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Den Göttingern ihr Bahnhofsdenkmal

Wätzolds-Woche Den Göttingern ihr Bahnhofsdenkmal

Den Göttingern ihr Bahnhofsdenkmal wurde Donnerstag also feierlich enthüllt. Auf das Denkmal selbst war ich ja nicht besonders gespannt, wohl aber auf das inoffizielle Begleitprogramm. Allerdings blieb es beim Minimal-Protest der Rats-Piraten und einiger Individualisten.

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Quelle: ef

Göttingen. Die wenigen Zwischenrufe („Plagiat!“ „Klotz!“ „Hört hört!“) boten leider keine neuen Erkenntnisse und irgendwer hatte eine Unterschriftenliste gegen irgendwas, auf der irgendwie niemand unterschreiben wollte.

Im offiziellen Part sagte die Künstlerin, dass sie sich freue (wer hätt’s gedacht) und unterstellte dasselbe dem anwesenden Prinz Heinrich, der ein direkter Nachfahre des abwesenden Reiters ist und tatsächlich grinste, als sei schon Weihnachten. Ach ja: Sekt gab’s auch.

Die Veranstaltung dümpelte also etwas, bis unser Oberbürgermeister das Denkmal wegen des fehlenden Fürsts in seiner Rede zur „obrigkeitsfreien Zone“ erklärte und diese Einladung umgehend angenommen wurde: Noch während der Enthüllung (der schwarze Lappen war wirklich noch nicht ganz unten) begann eine Frau, das Denkmal mit Kreide zu beschriften.

Der gewohnt grimmige Piraten-Ratsherr Ramaswamy konnte dann, nachdem er zunächst nach den Reden ungebeten rumkrakeelt hatte, auch nicht mehr an sich halten und begann ebenfalls zu kritzeln. Allerdings verwendete er eine Kreide, die quasi dieselbe Farbe hatte wie der Sockel, und deshalb blieb seine Botschaft unbekannt. Vielleicht hat er ja auch gar keine und es ging ihm nur um die Geste.

Das würde aber wiederum recht gut zum Denkmal passen. Denn durch den achten Namen auf dem Sockel wird eben nicht - wie behauptet - die Zivilcourage der Professoren als Aufforderung für uns ins Hier und Jetzt transportiert, sondern lediglich banalisiert.

Um die offiziellen Redner des Tages aber ernst zu nehmen und das Denkmal wirklich als Mahnung zu begreifen, für Meinungsfreiheit und Bürgerrechte zu protestieren und dem Sockel Sinn einzuhauchen, darf, nein muss, der Name der Künstlerin unbedingt ersetzt werden. Nun ist ja seit Andy Warhol bekanntlich alles Kunst und seit Joseph Beuys jeder ein Künstler. Und deshalb darf da statt „Christiane Möbus“ auch wirklich alles stehen: „Gebrüder Blattschuss“ ebenso wie „Der dicke Jan von nebenan“, oder auch „Hier könnte Ihre Werbung stehen“.

Von Lars Wätzold

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