiger Otto jedenfalls sieht in der Idee ein großes Potenzial. „Ich habe die Vision, dass wenn wir Fahrt aufgenommen und mehr Aufmerksamkeit für die Idee gewonnen haben, wir sie auch auf andere Nahverkehrsunternehmen ausweiten. Das wäre fantastisch, damit können wir die Hilfe vor Ort auf ein ganz anders Niveau heben.“

Von Sven Grünewald

Stiftungsformen im Überblick

Die Stiftung selbst ist keine eigene Rechtsform. Daher gibt es für ihre Errichtung unterschiedliche Möglichkeiten:

  • Die Stiftung des bürgerlichen Rechts ist der Klassiker und genießt ein hohes Ansehen. Charakteristisch für sie ist, dass der Stiftungszweck nicht mehr verändert werden kann.
  • Der Stiftungs-Verein richtet sich nach den für Vereinen geltenden Rechtsvorschriften. Es ist kein Mindestkapital nötig, aber eine Mindestgründerzahl von sieben Personen. Der Stiftungszweck kann durch die Mitgliederversammlung verändert werden.
  • Das ist auch in der Stiftungs-GmbH möglich. Diese benötigt allerdings ein Mindestkapital von 25 000 Euro.
  • Eine Treuhand-Stiftung kann dagegen auch mit einem geringen Kapitalbetrag gegründet werden. Ihr Vermögen ist aber Eigentum des Treuhänders, weshalb die Treuhandstiftung selbst keine Rechtspersönlichkeit ist, also nicht am Rechts- und Geschäftsverkehr teilnehmen kann.

Von Jonas Rohde

Von Sven Grünewald

„Element humanitärer Verantwortung“

Veronika Frels engagiert sich bereits seit ihrem 18. Lebensjahr ehrenamtlich. Neben der Tätigkeit in zahlreichen Fördervereinen ist sie seit 2002 Vorsitzende des Palliativ Fördervereins der Universitätsmedizin Göttingen und im Stiftungskuratorium der Stiftung für das Palliativzentrum vertreten.

Was ist Ihr Eindruck – gibt es ein großes soziales Engagement in Göttingen?

Einerseits finde ich das ehrenamtliche Engagement in den verschiedenen Bereichen sehr ausgeprägt. Andererseits gibt es immer zu wenig ehrenamtlich Tätige, dabei ist es eine ganz wichtige Säule unseres Staates und unserer Gesellschaft. Gäbe es das Ehrenamt nicht, würde der Staat in vielen Bereichen des öffentlichen und sozialen Lebens zusammenbrechen, weil er sich die finanzielle Belastung nicht leisten könnte. Zum Beispiel Katastrophenschutz, Palliativ- und Hospizdienste – die Liste wäre unendlich lang.

Sehen Sie einen steigenden gesellschaftlichen Bedarf für ehrenamtliche Tätigkeiten – etwa, wenn man an zunehmende Alters- oder Kinderarmut oder die vereinsamenden Alten denkt?

Ja, den sehe ich durchaus. In den genannten Bereichen, aber einen will ich noch ergänzen: die Flüchtlinge, die wir jetzt und in den nächsten Jahren zu erwarten haben, ihre Eingliederung und Betreuung. Das ist mit Sicherheit ein großes kommendes Feld.

Engagieren sich heute mehr Menschen als früher?

Ich habe den Eindruck, dass sich die Jugend durchaus wieder stärker engagiert. Weniger passiert in der Gruppe der mittelalten bis Rentner. Allerdings ist das Leben schnelllebiger und auch egoistischer geworden, die einen wollen viel Freizeit, die anderen haben für ein Ehrenamt durch Beruf und Familie kaum Zeit. Das heißt, die Jungen und Älteren tragen im Wesentlichen das Ehrenamt. Meiner Erfahrung nach ist es aber schwieriger geworden, Ehrenamtliche zu finden, die für längere Zeit kontinuierlich eine Aufgabe übernehmen; für kürzere Projekte ist die Bereitschaft generell größer. Ehrenamtliche Tätigkeit muss gesellschaftlich aufgewertet und zum Beispiel auch im Lebenslauf oder in Zeugnisse mit aufgenommen werden.

Wo gibt es speziell in Göttingen Defizite?

Bei Flüchtlingen ist sicher noch ein Bedarf. Aber ich bin ja auch ein Verfechter der Gründung von Fördervereinen, die in etlichen Bereichen – egal ob Kirche, Sport, Soziales, Tierschutz, Schule etc. – durchaus helfen würden, um die Ehrenamtlichkeit zu unterstützen. Da ist auch in Göttingen praktisch in allen Bereichen noch Bedarf. Ein Förderverein kann bestimmte Themen und Planungen vorantreiben, kann Mittel einwerben, die zum Teil auch steuerlich abgesetzt werden können. Das ist bedeutend leichter, wenn sich Engagierte in Vereinsform organisieren, statt sich lose zusammenzufinden.

Was ist Ihre Motivation?

Meine Erziehung, aufwachsen in einem bayrischen Dorf,  hat mich gelehrt, dass man nicht alleine auf der Welt ist, sondern sich auch für andere einsetzten sollte und muss. Durch ein Ehrenamt erfährt man aber auch selbst viel Positives, gerade im sozialen Bereich, wenn man Menschen wirklich helfen kann.

Ehrenamt ist ein wesentliches Element von Solidarität und humanitärer Verantwortung von Bürgern. Ich habe öfter den Satz gehört: Ich engagiere mich, weil ich von der Gesellschaft profitiert habe und jetzt etwas zurückgeben will. Das ist ein sehr guter Leitsatz. Gerade jetzt, wo wir eine ältere Bevölkerung haben, die weitgehend finanziell gut ausgestattet ist und sich die Zeit nehmen könnte, sollte sich jeder möglichst überlegen, ob er sich nicht gemäß seiner Interessen einbringen möchte.

Das Interview führte Sven Grünewald

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