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Das Tageblatt im digitalen Zeitungskiosk Blendle

Neues Online-Angebot Das Tageblatt im digitalen Zeitungskiosk Blendle

Print-Inhalte im Internet zu verkaufen, gilt nach wie vor als Herausforderung. In Deutschland haben Verlage jetzt eine Plattform mehr dafür. Blendle hat zum Start viele Medien überzeugt. Auch die Mediengruppe Madsack.

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Der Digitalkiosk Blendle, über den Artikel aus Zeitungen und Magazinen online gekauft werden können, ist in dieser Woche mit mehr als 100 Titeln offiziell in Deutschland gestartet. Neben überregionalen Titeln wie „Der Spiegel“, die „Süddeutsche Zeitung“, „Die Welt“, „Die Zeit“, die „Bild am Sonntag“, „Handelsblatt“, „Focus“ oder die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ist auch die Madsack Mediengruppe mit seinen Regionalzeitungen bei Blendle vertreten sein.

Zum Start sind sechs Madsack-Titel sowie das Wochenendjournal Sonntag aufrufbar. Dazu gehören: die Leipziger Volkszeitung, die Hannoversche Allgemeine Zeitung, die Märkische Allgemeine, das Göttinger und Eichsfelder Tageblatt sowie Neue Presse und das Wochenendjournal Sonntag.

„Wir freuen uns, dass unsere regionalen Tageszeitungen zum Start von Blendle in Deutschland mit dabei sind“, sagt Christoph Rüth, Geschäftsführer der Madsack Mediengruppe. „Für uns sind digitale Kioske ein  spannender, zusätzlicher Weg, um Leser zu erreichen.“ Ziel sei es, neue digitale Vertriebskanäle und Erlöse auszutesten. Gleichzeitig sollten auf diesem Weg Erfahrungen über das digitale Leseverhalten von Kunden gesammelt werden.

Bei Blendle können registrierte Nutzer die einzelnen Zeitungsausgaben der Medien Seite für Seite durchblättern, lesbar sind dabei allerdings nur die Überschriften. Will man den gesamten Artikel lesen, muss man zahlen. Der Preis wird von den Verlegern selbst festgelegt und meist nach Länge gestaffelt. Tageblatt-Artikel kosten in der Regel 15 und 25 Cent.

Blendle ist im Frühjahr 2014 in den Niederlanden gestartet und hat dort bislang mehr als 400000 Nutzer. Sie kaufen im Schnitt zehn bis 15 Artikel pro Monat. Etwa zwei Drittel der Kunden seien im Alter unter 35 Jahren. Das ist eine Zielgruppe, die für Printmedien als schwieriger zu erreichen gilt. Der Anteil der jungen Kunden sei auch mit dem Wachstum der Nutzerzahlen stabil geblieben, sagte der Mitgründer der Plattform, Marten Blankesteijn.

In den einzelnen Rubriken werden auch ausgewählte Artikel von Kuratoren den Nutzern vorgeschlagen. Für die deutsche Version sind das unter anderem der Digital-Chef des „Guardian“, Wolfgang Blau, die Chefredakteurin der „Wirtschaftswoche“, Miriam Meckel, sowie Tilo Jung von „Jung + Naiv“. In der Testphase hätten einige hundert Nutzer den Dienst ausprobiert.

Einige hätten gleich 50 Euro auf ihre Blendle-Konten hochgeladen. Bei Blendle kann ein Nutzer sein Geld zurückverlangen, wenn er von einem Artikel enttäuscht wurde. Auch dieses Angebot sei von den Nutzern in Deutschland bereits in der Testphase in Anspruch genommen worden, sagte Blankesteijn. „Aber so eine Funktion will man am Anfang auch ausprobieren, dann sinken die Zahlen, das haben wir schon in den Niederlanden gesehen.“

Blendle, an dem der Medienkonzern Springer und die „New York Times“ beteiligt sind, ist nicht das einzige Angebot zum Online-Kauf von Print-Inhalten auf dem deutschen Markt. So startete im Mai der Online-Kiosk Pocketstory. Auch Madsack hat für dieses Jahr weitere Kooperationen mit digitalen Kiosken angekündigt, auf denen redaktionelle Artikel aus einem verlagsübergreifenden Pool von Tageszeitungen und Magazinen einzeln gekauft werden können. Die Inhalte der Madsack-Titel werden künftig unter anderem bei den Diensten Pressreader, i-Kiosk, Pocketstory, Yones und Sharemagazines abrufbar sein.

Von Andrej Sokolow und Michael Brakemeier

 
Blendle nutzen

• Um das Angebot von Blendle nutzen zu können, ist eine kostenlose Anmeldung über die Internetseite blendle.com erforderlich. Dort lassen sich in einem ersten Schritt die Lieblingszeitschriften und -zeitungen auswählen.

• Per Mausklick können Themenschwerpunkte gesetzt werden - von Verbrechen bis Geist und Seele. Nach Eingabe einer E-Mail oder der Einwilligung an Blendle, einen bestehenden Facebook-Account nutzen zu dürfen, spendiert Blendle neuen Nutzern in Startguthaben von 2,50 Euro. Damit können einzelne Zeitungsartikel freigeschaltet und im Account gespeichert werden.

• Über Menüs auf der Startseite lassen sich bei anderen Nutzern beliebte Artikel aufrufen sowie Artikel zu bestimmten, vom Nutzer definierten Suchbegriffen lesen. Auch die aktuellen Ausgaben der Zeitungen und Zeitschriften lassen sich dort nach lesenswerten Artikeln durchstöbern.

• Eine Blendle-App gibt es für die Smartphone-Betriebssysteme iOS und Android.

mib

 

Wie werden wir in Zukunft lesen?

Wie werden wir künftig lesen? Vermutlich wird es mit dem, was wir heute gewohnt sind, so wenig zu tun haben wie damit, wie einst die Elterngeneration gelesen hat. Nie wäre ihr in den Sinn gekommen, auf etwas anderem als Papier zu lesen. Das verhält sich heute anders, längst sind elektronische Medien fester Bestandteil der Lesekultur. Noch ist allerdings keiner auf die Idee gekommen, in einem Kiosk eine Reportage aus dem „Stern“, die Titelgeschichte aus dem „Spiegel“ und den Sportteil aus der Regionalzeitung zu reißen, um damit wie selbstverständlich zur Kasse zu gehen.

Das Prinzip ist dasselbe wie in der Musik

Inzwischen ist so etwas bei Blendle digital möglich, bei Nichtgefallen bekommt der Kunde sogar das Geld zurück. Von den Erlösen, die Blendle erzielt, gehen 70 Prozent an die Verlage, den Rest behält Blendle. Den beteiligten Unternehmen geht es darum, jeden Weg zu nutzen, um Leser zu erreichen, auch neue und jüngere. Das Prinzip ist dasselbe wie in der Musik. Auch da kaufen viele nur noch einzelne Songs, verpassen dadurch allerdings, dass das Album eines Künstlers mehr ist als die bloße Aneinanderreihung einzelner Lieder, dass es vielmehr ein abgestimmter Mix ist aus Lautem und Leisem, Eingängigem und auch solchem, das bewusstes Zuhören erfordert.

Ähnlich verhält es sich mit Zeitungen und Zeitschriften. Mancher Artikel erfährt erst durch das Umfeld, in dem er erscheint, die Aufmerksamkeit, die er verdient. Trotzdem kaufen immer weniger Menschen Alben. Wird das auch für Zeitungen und Zeitschriften gelten?

Früher war es in jedem Haushalt üblich, die jeweils regionale Tageszeitung abonniert zu haben. Auf dem Wohnzimmertisch lag eine Fernsehzeitschrift und – je nach Bildung, Alter, Geschlecht, Hobby oder Gesinnung – das eine oder andere zusätzliche Blatt. Auf dem Bau wurde „Bild“ gelesen, in der Bahn der „Spiegel“, unter Jungs kursierte der „Kicker“, und beim Friseur gab Frauenzeitschriften. Heutzutage verzichten manche ganz auf gedruckte Medien im Abo. Die Gründe sind unterschiedlich: Wer häufig unterwegs ist, bestellt lieber die elektronische Version seiner Zeitung oder Zeitschrift.

Die E-Paper-Auflagen steigen. Und wer weiß, ob Tablets nicht schon bald durch knitterfreie Displays zum Zusammenrollen ersetzt werden? Andere bevorzugen Papier, wollen sich aber nicht festlegen und entscheiden sich am Kiosk mal für diese Zeitung, mal für jene Zeitschrift. Wieder andere gehen davon aus, im Internet gebe es sowieso alles, wenn auch nicht mehr alles kostenlos. Vor allem unter Jüngeren ist der Glaube verbreitet: Was mich interessiert, wird mich schon erreichen – durch Empfehlungen in sozialen Netzwerken.

Vielleicht gibt es in der Zukunft noch ganz andere Lesegeräte

Aber längst können sich viele kaum noch erinnern, woher die Information stammte, die sie im Netz gelesen haben. Auch dass sie ein Artikel nur erreicht hat, weil der Facebook-Algorithmus berechnet, was welchen Nutzer wohl interessiert, mag manchen nicht bewusst sein.

Vielleicht wird sich die Leserschaft spalten: in jene, die auf die Quelle einer Information kaum noch achten, was anfällig macht für Propaganda und Ab­struses. Und in die, denen die Seriosität des Absenders umso wichtiger ist. Den Überblick zu bewahren wird nicht einfacher, je mehr die sozialen Netzwerke dafür tun, die Nutzer von fremden Webseiten fernzuhalten. Facebook etwa bietet neuerdings sogenannte Instant Articles von „Bild“ und „Spiegel“ an. Sie haben den Vorteil, dass der Nutzer gar nicht erst über einen Link auf die Webseite der Medien umgeleitet wird, sondern bleibt, wo er ist – bei Facebook. Das ist bequem, denn es spart Ladezeiten.

Umso größer wird die Versuchung, sich nicht mehr über das gesamte Angebot eines Mediums zu informieren. Bisher gehen die Verlage trotzdem davon aus, dass das Bedürfnis von Lesern bestehen bleibt, ein in sich geschlossenes Informationspaket von einem klar ersichtlichen Absender zu bekommen – also: eine Zeitung oder Zeitschrift, sei sie gedruckt oder digital. Daneben wird sich der Leser das eine oder andere dazukaufen, auf ganz unterschiedlichen Wegen und aus unterschiedlichen Gründen: wegen des Themas, wegen des Autors oder aufgrund einer Empfehlung.

Vielleicht aber wird ja alles ganz anders kommen, werden Facebook und Twitter von etwas gänzlich Neuem abgelöst, werden andere Formen von Medien und Artikeln entstehen, gar andere Lesegeräte entwickelt, von denen heute noch niemand träumen mag. Vor gar nicht langer Zeit hätte auch niemand damit gerechnet, dass der mit einem Kabel in der Wand verankerte Plastikkasten, bei dem man zum Wählen den Finger in eine Scheibe stecken musste, eines Tages in jede Hosentasche passt und sich außer zum Telefonieren auch zum Lesen, Fernsehen, Fotografieren, Videodrehen, Spielen und Schreiben eignet – alles zum Flatrate-Preis.

Von Ulrike Simon

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