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Chicksexing-Prozess: Angeklagte fühlen sich unschuldig

Fünf Millionen Euro unterschlagen Chicksexing-Prozess: Angeklagte fühlen sich unschuldig

Was ist ein Chicksexer? Die Frage nach dem Beruf lässt sich schnell klären: Jemand, der bei Eintagsküken das Geschlecht bestimmt. Die Frage nach der arbeits- und sozialrechtlichen Einstufung von Chicksexern aber beschäftigt nun die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Göttingen.

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Chicksexing-Prozess vor Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Göttingen: Angeklagte fühlen sich unschuldig.

Quelle: dpa

Göttingen/Uslar. Zwei Unternehmern aus Uslar wird vorgeworfen, fast fünf Millionen Euro Sozialabgaben hinterzogen zu haben, weil sie ihre angestellten Chicksexer wie Selbstständige behandelt haben sollen, obwohl sie tatsächlich Arbeitnehmer gewesen sein sollen.

Der 51 Jahre alte Geschäftsführer einer auf Geschlechtsbestimmung von Küken spezialisierten Firma sowie sein 55 Jahre alter Bruder sind in 71 Fällen des Vorenthaltens von Arbeitsentgelt und in 26 Fällen auch des gewerbsmäßigen Betruges angeklagt.

Zum Auftakt haben die ansonsten schweigenden Angeklagten alle Vorwürfe zurückgewiesen. Sie hätten sich, so ihre Verteidiger, „objektiv nicht strafbar gemacht“, weil die Kükensortierer keine Arbeitnehmer seien. Selbst wenn diese Einschätzung fehlerhaft gewesen sein sollte, fehle jeder Vorsatz. Die Einstufung selbstständiger Chicksexer sei allenfalls ein Fall fürs Sozialgericht.

Spezialisten aus China und Korea

Tatsächlich hatten die Angeklagten, die die Firma ihres Vaters übernommen hatten, der seit 1973 Spezialisten aus China und Korea nach Deutschland holte, um sie in kleinen Gruppen für Tageseinsätze an Brütereien in ganz Europa zu vermitteln, die Lohnsteuer für die Asiaten stets abgeführt.

Im Finanzamt war dann bei einer Besprechung 2004 aber aufgefallen, dass keine Sozialabgaben gezahlt wurden. Es begannen die Ermittlungen des Hauptzollamtes, zuständig für Schwarzarbeit, die schließlich zur Anklage für den Zeitraum 1999 bis 2005 führten.

Zwischenzeitlich hatte sich das Bundesverfassungsgericht mit der Frage zu beschäftigen, ob wahrheitsgemäße Angaben gegenüber dem Finanzamt dazu führen dürfen, dass strafrechtlich ermittelt wird. Ja, lautete am Ende die Entscheidung – deshalb jetzt der Prozess.

„Entgelt, keinen Lohn“

Denn die Zollfahnder hatten die Firma in Uslar, ein Ferienhaus, das Büro des Steuerberaters, Büros der Gruppenführer und mehrere Banken durchsucht und hunderte Aktenordner beschlagnahmt, aus denen sich die Anklage speist.

Gestern sagte der Hauptermittlungsführer aus und schilderte den Einsatz der Asiaten – den er freilich selbst nur „aus dem Internet“ kenne. So schlüpfen in riesigen Brütereien 20 000 bis 50 000 Küken gleichzeitig, und Trupps von eigens in der Heimat ausgebildeter Asiaten haben nur wenige Stunden Zeit, Hühnchen von Hähnen zu trennen.

Die Firma der Angeklagten vermittelt die Trupps mithilfe von Gruppenführern. Die Brütereien zahlen pauschal an diese, der Gruppenführer behält eine Provision, gibt den Rest an die Firma der Angeklagten, und diese zahlt, abhängig von der Zahl getesteter Küken, ein Entgelt an die mit Langzeitvisa in Deutschland lebenden Asiaten aus.  „Entgelt, keinen Lohn“, betont die Verteidigung.

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