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Das große Göttinger Who's who

350 Gedenktafeln in der Stadt Das große Göttinger Who's who

Rund 350 Gedenktafeln erinnern in der Stadt Göttingen an bekannte Persönlichkeiten, die hier einmal gelebt haben. Mehrere Nobelpreisträger und einige Könige sind darunter, aber auch Johannes Brahms' Jugendliebe Agathe von Siebold, ein Marschall der Volksrepublik China und ein Vorkämpfer für die Rechte der Homosexuellen. Um manche Tafeln gab es Streit, und es konnte auch schon einmal etwas dauern, bis der wahre Grund der Ehrung nicht mehr verschämt verschwiegen wurde. Das Who's who zu den Göttinger Gedenktafeln ist in einer neuen Auflage im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienen. Mit dem Buch in der Hand stellt Jörn Barke einige der Geehrten vor – auch etwas weniger bekannte.

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Quelle: HW

Allerlei Berühmtheiten haben eine Gedenktafel erhalten – teilweise reichte dafür ein recht kurzer Aufenthalt in Göttingen. Dem Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe etwa genügten drei mehrtägige Reiseaufenthalte. Benjamin Franklin, Gründervater der Vereinigten Staaten und Blitzableiter-Erfinder, reichte gar ein kurzer Besuch. Der Komponist Johannes Brahms lernte im Sommer 1853 in Göttingen seine Jugendliebe Agathe von Siebold kennen. Der spätere Reichskanzler Otto von Bismarck studierte drei Semester in Göttingen und nutzte diese Zeit unter anderem, um sich einige Rügen und Karzer-Strafen einzufangen.

Der Dichter Heinrich Heine promovierte in der Universitätsstadt und erhielt eine Tafel, obwohl er nicht nur schmeichelhafte Sätze über die Göttingen hinterließ. Der Balladen-Dichter Gottfried August Bürger hat neben der Göttinger Gedenktafel auch eine in Gelliehausen. Arthur Schopenhauer wechselte in Göttingen von der Naturwissenschaft zur Philosophie. Eine Gedenktafel erhielten selbstverständlich auch zwei Göttinger Ikonen, der Mathematiker und Astronom Johann Carl Friedrich Gauß und der Physiker und Spötter Georg Christoph Lichtenberg.

Die Göttinger Sieben, die sich 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung durch König Ernst August von Hannover auflehnten, erhielten allesamt ein Gedenktafel, darunter natürlich auch die Brüder Grimm. Der König, der fünf Jahre zu Studienzwecken in Göttingen verbracht hatte, erhielt allerdings auch eine Tafel. Der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer war im Herbst 1938 nur fünf Wochen in Göttingen, schrieb in dieser Zeit aber sein wichtiges Buch „Gemeinsames Leben“ – und half seiner Zwillingsschwester Sabine Leibholz und deren Mann, dem Staatsrechtler Gerhard Leibholz, bei der Flucht aus Deutschland.

Umstrittene Tafeln

Um Gedenktafeln gab es immer wieder auch Streit – etwa dann, wenn es um antisemitische Äußerungen der Geehrten oder deren Wirken zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur ging. Ein Streitfall war zum Beispiel der prominente Historiker und Hofhistoriograph des preußischen Staates, Heinrich von Treitschke (1834-1896). Er erhielt 1896 an der Jüdenstraße 46 eine Gedenktafel, die 1953 erneuert und 1970 nach dem Abriss des Hauses wieder am Neubau angebracht wurde. Wegen von Treitschkes antisemitscher Äußerungen gab es über die Tafel jedoch immer wieder kontroverse Diskussionen. Im November 2002 wurde die Tafel entwendet und danach nicht mehr erneuert.

Ein anderer Fall ist der des Mediziners Rudolf Stich (1875-1960), der von 1911 bis 1945 Direktor der Klinik für Chirurgie an der Universität Göttingen war. Noch 1985 wurde für ihn eine Gedenktafel am Haus Weender Landstraße 14 angebracht, also an Stichs ehemaligem Wohnhaus, der „Villa Stich“. Dort residiert heute das Institut für Demokratieforschung. In dem Buch „Weißkittel und Braunhemd“, verfasst von drei Mitarbeiterinnen des Instituts, wurde Stich 2014 als „wichtige Stütze des nationalsozialistischen Regimes an der Göttinger Universität“ bezeichnet. Stichs Tafel wurde am 2012 renovierten Gebäude nicht wieder angebracht.

Ganz anders liegt der Fall bei William Howard Taft (1857-1930), der von 1909 bis 1913 Präsident der USA war. Er hatte 1889 auf einer Studienreise seinen Freund Dr. Southworth in Göttingen besucht und deshalb 1910 eine Gedenktafel am Gebäude Obere Karspüle 37/39 erhalten. 1918 wurde die Tafel jedoch entfernt, weil Deutschland im Ersten Weltkrieg gegen die USA kämpfte. Die Tafel wurde auf Beschluss des Rates der Stadt Göttingen auch 1925 nicht wieder angebracht.

Nobelpreisträger – auch für den Frieden

Mehrere Nobelpreisträger haben in der Universitätsstadt Göttingen eine Gedenktafel erhalten – vor allem aus dem Bereich der Naturwissenschaften, die in Göttingen vor dem Zweiten Weltkrieg goldene Jahre erlebten. Die Physiker Max Born und James Franck gehören als Professoren in diese Ära, Maria Goeppert Mayer promovierte 1930 in Göttingen. Weitere Nobelpreisträger mit Gedenktafel sind Peter Joseph Wilhelm Debye (Chemie), Otto Hahn (Chemie), Werner Karl Heisenberg (Physik), Gustav Ludwig Hertz (Physik), Robert Koch (Medizin), Max Theodor Felix von Laue (Physik), Walther Nernst (Chemie), Max Planck (Physik), Otto Wallach (Chemie), Eugene Paul Wigner (Physik), Adolf Windaus (Chemie) und Richard Adolf Zsigmondy (Chemie).

Doch auch ein Literatur-Nobelpreisträger wurde mit einer Gedenktafel gewürdigt, nämlich Rudolf Christian Eucken, der in den 1860er-Jahren in Göttingen studierte und den Nobelpreis 1908 erhielt. Ein Friedensnobelpreisträger ist ebenfalls mit einer Gedenktafel vertreten: Ludwig Quidde (1858-1941). Der gebürtige Bremer engagierte sich schon als Student in Göttingen ab 1878 gegen den Antisemitismus im Deutschland der Gründerjahre. Seine erste Schrift „Die Antisemitismusagitation und die deutsche Studentenschaft“ erschien 1881 im Göttinger Verlag Robert Peppmüller in zwei Auflagen. Der Pazifist Quidde wirkte später in München und war bis 1929 Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft. 1927 erhielt er den Friedensnobelpreis, 1933 emigrierte er nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die Schweiz.

Für Mathematik gibt es keinen Nobelpreis, aber bekannte Mathematiker wurden auch mit einer Gedenktafel geehrt, unter anderem Richard Courant, David Hilbert, Felix Klein, Edmund Georg Hermann Landau und Amalie Emmy Noether.

Einsatz für Homosexuelle

Noch 1997 stand etwas verschämt „Jurist“ auf der Gedenktafel für Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895). Erst 2014 gab es eine Tafel mit der eigentlichen Begründung: „Vorkämpfer für die Rechte der Homosexuellen“.Der 1825 bei Aurich geborene Ulrichs studierte ab 1844 Rechtswissenschaft in Göttingen und trat 1848 in den hannoverschen Justizdienst ein. Um einem Disziplinarverfahren wegen seiner Homosexualität zuvorzukommen, kündigte er 1854.

Danach lebte er ohne längere feste Anstellung an unterschiedlichen Orten und veröffentlichte Erzählungen und Gedichte. Sein Hauptwerk bildeteten, heißt es im Gedenktafel-Buch, die „Forschungen über das Rätsel der mann-männlichen Liebe“.

Ulrichs habe als erster eine nicht negativ besetzte Theorie der männlichen Homosexualität formuliert – mit wenig Erfolg: „1867 trat er vor dem Deutschen Juristentag in München öffentlich für die Rechte der Homosexuellen ein und wurde niedergeschrien. Nach vergeblichem Kampf gegen die Verschärfung des Strafrechts verließ er 1880 Deutschland und lebte in Italien.“

Verlorene Tafeln und dumme Göttinger

Rund 30 Gedenktafeln für im Buch aufgeführte Persönlichkeiten sind im Lauf der Zeit verloren gegangen. Dies betrifft etwa den Agrarwissenschaftler Wilhelm Henneberg, den preußischen Staatsmann Friedrich Carl von Savigny, den Psychologen Georg Elias Müller und den Klassischen Philologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Gleich bei drei Mitgliedern des Dichterbundes Göttinger Hain sind die Gedenktafeln verschwunden: Karl Friedrich Cramer, Johann Anton Leisewitz und Johann Martin Miller.

Der Hainbund-Dichter Johann Heinrich Voß, der aufgrund seiner Übersetzungen antiker Klassiker auch als „deutscher Homer“ bezeichnet wurde, hat dagegen an der Barfüßerstraße 16 noch seine Tafel, auch wenn er Göttingen derbe Worte gewidmet hat. Im Gedenktafel-Buch wird aus einem Voß-Brief zitiert: „Göttingen ist ein recht ungesunder Ort. Wir liegen hier als in einem Keßel von Bergen, beständig unter Nebel und Regen. Die Dänen sollen ja wegen ihres Clima so dumm seyn; die Göttinger sinds wahrlich auch. Sie liegen wie die Schweine in ihrem sumpfigen Lager, und mästen sich mit Kartoffeln.“

Das Buch

Siegfried Schütz, Walter Nissen: Göttinger Gedenktafeln. Ein biografischer Wegweiser, Vandenhoeck & Ruprecht, 280 Seiten mit 23 Abbildungen, 14,99 Euro.

Wer sonst noch eine Tafel hat

  • Andreas-Salomé, Lou, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin (1861-1937), verheiratet mit dem Iranistik-Professor Friedrich Carl Andreas (1846-1930). Über Andreas-Salomé heißt es im Gedenktafel-Buch: „Die Bürger Göttingens missbilligten ihr eigenwilliges und von Gerüchten umwobenes Leben und nannten sie die ‚Hexe vom Hainberg‘“. Gedenktafel: Herzberger Landstraße 101.
  • Baggesen, Jens Immanuel, Schriftsteller (1764-1826), Weender Straße 13/15.
  • Barbara, Chansonsängerin (1930-1997), gab in Göttingen im Juli 1964 ein umjubeltes Gastspiel. Die Eindrücke davon fanden Niederschlag in ihrem Chanson „Göttingen“, Geismar Landstraße 19.
  • Bizyenos, Georgios, Schriftsteller (1850-1896), Goßlerstraße 2.
  • Csoma, Alexander von Körös, Sprachforscher (1784-1842), Weender Straße 31.
  • Diederichs, Georg, Politiker (1900-1983), Bürgermeister und Landrat in Northeim, Ministerpräsident von Niedersachsen 1961-1970, Nikolausberger Weg 38/40.
  • Erxleben, Johann Christian Polycarp, Veterinär (1744-1777), Neustadt 12.
  • Honda, Kotaro, Metallkundler (1870-1954), Kreuzbergring 15.
  • Lejeune Dirichlet, Peter Gustav, Mathematiker (1805-1859), in Göttingen 1855-59 als Professor für Mathematik und Astronomie, Mühlenstraße 1.
  • Lermontowa, Julia Wsewolodowna, Chemikerin (1847-1919), promovierte 1874 in Göttingen als erste Frau weltweit in Chemie; 1881 zog sie sich auf das Landgut ihrer Eltern in Russland zurück – auch weil sie keine Aussicht auf eine Lehrtätigkeit hatte, Hospitalstraße 10.
  • Lezius, Andreas Friedrich, Arzt (1894-1978), aus Livland, Flucht während des russischen Bürgerkriegs, Rottenanger 24 in Roringen.
  • Longfellow, Henry Wadsworth, amerikanischer Dichter (1807-1882), Rote Straße 25, 1890 von der „americanischen Colonie“ in Göttingen gestiftet.
  • Ludwig I., (1786-1868), König von Bayern 1825-1848, Mühlenstraße 1, 1875 von König Ludwig II. von Bayern gestiftet und 1953 erneuert.
  • Pommer, Erich, Filmproduzent (1889-1966), u.a. „Das Cabinet des Dr. Caligari und „Metropolis“, verbrachte einen Teil seiner Schulzeit in Göttingen, Geismar Landstraße 16.
  • Takagi, Teiji, Mathematiker (1875-1960), Kreuzbergring 15.
  • Uricoechea, Ezequiel, Chemiker (1834-1880), Kurze Straße 2.
  • Villers, Charles FranÇois Dominique de, Philosoph (1765-1815), Lange Geismarstraße 49.
  • Wilhelm II., (1848-1921), König von Württemberg 1891-1918, Weender Straße 87.
  • Zhue De, Marschall der Volksrepublik China (1885-1976). Der spätere enge Weggefährte Mao Zedongs und Oberbefehlshaber der „Volksbefreiungsarmee“ wohnte während seines Studiums in Göttingen im Ostviertel, Planckstraße 3.
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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016