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Café Kabale setzt Beamtin der Stadt vor die Tür

Beschäftigte der Ausländerbehörde nicht bedient Café Kabale setzt Beamtin der Stadt vor die Tür

Das Café Kabale hat einer Frau ein Frühstück verweigert und sie rausgeschmissen, weil sie Mitarbeiterin der Göttinger Ausländerbehörde ist. Die Stadt sieht darin einen „Verstoß gegen das Anti-Diskriminierungsgesetz“, der zum Entzug der Gaststättenlizenz führen könnte.

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Quelle: CH

An einem Sonntag im März hatten Freunde die Beschäftigte aus der Göttinger Ausländerbehörde ins Kabale zum Frühstück eingeladen. Getränke wurden den Gäste noch serviert, ein Frühstück bekamen sie nicht mehr. Ein Mitarbeiter des Kabale habe die Frau unvermittelt auf ihre Tätigkeit bei der Stadt angesprochen, sagen Zeugen . Dann habe er sie aufgefordert, das Café zu verlassen, und angefügt: „Beschäftigte der Ausländerbehörde werden hier nicht bedient.“ So wird der Vorfall auch in einem Flugblatt zu einer Kundgebung vergangene Woche gegen Abschiebung beschrieben. Die Verfasser loben zugleich das „couragierte Einstehen“ des Kabale-Teams „gegen den rassistischen Alltag in Göttingen“. Hintergrund ist vor allem die derzeitige Abschiebepraxis Niedersachsens gegen Aschkali und Roma. Zum Zeitpunkt des Vorfalls wurde im Kabale eine Ausstellung der Initiative „Kein Mensch ist illegal“ gezeigt.

Die betroffene Mitarbeiterin fühlt sich durch den Vorfall „völlig bloßgestellt“. Sie habe sich mit Freunden in ihrer Freizeit im Café Kabale aufgehalten und wisse selbst Privates und Dienstliches zu trennen. Etwas ähnliches habe sie bisher noch nie erlebt. „Gerade dort, wo für Verständnis für jedermann geworben wird“, habe sie „mehr Toleranz“ erwartet. „Wirklich erschüttert“ habe sie aber der Appell in dem Flugblatt: „Kein Frühstück für Rassist_Innen!“ „Ich bin keine Rassistin und könnte meinen Dienst kaum ausüben, wenn ich solche Gedanken hätte“, sagt sie.

Unter den Beschäftigten der Verwaltung herrsche „Entsetzen und Traurigkeit“, sagt Verwaltungssprecher Detlef Johannson. Die Stadt habe den Trägerverein des Kabale mehrfach aufgefordert, sich zu dem – möglicherweise diskriminierenden – Fall zu äußern. Mehrere Gesprächsangebote seien nicht angenommen oder kurzfristig abgesagt worden. Vor diesem Hintergrund „prüfen wir auch, ob die Sache gaststättenrechtlich behandelt werden muss“, so Johannson.

Das Kabale wird von einem Kollektiv geführt, dem etwa 15 gleichberechtigte Mitstreiter angehören sollen. Die Runde hat den Vorfall nach der Tageblatt-Anfrage am Mittwoch diskutiert, bisher aber keine Stellungnahme abgegeben.

Kommentar von Ulrich Schubert

Toleranz ist anders

Niemand darf wegen seiner Rasse, ethnischen Herkunft, Religion, Weltanschauung, Behinderung, seines Geschlechts, Alters oder wegen seiner sexuellen Identität benachteiligt werden. So steht es im Antidiskriminierungsgesetz, das eigentlich Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz heißt. Kein Wort von einer Berufstätigkeit. Rein rechtlich dürfte es schwierig sein, dem Kabale diskriminierendes Verhalten vorzuwerfen. Moralisch und politisch sieht es ganz anders aus.
Das Kabale beschreibt sich selbst als „Laden, den viele Gesichter beleben und der viele Gesichter hat“. Es ist ein politischer Laden, studentisch und links orientiert. Mit Ausstellungen und vielen Aktionen setzt sich das Kollektiv gegen Diskriminierung, Abschiebung und Ausgrenzung jeder Art ein. Das ist gut so.
Wer von anderen aber breite Toleranz erwartet, muss diesem Anspruch auch selbst genügen. Man könnte noch Verständnis für den Rausschmiss haben, wenn jemand mit offener ausländerfeindlicher Gesinnung das Café besucht. Nicht aber, wenn jemand allein durch seinen Arbeitsplatz ungern gesehen wird.

Von Ulrich Schubert

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