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Caricatura-Chef Sonntag über Kunst, Konsens und Satire

Ausstellung „Geschmackssache“ Caricatura-Chef Sonntag über Kunst, Konsens und Satire

Sexismus und Antisemitismus: Das sind die Kritikpunkte, die zum vorzeitigen Ende der Ausstellung „Geschmackssache“ in der Zentralmensa des Studentenwerks geführt haben. Der Chef der Caricatura, Galerie für komische Kunst in Kassel, Martin Sonntag, äußert sich im Interview dazu.

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Martin Sonntag

Quelle: Christoph Oppermann

Kassel/Göttingen. Die Diskussion um die abgehängte Ausstellung „Geschmackssache“ in der Zentralmensa des Studentenwerks ist noch nicht beendet. Sexismus und Antisemitismus werfen Kritiker den Bildern vor. Martin Sonntag ist Chef der Caricatura, Galerie für komische Kunst in Kassel. So bewertet er das Thema:

Ist eine Ausstellung in einer Mensa statt in einer Galerie eine besondere Herausforderung?

Präsentationen im öffentlichen Raum, wozu man eine Mensa im weitesten Sinne zählen kann, haben durchaus die Problematik, dass die Betrachter nicht „vorgewarnt“ sind, was sie sehen werden. Wer in eine Galerie der Alten Meister geht, weiß, dass er höchstwahrscheinlich Religiöses, Blut und nackte Haut zu sehen bekommt. Wer in eine Galerie für Satire geht, weiß, dass er höchstwahrscheinlich Kritisches, Absurdes und Grenzwertiges zu sehen bekommt. Nun können aber auch – besonders im öffentlichen Raum – Brüche und Irritationen interessante künstlerische Standpunkte sein. Wir haben gerade in Kassel eine Documenta hinter uns. Sie ahnen ja nicht, was da alles…

Satire gefällt selten jedem. Wo ist die Grenze erreicht?

Laut Kurt Kurt Tucholsky darf Satire alles. Das stimmt, ist aber leider auch falsch. Satire darf nicht, was gegen unsere Gesetze verstößt. Bei justiziablen Satiren geht es in der Regel um die Themen Beleidigung oder Verletzung des Persönlichkeitsrechts.Ein anderes Thema ist der sogenannte Geschmack, oder noch schlimmer: der gute Geschmack. Wir verabreden uns als Gesellschaft auf Konsensmarken, die wir nicht verletzen wollen. Diese Konsensmarken unterliegen einem stetigen Wandel, denn unsere Gesellschaft selbst verändert sich permanent. So sind beispielsweise Umgangsformen oder Formulierungen, die in der Vergangenheit undenkbar waren, mittlerweile salonfähig oder zur Normalität geworden. Kunst, und hier insbesondere die Satire, hat unter anderem die Aufgabe zu schauen, wo diese Konsensmarken aktuell verlaufen, wie sie aussehen.

Vorwurf Antisemitismus: Wie bewerten Sie das Schweinebild von Ulrike Martens?

So wie ich Ulrike Martens kenne, kann ich mir nicht ansatzweise vorstellen, dass sie eine antisemitische Intention mit diesem Motiv verfolgt. Sie bebildert Wortspiele oder setzt Begriffe eins zu eins bildlich um. In der Ausstellung gab es von ihr einen Zyklus von sieben Bildern zum Thema „Zunge“, was ja eigentlich auch passend in einer Mensa ist. Das Plakatmotiv ist im Kontext dieser Serie zu verstehen. Hier geht es nicht um Albert Einstein als Juden, sondern um den Albert Einstein, von dem das wahrscheinlich berühmteste Zungenfoto der Welt existiert. Dass dieses Motiv zu entsprechender Reaktion führt, zeigt, dass hier in der Wahrnehmung des Betrachters eine Konsensmarke unserer Gesellschaft verletzt wurde – auch, wenn dies von der Künstlerin nicht beabsichtigt war.

Vorwurf Sexismus: Wie bewerten Sie die Zeichnungen von Marion Vina?

Die leicht erotischen Zeichnungen mit satirischem Kommentar von Marion Vina würden in einer Galerie oder in einem Museum nicht zu einer solchen Reaktion führen. Hier spielt die Präsentation an einem öffentlichen Ort wohl die entscheidende Rolle. Eine Sexismusdebatte sollte allerdings auch eine Debatte sein. Dem Vernehmen nach wollte aber bisher niemand mit der Künstlerin debattieren.

Abhängen: Ist das der richtige Weg?

Miteinander reden ist oftmals sinnvoller. Allerdings gilt das ungeschriebene Ausstellungsgesetz: Wenn ein Bild abgehängt wird, wird die ganze Ausstellung abgehängt.

Braucht solch eine Ausstellung einen Kurator?

Es gab schon immer Ausstellungen von Kollektiven in Eigenregie. Wenn ein Kurator als Zensor gemeint ist, heißt die Antwort: Nein. Auch Kuratoren machen manchmal komische Sachen. Also, wir haben gerade in Kassel eine documenta hinter uns. Sie ahnen ja nicht, was da alles…

Von Britta Bielefeld

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