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Denkmal-Panne noch ungeklärt

Thema des Tages Denkmal-Panne noch ungeklärt

Die Panne mit einer falschen Jahreszahl am neuen Denkmal für die „Göttinger Sieben“ vor dem Bahnhof in Göttingen hat über die Region hinaus viel Häme hervorgerufen. Wie und wann genau ein fehlendes X in einer der römischen Zahlen auf einer Bronzeplatte verschwunden ist, ist immer noch ungeklärt.

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Der Sockel des Denkmals in Göttingen ist überwiegend eine Kopie des Reiterdenkmals in Hannover.

Quelle: Mischke

Göttingen. Die mit dem Denkmal beschenkte Stadt Göttingen sieht in dem Fall allerdings keinen Imageschaden. Die meisten Ratspolitiker finden den Vorfall vor allem peinlich.

 

Die Zahlenpanne am Denkmal für die „Göttinger Sieben“ ist nach wie vor rätselhaft. „Wir wissen noch nicht, wo sich der Fehler eingeschlichen hat“, sagte am Dienstag Matthias Dreyer von der Stiftung Niedersachsen. Unterdessen zeigt sich, dass ein weiterer Zusatz auf der Platte vom Original abweicht.


Der Fall hat bundesweit Aufsehen erregt, und die Reaktionen überschlagen sich vor Häme. Am Montag war bekannt geworden, dass an der Bronzeplatte auf dem Denkmalsockel vor dem Göttinger Bahnhof ein falsches Datum eingearbeitet ist. Auf der Plinthe wird das Jahr der Thronbesteigung von Ernst August I. von Hannover mit 1827 angegeben. Es fehlt ein X in der römischen Zahl: Tatsächlich wurde er 1837 König. Das Objekt der Künstlerin Christiane Möbus ist ein Geschenk mehrerer Kunstförderer an die Stadt Göttingen. Vergangene Woche wurde es enthüllt.

 
„Wir suchen noch. Es ist schwer auszumachen, wo das X verschwand“, sagte der Leiter des Künstlerhauses der Stiftung Niedersachsen, Matthias Dreyer, zur Fehlersuche. Die Stiftung trat offiziell als Stifter auf und hatte alle Produktionsschritte begleitet. Sicher sei, dass das Original in Hannover die richtige Zahl aufweise. Sicher sei auch, dass das X in der Form fehlt, mit der eine Gießerei in Berlin die aus sechs Segmenten zusammengesetzte Bronzeplatte hergestellt hat.


Alle Arbeitsschritte bis dahin hätten in der Verantwortung der Mitarbeiter der Künstlerin gelegen. Sie hätten zunächst die Daten und Maße des Originaldenkmals erfasst und Fotos gemacht, dann Zeichnungen gefertigt und nach Möbus künstlerischen Vorstellungen ein Modell erstellt. Bis auf den fehlenden Reiter und veränderte Texte auf den Granitplatten sollten Sockel und Plinthe eine exakte Kopie des Originals sein.

 

Eine Zusatz-Inschrift an der Platte nennt Baujahr und Künstlerin.

Quelle: Mischke

In diesem Fertigungsprozess hätte die Gussform irgendwann an die Maße des Granit-Unterbaus angepasst werden müssen - „eine Millimeterarbeit“, so Dreyer. Dabei sei vermutlich eines der drei X für die Zahl 1837 abhandengekommen. Der Schuldige sei noch nicht gefunden. Sicher sei aber, dass der Fehler behoben werde. Zunächst solle das Stück mit den Ziffern XVII (17) aus der Platte herausgetrennt werden. Dann werde mit der noch vorhandenen Form ein neues Segment mit den Ziffern XXVII (27) gegossen und anschließend in die Platte eingesetzt. Aus dem verbliebenen Teil MDCCCX und der neuen Ziffernfolge XXVII ergebe sich die korrekte Jahreszahl 1837. Die Schweißnähte seien später nicht zu sehen, so Dreyer.

 
Wie teuer die Reparatur sein wird, sei noch nicht ermittelt. Die gesamte Plinthe habe etwa 50 000 Euro gekostet. Wer die Kosten übernimmt, sei ebenfalls noch offen, „die Stifter auf keinen Fall“, so Dreyer. Für die Stiftung sei der Fall kein Anlass, die eigene Arbeit und den Umgang mit öffentlicher Kunst zu überdenken. Als Landesstiftung sei sie gerade für solche Projekte offen.

Entdeckt hatte den Fehler am Wochenende der Göttinger Diplom-Ingenieur (FH) Architektur und freie Bausachverständige Jan Stubenitzky. Inzwischen ist eine weitere Inschrift auf dem Seitenrahmen der Bronzeplatte aufgefallen, die nicht dem Original entspricht. An einer Stirnseite steht: MMXV CONSTRUXIT C.M. Übersetzt heißt das: 2015 erbaut, dahinter die Initialen von Christiane Möbus. Dieser Hinweis auf den Erschaffer sei üblich bei Bronzearbeiten, erklärte Dreyer. Möbus war am Dienstag nicht für eine weitere Stellungnahme erreichbar.

 

„Einfach nur peinlich“

 

Der eine lacht, der andere versteht die ganze Aufregung nicht: Die Vorsitzenden der Göttinger Ratsfraktionen reagieren unterschiedlich auf die Denkmal-Posse. Einer findet besonders drastische Worte.

 
„Es ist fast wieder sympathisch, dass auch das ach so hochgelobte Werk einer selbstverliebten Egomanin Fehler aufweist“, sagt Hans-Georg Scherer, Vorsitzender der CDU/FDP-Gruppe im Rat der Stadt Göttingen. Seiner Meinung nach sollte man den Fehler erst gar nicht beheben. „Jeder Cent, den man zusätzlich dafür ausgibt, ist verpulvert. Man sollte das Geld lieber spenden“, erklärt Scherer. Auch wenn die Posse „unsäglich“ sei, einen Image-Schaden für die Stadt erwarte er nicht.

 
„Das ist ja eine Panne“: So fiel die erste Reaktion von Frank-Peter Arndt, Vorsitzender der SPD-Fraktion, aus, als er von dem fehlenden X las. Er kann sich ein Lachen nicht verkneifen. „Es wurde so viel geredet über das Denkmal, dass das passiert, passt“, sagt er. Klar sei die Angelegenheit peinlich, einen Image-Schaden für die Stadt erwarte er aber nicht. „Das muss jetzt korrigiert werden – und gut.“

 
Rolf Becker, Fraktionsvorsitzender der Grünen, kann die ganze Aufregung hingegen nicht verstehen. Der Fehler sei unter redaktioneller Überarbeitung abzubuchen und müsse innerhalb der Gewährleistung korrigiert werden. Er als Politiker fühle sich in der Angelegenheit nicht gefragt.

 
„Ich finde es einfach nur peinlich“, sagt Patrick Humke, Fraktionsvorsitzender der Linken. „Ich musste nur lachen.“ Den Fehler buche er unter dem Stichwort Realsatire ab. Er halte es demzufolge mit Kurt Tucholsky: „Was darf Satire? Alles.“ Demnach müsse der Fehler auch nicht korrigiert werden. „Es ist halt Kunst“, sagt Humke.

 
„Schlampig. Es passt zu der nicht zentrierten Setzung der acht Namen, bei der auch die Ränder der Schrift viel zu dicht an den Rand gequetscht wurden“, erklärt Martin Rieth, Fraktionsvorsitzender der Piraten. Der Fehler sei „ein Beweis, dass die Künstlerin mit dem eigentlichen ‚Kunstwerk‘ nicht weiter gearbeitet hat.“ Künftig müssten die Bürger an einer solchen Entscheidung besser beteiligt werden, betont Rieth. „Es ist eher peinlich für die Ratsherren, die dafür gestimmt haben, dass sie die Bürgermeinung zugunsten von zahlungskräftigen Spendern aus der Region ignoriert haben.“

 
Der Rat der Stadt hatte im Juli 2014 mit einer knappen Mehrheit die Schenkung des umstrittenen Denkmals für die Göttinger Sieben angenommen – mit 22 Stimmen von SPD und Grünen. 19 Abgeordnete, CDU, FDP, Piraten, Linke und drei Grüne, lehnten sie ab. Gerd Nier (Linke) enthielt sich.

Foto: Hinzmann

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Es gibt schlimmere Nachrichten

 

„Das war nun wirklich keine schöne Nachricht“, kommentierte am Dienstag der Verwaltungssprecher der Stadt Göttingen, Detlef Johannson,  die Panne an der Bronzeplatte des Denkmals für die „Göttinger Sieben“. Aber es gebe ganz bestimmt schlimmere Nachrichten als die über diesen handwerklichen Fehler. Es sei ärgerlich, ihn zu korrigieren, aber nun Sache der Stiftung Niedersachsen. Sie war offiziell als Schenker für die überwiegend unbekannten Stifter aufgetreten.

 
Auch einen Imageschaden für die Stadt durch die Panne sieht Johannson nicht. Schon die Schenkung eines Kunstwerkes „löst nicht zwangsläufig einen Imagegewinn aus, ein handwerklicher Fehler am Geschenk keinen Imageverlust“. Der Fall gebe auch keinen Anlass, künftig anders mit einem Geschenk dieser Art umzugehen: „Wir haben keineswegs die Absicht, Sichtkontrollvorbehalte einzuführen.“ Das würde auch nichts bringen, wie rund 80 Gäste der Übergabefeier am vergangenen Donnerstag eindrucksvoll unter Beweis gestellt hätten, fügt Johannson an. Tatsächlich hatten auch sie und die anwesenden Medienvertreter die falsche Jahreszahl in römischen Ziffern nicht bemerkt.

 
Auch die anhaltende generelle Kritik an dem Denkmal, seinem Standort und der Künstlerin sei kein Grund, anders mit einer Kunstschenkung umzugehen. Der Rat habe sich öffentlich und ausführlich mit allen Argumenten für und gegen das Projekt auseinandergesetzt und sich mit – knapper – Mehrheit für die Annahme entschieden. Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) sei während der Übergabe ebenfalls ausführlich auf die allgemeine Kritik eingegangen. Dabei hatte Köhler betont: Man dürfe über den Standort streiten, über Kunstgeschmack und über die Argumente im Rat der Stadt zur Annahme der Schenkung, „aber nicht über die Freiheit der Künste“.   us

 

Stimmen aus dem Netz

Göttingen. „Ach, ein X zu wenig, ein Name zu viel, vom Pferd nur die Hufspuren – Göttingen eben“: Das schreibt Userin Katharina Simon auf der Facebook-Seite des Tageblatts zur Denkmal-Posse. Die anderen Kommentare fallen nicht eben freundlicher aus. Eine Auswahl:

  • Tanja Ritt meint: „Der ganze Klotz ist ein einziger Fehler....das Geld hätte man sinnvoller unter die Leute bringen können.“ Und Hans Peter fügt an: „Ich sage es immer wieder... arbeitet doch mal mit Profis.“ ! Auf die Künstlerin Christiane Möbus zielt der Kommentar von Pascal Herbort ab: „Beim ‚Hinzufügen‘ hat sie ja keine Probleme, daher kann das ja einfach behoben werden.“
  • User Hans-Werner Hilse denkt noch einen Schritt weiter: „So, Göttingen. Jetzt kann die ‚Stadt der Wissenschaft‘ an prominenter Stelle zeigen, was in ihr steckt: die ewig bieder-bürgerliche Aspirantin. Deshalb: Denkmal so lassen! Kann doch eh keiner lesen! Scheißegal, wichtiger ist Weihnachtsmarkt! Und nebenbei würde das Belassen des Status Quo auch der Künstlerin ein passendes Denkmal setzen. Witz mit vergessener Pointe, das ist doch ein schönes Sinnbild für diese Stadt. Ich meine es zu gut mit Gernhardt, um vorzuschlagen, den Kragenbären daneben (darauf wäre schön, aber juristisch sicher schwierig) zu setzen.“
  • So viele Worte benötigt Katharina Müller nicht. Sie fasst kurz und prägnant zusammen: „Genial – das ist Realsatire!“ Katrin Schuh geht es eher ums Geld: „Meiner Meinung hätte man sich das ganze Ding sparen können und das Geld dafür lieber in soziale Projekte gesteckt. Ich hoffe jetzt mal, dass die, die das mit dem Datum verbockt haben, auch die Kosten für die Fehlerbehebung übernehmen ...“
  • Und Claudia Teuteberg findet das alles nur „Luschtig, luschtig! Trallallallala!“ afu

 

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Peinlicher Fehler am Denkmal für die „Göttinger Sieben“: An der Bronzeplatte auf dem Sockel ist ein falsches Datum genannt. Das Jahr der Thronbesteigung von Ernst August I. wird mit 1827 angegeben. Es fehlt ein X. Tatsächlich wurde er 1837 König. Die Künstlerin ist irritiert, die Stifter versprechen eine Korrektur.

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