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Denken lassen, rote Schuhe und ein Teddybär

Wochenend-Kolumne Denken lassen, rote Schuhe und ein Teddybär

Mal ehrlich, da kommen Sie doch auch ins Grübeln. Bei so einer Überschrift. Was das alles wohl miteinander zu tun haben mag? Ganz einfach (oder auch nicht): Die Universität hat sich – nach immerhin mehr als einjährigem Zögern – entschlossen, eine bundesweite Imagekampagne zu starten.

Unter dem Motto „Freiraum für Neues Denken“. Da möchte man gleich mal anfangen, frei zu denken und sich zu fragen, wozu eine Universität einen Freiraum benötigt. Bisher war ich der Meinung: Die Hochschule sei „der Freiraum“ an sich, in dem Denken nicht nur ermöglicht, sondern auch noch gefördert würde. Und was hat es mit dem Neuen Denken auf sich? Gibt es altes Denken? Reicht Denken an sich nicht bereits aus? Also gut: Das Motto allein regt also schon zum Denken an. Was ja dann wiederum eigentlich gut ist.

Wobei noch zu bedenken wäre: Gab es da nicht schon den wunderbar eingängigen und bereits bekannten Slogan „Göttingen, die Stadt, die Wissen schafft“ und warum reicht der eigentlich nicht mehr aus? Egal, es musste eine Imagekampagne her. Nun haben wir sie. Die Göttinger selbst werden davon allerdings wenig mitbekommen – geworben vorwiegend in überregionalen Medien. Bleibt der Blick ins Internet auf die Homepage, die diesen Slogan erläutern soll. Auf also zu www.uni-goettingen.de/neuesdenken.

Gleich drei Überschriften sollen dabei zum Klicken reizen: „Neues Denken“, „Denken lassen“ und „Selber denken“. Stutz! Wo waren die Germanisten der Georgia Augusta beim Formulieren? Ganz korrekt, so neu kann das Denken bitte noch nicht sein, sollte es: „Selbst denken“ heißen. „Selber“ definiert selbst der Duden als eher sehr umgangssprachlich.

Schwamm drüber und weiter zu „Denken lassen“. Ist ja auch bequemer. Dachte ich. Bis ich auf der Seite lese: „Motivieren Sie andere, Freiraum zu entdecken“. Darunter blicken mich ein Stoppschild und ein Vogel an. Drücke ich kleine Buttons, ändern sich die Figuren etwa in rote High Heels (hochhackige Damenschuhe auf gut Deutsch) und einen Teddybären. Jetzt bin ich also motiviert, zu überlegen, was mir das sagen soll. Drücke ich den Knopf für Zufallsgenerator, erscheinen ein Segelschiff und zwei 100-Euro-Scheine auf dem Monitor. So sieht also der Freiraum für Neues Denken aus. Liebe Georgia Augusta, das hast Du nicht verdient, seufze ich als Alumna (weibliche Form bitte nie vergessen, sonst schimpft die Frauenbeauftragte – was neuerdings Gleichstellungsgovernance oder so ähnlich heißt).

Ebensowenig haben die Göttinger Sieben das Denkmal verdient, das Ihnen demnächst durch Günter Grass zu Füßen gelegt wird (wie einige unserer Leser bereits ebenfalls angemerkt haben). Aber so ist das mit dem freien Denken. Jeder denkt eben anders.

Doch wie sagt uns Journalisten der geneigte Leser immer wieder: Schreiben Sie doch mal was Positives! Also wenden wir den Blick auf die beginnenden Herbstferien, den angekündigten schönen Altweibersommer, einen sicher gut besuchten Apfel- und Birnenmarkt an diesem Wochenende in Duderstadt. Schauen lieber auf den gestern begonnenen Göttinger Literaturherbst mit so bekannten Namen wie Harald Martenstein, Peter Sloterdijk, Monika Maron, Henryk M. Broder oder Benjamin von Stuckrad-Barre.

Dabei wäre mir noch so einiges nicht ganz Positives eingefallen: Zum Hotelbau neben der Zoologie, der nun auf Eis gelegt wurde. Oder zur Umfrage innerhalb des Personals der Georg-August-Universität. Und was mir die „zusammenfassende These Nr. 6“ sagen soll: „Führungskultur, Informationsfluss und Betriebsklima werden kritisch erlebt.“
Punkt. Schluss mit dem selbst denken. Sonst kriege ich meinen Abschluss an der geliebten Georg-August-Universität noch nachträglich aberkannt. Dann doch lieber erst einmal: Schöne Ferien.

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