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Das Leinetal im südlichen Niedersachsen

Der Boden, auf dem wir leben, Teil 2 Das Leinetal im südlichen Niedersachsen

In dieser kleinen Serie geht es um den Boden auf dem wir leben, um das Leinetal. Also um geologische Erdschichten, um das lebenswichtige Wasser ebenso wie um Salzvorkommen – und nicht zuletzt auch darum, was denn auf diesem Boden an typischen Pflanzen wächst. Heute: die prägende Kraft des Wassers.

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Europas älteste Pfannensaline: Saline Luisenhall im Göttinger Ortsteil Grone.

Quelle: Heller

Wasser, so haben es Wissenschaftler wie August Deppe und Heinrich Troe in ihrem Werk über Göttingen bereits 1956 eher poetisch beschrieben, Wasser ist so etwas wie der „Bildhauer der Natur“. Im Zusammenwirken mit Hitze und Frost hat es häufig die größten und stärksten Felsen gesprengt.

Zunächst aber muss es überhaupt erst einmal Wasser geben. Dort, wo wir heute leben, gab es das im Laufe der Jahrmillionen viele Male im Überfluss, gab es immer wieder Meere. Zwischen der Muschelkalkzeit bis zur Mitte des Tertiärs (siehe Übersicht rechts unten) war das heutige Südniedersachsen immer wieder und über längere Zeiträume hinweg vom Meer bedeckt, tauchte wieder auf und versank wieder in den Fluten. Fossilienfunde aus jenen Zeiten belegen das – wie man im Geologischen Museum der Universität Göttingen bewundern kann.

Zermürbtes Gestein

Die Temperaturunterschiede und die Vegetation glichen während der Eiszeiten bei uns etwa denen des Tundragebietes in Alaska heute. Es gab Frostrisse in den Böden, der Frostboden reichte bis zu neun Meter tief. Die Gesteinsdecke wurde also bis in die unteren Schichten hinein zermürbt. Wenn es wärmer wurde, kam es zu Schneeschmelzen, die Flüsse und Bächer gruben sich in die Talsohlen. Mächtige Schotterschichten wurden in die Täler geschoben.

So hat man herausgefunden, dass die Lutter einen sehr ausgedehnten Schotter-Schwemmfächer in die Leine geschoben hat. Ähnliche Fächer gibt es in fast allen Seitentälern der Leine, etwa beim Schleierbach, Wendebach, der Garte oder dem Rauschenwasser. In den feuchten Klimaperioden der Nacheiszeit kam es zu Aufstauungen des Wassers, zu Bruch und Moorlandschaften fast im gesamten Leinetal.

Diese ehemalige Versumpfung des Leinetales muss in früheren Jahrhunderten ein fast unüberwindliches Hindernis für den Übergang von einer Talseite zur anderen gewesen sein. Und sie gestaltete im Mittelalter bis in die Neuzeit den Ausbau der Stadt nach Westen hin schwierig.

Die Johanniskirche, das Rathaus und die Marienkirche konnten nur auf Pfahlrosten errichtet werden und  noch beim Bau der größeren Universitäts- und Schulgebäude im Gebiet der Talaue bedurfte es besonderer Befestigungen des Untergrundes. Eine Erkenntnis, der auch heutige Bauherren noch Rechnung tragen müssen: ob beim Bau des Kaufparkes oder in den 80er-Jahren bei Neubauten in der Innenstadt.

Da sich ein Gewässernetz stets den Geländeformen anpasst, wie unsere Wasserkarte rechts zeigt, reagiert dies wie ein feines Instrument auf Oberflächenveränderungen. So sind einige der Seitenflüsse der Leine inzwischen versickert, andere ganz verschwunden. Im Westen bildet die rund  zwölf Kilometer breite Dransfelder Muschelkalk-Hochebene die Wasserscheide zur Weser hin. Im Osten ist der Göttinger Wald die Wasserscheide zwischen Leine und der Eichsfelder Hahle.

Hunger- und andere Quellen

Und es gibt die unterschiedlichsten Talformen. Es gibt enge schluchtenartige Täler mit starkem Gefälle oder solche mit sanften Hängen und geringem Gefälle wie das Bratental oder der Seckborngrund im Göttinger Wald. Es gibt Talbildungen im Bausandstein wie die Schlucht oberhalb von Mariaspring, das Eschental in Nörten oder das Weißwassertal in Waake-Ebergötzen.

Auch die breiten Talformen des Rodebaches unterhalb Reyerhausen oder des Wendebachs zeigen in der Bausandsteinzone steile Felswände. Unterirdische Wasserführung ist ebenfalls von größter Bedeutung für den Wasserhaushalt der Natur – und damit für das Überleben menschlicher Siedlungen.

Das in den Boden eingesickerte Wasser bleibt nicht ewig verborgen, es tritt zum Teil wieder an die Erdoberfläche – als Quelle. Um nur den Nord- und Südteil des Göttinger Waldes zu nennen, gibt es davon einige: etwa den am Nordwestfuß des Plesseberges gelegenen Mariaspring. Überall in der dortigen Umgebung sickert das Wasser immer wieder in kleinen Quellen auf.

Oberhalb der Schillerwiesen findet man die Quelle des Reinsgrabens, die sich aus einer Schicht des Oberen Muschelkalks speist. Quellen, die manchmal in trockenen Zeiten ganz verschwinden, nur periodisch erscheinen, nennt man übrigens Hungerquellen. Dann gibt es solche, die man Schichtquellen nennt, die an der Grenze von wasserführenden und nichtwasserdurchlässigen Schichten auftreten.

Dazu gehören in unserer Umgebung beispielsweise die Bremkequelle, die Quelle des Weißwasserbaches oder mehrere Nebenbäche des Wendebaches, die im Reinhäuser W

ald zu finden sind. Weendespring und Mariaspring sorgten jahrhundertelang ebenso für die Wasserversorgung der Menschen wie die Quelle in Geismar auf dem sogenannten Göttinger Sprung – einer geologischen Erdverschiebung. Ferner zählen dazu die Quelle in Diemarden, der Hohe Brunnen über Herberhausen oder der Negenborn im Gartetal sowie der Ossenpump gegenüber der Einmündung des Niedeckbaches in die Garte (beide auf dem Gelliehäuser Sprung). Wer sich auf die Suche begibt, wird derlei kleinere Quellen zuhauf in der Umgebung des Leinetales finden.

Saline Luisenhall

Salz ist bekanntlich für das Überleben der menschlichen Ansiedlungen ebenfalls von großer Bedeutung. Da passte es, dass um 1850 Philipp Rohns (1818–1860) in der Feldmark zwischen Göttingen und Grone anhand der dort auftretenden, für salzhaltige Böden charakteristischen „Zeigerpflanzen“  das dortige Salzvorkommen vermutete.

Neben der Nähe zur Stadt Göttingen war die durch den Bach Grone vorhandene Wasserkraft eine entscheidende Voraussetzung für die Errichtung der Saline. Am 6. Januar 1851 begannen die ersten Bohrungen und zwei Jahre später stieß man am 18. Mai 1853 in 462 Metern Tiefe auf eine Steinsalzschicht.

Da die unter der Salzschicht gefundene Sole einen vergleichsweise hohen Salzanteil von rund 27 Prozent aufwies, konnte auf den Arbeitsschritt des Gradierens verzichtet und das Salz gleich in Pfannen durch Verdampfen gewonnen werden. Die Erhaltung dieses letzten nach dem Pfannensiedeverfahren arbeitenden Salzwerks Deutschlands macht die Saline Luisenhall heute zu einem Industriedenkmal besonderer Art. Die Stadt Göttingen bietet regelmäßige Führungen dort an.

Neben der Verwendung zur Salzproduktion – das Luisenhaller Speisesalz wird heute in Gourmetküchen in ganz Europa hoch geschätzt – wird die Sole in einem an die Saline angeschlossenen Badehaus genutzt. Besucher können dort in einer 18prozentigen Thermalsole bei 34 Grad Celsius baden oder eine Soledampfsauna nutzen.

Der Boden, auf dem wir leben, hat uns also auch dieses Vergnügen geschenkt.

In der nächsten Folge lesen Sie: typische Pflanzen zwischen Dransfelder Hochebene, Leineaue und Göttinger Wald.

Seit 160 Jahren wird in Grone Sole gefördert und die Saline Luisenhall erntet 3500 Tonnen Salz pro Jahr. © Hinzmann

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Von Ilse Stein und Prof. Joachim Reitner

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Von der Burg Plesse aus betrachtet: das Leinetal südlich von Göttingen.

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