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Barockmusik aus dem Dschungel

Sonidos de la Tierra in Göttingen Barockmusik aus dem Dschungel

Die barocke Jesuitenmusik aus den Urwäldern Südamerikas haben der Chor und das Orchester Sonidos de la Tierra am Montagabend in der Göttinger Kirche St. Michael erklingen lassen. 21 junge Künstler spielten die mitreißende Musik, die im 17. Jahrhundert in den Indianersiedlungen der Jesuiten entstanden ist.

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Der Jesuitenmusik widmet sich das Orchester Sonidos de la Tierra.

Quelle: Niklas Richter

Göttingen. Reduktionen („Siedlungen“) nannten sich die befestigten Dörfer, die der katholische Orden vor allem im Gebiet des heutigen Paraguay, aber auch in angrenzenden Regionen gründete. Die Jesuiten christianisierten dort die einheimischen Völker, nicht zuletzt die Guaraní. Die Ureinwohner fanden in den Reduktionen Schutz vor Sklavenjägern, aber auch vor Großgrundbesitzern, die sie zur Zwangsarbeit verpflichten wollten. Das ärgerte die Kolonialherren. Rund 150 Jahre lang bemühten sie sich beim Papst um eine Vertreibung der Jesuiten, was ihnen dann 1767 gelang.

„Die Jesuiten gründeten in den Reduktionen Chöre und Orchester“, berichtete Sonidos-Dirigent Luis Szarán dem Tageblatt. Die im Dschungel gepflegte Barockmusik mit ihren harmonischen Wendungen und Melodien präge bis heute die Folklore der Region. Die Partituren der alten Stücke hätten dagegen nach der Zerstörung der Reduktionen lange als verschollen gegolten.

„Der Schweizer Architekt Hans Roth entdeckte bei Restaurierungsarbeiten an alten Jesuitenkirchen in Bolivien die Noten von 5500 Stücken“, erzählte Szarán. Der Musikwissenschaftler und Komponist startete 2002 gemeinsam mit der Jesuitenmission das Projekt Sonidos de la Tierra („Töne der Erde“), um die alte Musik wieder aufzuführen. Im Laufe der Jahre entstanden in 120 Dörfern in Paraguay Musikschulen, in denen heute mehr als 10 000 Jugendliche ein Instrument erlernen. Die besten unter ihnen erhalten ein Stipendium. Einmal in der Woche reisen sie für einen ganzen Tag in die Hauptstadt, um dort zu üben. Einige von ihnen, fast alles Musikstudenten, sind nun für eine Tournee nach Deutschland gekommen.

Mit dem Instrumentalstück „Barroco Guaraní“ des italienischen Organisten Domenico Zipoli (1688-1726) begann das Konzert. Der Solist Juan Ayala spielte Querflöte. Mit glockenklarer Stimme sang die Sopranistin Bethania Urbieta das älteste erhaltene Stück Jesuitenmusik: Ara vale hava pehenduava. Der Text ist auf Guaraní, einer Sprache, die 90 Prozent der Paraguayaner beherrschen. Musikwissenschaftler Piotr Nawrot entdeckte das Werk in Bucheinbänden, zu denen die alten Partituren verarbeitet worden waren.

Ein Minuetto für zwei Violinen schuf der indianische Komponist Julian Atirahu. Gustavo Barrientes, Szaráns Assistent, spielte das Stück gemeinsam mit Radolfo Britos. Gewaltig an schwoll die Musik beim „Salve Regina“ des Schweizer Jesuiten Martin Schmid (1694-1772), der sich nicht nur als Musiker, sondern auch als Architekt einen Namen gemacht hat. Das kürzlich wiederentdeckte und auf der Sonidos-Tournee uraufgeführte Stück gehört wohl zu den besten Kompositionen der jesuitischen Barockmusik. „Aus zeitgenössischen Berichten ist bekannt, dass es die Kinder noch nach der Messe auf dem Heimweg sangen“, erzählte Szarán.

Im zweiten Teil des Konzerts erhielt die 18-jährige Harfenistin Eva Gonzalez als famose Solistin bei der Guaraní-Messe besonders viel Applaus. Missionar Anton Sepp aus Südtirol führte die Harfe einst in Südamerika ein. Sie ersetzte die Orgel, die dem tropischen Klima nicht gewachsen war. Die Harfe entwickelte sich zum Nationalinstrument Paraguays. Begeistert feierten die Göttinger den jüngsten Musiker des Orchestes, Juan Sebastián Duarte (15), der Bandoneon spielte.

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