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Cornelia Marahrens war 18 Jahre lang die Stimme der Göttinger Gerichtsbarkeit

Zwei Bodenfelde-Prozesse, die aufwühlten Cornelia Marahrens war 18 Jahre lang die Stimme der Göttinger Gerichtsbarkeit

Finstere Gestalten haben ihren beruflichen Weg gesäumt: Elektro-Otto zum Beispiel, oder Lydia, die schwarze Witwe. Da war der  Kindermörder Jan O., dessen Schilderung selbst hart gesottene Gerichtsreporter bleich werden ließ.

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Quelle: Hinzmann

Göttingen. Und die Schicksale der Familien haben berührt, die ein Kind verloren haben oder die das Opfer eines Verbrechens ein Leben lang werden pflegen müssen. Berichte von Mordprozessen haben 18 Jahre lang den Berufsalltag von Cornelia Marahrens mit bestimmt. Jetzt ist die 63-jährige Vizepräsidentin des Landgerichts Göttingen nach 37 Jahren im Dienst der Justiz in den Ruhestand getreten.

Am Anfang aber stand eine Lichtgestalt: Dass sie Juristin werden würde, dass sie es bis zur Vizepräsidentin bringt - das war der Tochter einer Flüchtlingsfamilie nicht vorbestimmt. Medizin oder Jura, vielleicht auch Journalistin? Das war nach dem Abi die Frage, die der charismatische Strafrechtler Claus Roxin damals zu Gunsten der Jurisprudenz entschied. Die junge Conny hörte eine der Vorlesungen des „Grenzgängers zwischen Strafrecht und Literatur“, wie der Göttinger Professor zu seinem 80. Geburtstag genannt wurde. Da war der Fall klar - und Conny begeistert.

Jura also: Nach dem Studium als Richterin am Amtsgericht Northeim, dann am Landgericht Hannover, von 1986 bis 91 in Göttingen, als Dezernentin in Personalsachen als erste Frau in dieser Funktion am Oberlandesgericht Celle, schließlich ab 1997 wieder in Göttingen als Vizepräsidentin. Zu dieser Funktion gehört neben richterlichen Aufgaben und Personalverantwortung auch die Rolle des Pressesprechers. Das reicht von simplen Anfragen, wann denn wohl in dieser oder jener Sache verhandelt wird, bis hin zu Live-Interviews zu heiklen Urteilen vor Dutzenden Kameras.

Als Marahrens 1997 anfing, lief gerade der Pillinger-Prozess, Elektro-Otto, der seine Ehefrauen mit Elektroschocks tötete. Im Vergleich zu den beiden großen Bodenfelde-Prozessen waren die Eskapaden Elektro-Ottos nur amüsant. Anders die Schwarze Witwe, die mehrere ihrer Ehemänner getötet hat, um sie zu beerben, sowie der Prozess gegen Jan. O. der in Bodenfelde zwei Kinder umbrachte. Die Details der Schilderungen O.s ließen schon bei der Anklageverlesung Zuhörer reihenweise aus dem Schwurgerichtssaal laufen.

Die Pressesprecherin hatte sie in Kameras und Mikrophone zu erklären, weil weite Strecken der Prozesse unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden. Wegen des großen Interesses war die Jutiz die Erklärung schuldig, wie das Gericht sich seine Überzeugung bildet.  Wie heikel diese Berichte aus verschlossenem Gerichtssaal sind, zeigte ein anderer Prozess: Marahrens äußerte im Fall eines versuchten Totschlags gegen ein Kind eine Einschätzung. Die, so unterstellte die Verteidigung, könne sie nur vom Vorsitzenden haben. Prompt folgte ein Befangenheitsantrag.

Die Gratwanderung zwischen Information der Öffentlichkeit, Presserecht und Persönlichkeitsschutz schloss auch Zivilprozesse ein. Die Presse fragt die Sprecherin, die urteilt als Zivilrichterin in Verfahren mit Parteien, nach denen die Presse fragt, und am Ende kann es sein, dass ganz ähnliche Fälle vor der Pressekammer landen, der Marahrens lange vorsaß.

Und was hat die Richterin Marahrens nachhaltig bewegt? Ein Heiratsschwindler. Der Mann hatte einer Frau die Ehe versprochen, hatte 80000 Mark der Frau mit ihr durchgebracht, war voller Reue und wollte bestraft werden. Die junge Richterin Marahrens hat ihn nicht verurteilt, denn was moralisch verwerflich war, war selbst damals noch lange kein Betrug.

Bleibt noch der Blick in die Zukunft: „Das lasse ich auf mich zukommen: Männer planen den Ruhestand, Frauen genießen ihn.“ Entscheidend sei, dass sie nicht mehr gebunden sei und soziale Kontakte pflegen könne. Ein Nachfolger ist noch nicht benannt.

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