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Denkmal als „Denk Mal“

Thema des Tages Denkmal als „Denk Mal“

Das Denkmal „Dem Landesvater seine Göttinger Sieben“ steht. Am Donnerstag haben die Künstlerin Christiane Möbus, Vertreter der Stadt Göttingen und der Stiftung Niedersachsen das Objekt vor dem Bahnhof enthüllt. Es ist eine Schenkung an die Stadt, zu der es im Vorfeld heftige Auseinandersetzungen gab.

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Hans Eveslage, Präsident der Stiftung Niedersachsen (l.), Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) und Künstlerin Christina Möbus enthüllen das Denkmal „Dem Landesvater seine Göttinger Sieben“ in Göttingen.

Quelle: dpa

Göttingen. Über Kunst kann man streiten, soll man streiten. Auch dieser Moment ist einer, den viele herbeigesehnt haben, andere lieber verhindert hätten: feierliche Reden und Sekt auf der einen Seite - Pfiffe und Zwischenrufe auf der anderen. Vor etwa 150 Gästen haben die Initiatoren am Donnerstag das neue Denkmal für die „Göttinger Sieben“ auf dem Bahnhofsvorplatz enthüllt und der Stadt als Geschenk übergeben. Nur Sekunden später gab es die erste Schriftzüge im Graffiti-Stil aus Kreide auf dem hellen Granit.

Das massive Objekt setzt den berühmten sieben Wissenschaftlern, die 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung durch König Ernst August protestiert hatten, ein Denkmal.  Der Präsident der Stiftung Niedersachsen, Hans Eveslage, sieht das Denkmal vor allem als „Denk Mal“: für freie Rede und als darüber hinausgehende Freiheits-Botschaft. Ohne zu zögern habe die Stiftung die Schenkungsanfrage angenommen.

Dabei fügte Eveslage an: „Wir schätzen Christiane Möbus als eine der bedeutendsten Künstler in Deutschland.“ Auch Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) betonte die Freiheitsbotschaft des Objektes. Man dürfe über den Standort streiten, über Kunstgeschmack und die Argumente im Rat der Stadt zur Annahme der Schenkung, „aber nicht über die Freiheit der Künste“.

Der Kampf der Göttinger Sieben gegen die Obrigkeit, für Meinungsfreiheit und für die Demokratie sei vorbildlich gewesen, so Köhler, verbunden mit großer Zivilcourage. Vor diesem Hintergrund stehe das Denkmal auch für ein „denk mal nach“.
Das Objekt der Künstlerin Möbus ist dem Denkmal für König Ernst August vor dem Bahnhof in Hannover nachempfunden - allerdings ohne Reiterstandbild. Stattdessen erinnert es in großer Schrift an „Dem Landesvater seine Göttinger Sieben“ und trägt die Namen der streitbaren Professoren. Dazu – gleich groß – den Namen der Künstlerin. Ein Zusatz, der im Vorfeld viel Kritik ausgelöst hatte.

Der Sockel ist eine Schenkung mehrerer anonymer Kunstförderer. Offiziell trat für sie die Stiftung Niedersachsen auf, die Stadt zahlte Aufbau und Montage. Die Maße: 4,1 mal 2,5 Meter breit, vier Meter hoch, umhüllt mit 40 Tonnen schweren Granitplatten. Die Kosten: etwa 480 000 Euro ohne Fundament und Aufbau.

Dass der König hier „vom Sockel gestürzt“ ist und mit den Namen der Göttinger Sieben und der Künstlerin der Sieg der Demokratie damit bis heute wirke, sei die entscheidende Botschaft, erklärte der ehemalige Leiter des Sprengelmuseums Hannover, Ulrich Krempel. Zuvor hatte er einen ausführlichem Rückblick auf die politische Debatte um 1837 gegeben.

Foto: Hinzmann

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„Fehlt da nicht was?“

Die Reaktionen auf das Denkmal vor dem Bahnhof sind so vielfältig wie in der langen Diskussion vorher. „Ich finde es gut“, sagte Monika Voigt unmittelbar nach der Enthüllung. Nach den einordnenden Erklärungen sei sie sicher, dass es „positive Denkanstöße auslösen wird“. Und „es passt“ an diesen Ort. Der Gymnasiallehrer Sönke Jaek ist zwiespältig. Das Anliegen sei richtig, die vorgetragenen Argumente dafür seien plausibel und er freue sich schon auf die Auseinandersetzung mit seinen Schülern.

„Aber warum an dieser Stelle?“, fragt der Lehrer für Deutsch und Geschichte, „wer wird das hier wahrnehmen?“ Hermann Recklebe erinnert der Sockel an einen großen Sarkophag, eine der häufig genannten Beschreibungen von Passanten. Manche mutmaßten gar, dass dort die Gebeine der eingravierten berühmten Göttinger liegen. Zugleich ärgert sich Recklebe über „diese anmaßende Volksverarschung“, weil die Künstlerin ihren Namen mit den geehrten Göttinger Sieben gleichgesetzt hat.

Auf Petra Zimmer wirkt das Objekt „irgendwie unvollständig, schön ist anders“. Auch andere fragten spontan: „Fehlt da nicht was?“ Ein klotziger Sockel ohne Reiter „ist irgendwie langweilig“, ergänzte die Studentin Anna Beckendorff. Das Anliegen könne sie durchaus nachvollziehen, „aber dann lieber in einer anderen Form“. Sehr zufrieden ist Göttingens Bahnhofsmanager Detlef Krusche. Der Bahnhofsvorplatz sei ein multikultureller Ort. Das Denkmal sei gelungen und geeignet, sich hier darüber lebhaft auszutauschen.

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Ein Klotz mit Zukunft

Klotz! So haben viele Menschen das Denkmal der Göttinger Sieben unmittelbar nach seiner Enthüllung auf dem Bahnhofsvorplatz genannt. Einer der Vorwürfe, die das Werk der Künstlerin Christiane Möbus immer wieder trafen: Es sei nicht schön. Kann man das der Künstlerin zum Vorwurf machen?

Wohl kaum. Möbus hat sich bei ihrem Konzeptkunstwerk an dem Reiterstandbild vor dem hannoverschen Bahnhof orientiert. Also muss der Klotz so aussehen wie er aussieht. Ihre Idee: Der Gedanke des Denkmals ansich sollte konterkariert werden. Der dargestellte Herrscher – in Hannover ist das König Ernst August – sollte herunter vom Sockel. Gewürdigt werden sollten die Professoren, die als die Göttinger Sieben in die Geschichte eingingen, weil sie sich gegen die Willkür des Landesherren zur Wehr setzten.

Seit 1995 bereits besitzt Hannover ein Denkmal, mit dem an die Göttinger Sieben erinnert wird. Der italienische Künstler Floriano Bodino hat es entworfen. Es zeigt sehr theatral und dramatisch überlebensgroße Figuren in realistischen Szenarien. Irgendwie hübsch, doch letztlich belanglos und von den Menschen in Hannover wenig gelitten, im besten Falle ignoriert. Das wird dem Göttinger Denkmal nicht passieren. Der Sockel ohne Standbild schafft es schon jetzt, die Menschen zum Reden zu bringen, zum Streiten über Kunst und Gedenken, über Plätze und Räume, über Ästhetik und Toleranz.

Vermutlich wird er auch Kreativität befördern. Denn er bietet Platz für einen eigenen Umgang mit dem Werk, wenn auch einen, der eher im Schutze der Dunkelheit seine Blüten treiben wird. Das ist ziemlich viel für einen Klotz, der zudem noch von einer hochangesehenen Künstlerin entworfen wurde und zu einem Anziehungspunkt für Reisende in Sachen Kunst werden könnte. Rund 200 Meter entfernt vor dem Eingang zur Postfiliale steht ein weiteres Kunstwerk im öffentlichen Raum. Das allerdings ist längst vergessen. Auch dieses Schicksal wird der steinerne Sockel nicht teilen.

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►Kommentar: Der Stein des Anstoßes

Die „Göttinger Sieben“ verdienen Ehre, Respekt und Anerkennung. Das jedenfalls dürfte Konsens sein. Eigentlich hätte es nicht schwierig sein dürfen, dem gerecht zu werden. „Eigentlich“, „hätte“, Konjunktiv. Letztlich war es das wohl doch, und einige Entscheidungsträger sind mehr als einmal falsch abgebogen. Gleich mehrere Aspekte lassen den Sockel zum Klotz und Stein des Anstoßes werden:

Einen Entwurf zu recyceln, der bereits in Hannover nicht gefiel, zeugt nicht von Größe und Kreativität, bestenfalls von Beharrungsvermögen. Nicht einmal die Grundidee dieses Denkmals deutet auf ein übergroßes Maß an Originalität hin. Zur wirklichen Satire fehlt es am letzten Schliff beim Zusammenwirken von Form und Inhalt.

Zum Ärgernis geriet im Zuge der gelegentlich heftig und leidenschaftlich geführten Debatte auch die Geheimnistuerei um die Stifter. In einer solch diskussionsfreudigen Stadt wären ganz sicher auch andere Ansätze zutage getreten, wie die Erinnerungsarbeit hätte aussehen und organisiert werden können. Auch eine knappe Ratsmehrheit, die letztlich über die Annahme dieses umfangreichen Geschenks entschieden hat, ist in diesem Zusammenhang kein gutes Zeichen.

Richtig ärgerlich aber wird‘s bei der Inschrift. Christiane Möbus wird im Pressetext zur Einladung so zitiert: „Mit den historischen Namen sollen die heutigen und zukünftigen Bürger unseres Landes angesprochen und zur Reflexion angeregt werden. Deshalb möchte ich an achter Stelle mit meiner Unterschrift das Demokratieverständnis weiterzutragen versuchen. Denn über Diktatur, Tyrannei und Machtbesessenheit muss auch heute noch befunden werden.“ An ihrer Haltung ist nichts auszusetzen, die Umsetzung hingegen ist ein Debakel. Der Begriff „Unterschrift“ offenbart im vorliegenden Fall ein eher taktisches Verhältnis zur Realität. Tatsächlich steht der Name Möbus in einer Reihe mit denen der „Göttinger Sieben“. Auch wenn die Kunstgeschichte eine Fülle von Beispielen bereit hält, in denen Künstler sich selbst in eines ihrer Werke, wie Gernhardt vielleicht gesagt hätte, „reingepingelt“ haben - es sind sieben.

Sieben. Nicht acht. Auch nicht ungefähr. Sieben. Es werden nicht mehr, und spätestens in der nächsten Generation funktioniert dieser fade Kalauer, der auf der Nennung von acht Namen fußt, nicht mehr. Darüber hinaus bedeutet diese Gleichsetzung schlicht eine Anmaßung. Wer dieses Urteil für zu hart hält, soll einfach darüber nachdenken, ob eine ähnliche Form auch in anderem Zusammenhang denkbar wäre. Käme jemand auf die Idee, seinen Namen beispielsweise in eine Reihe mit Hans und Sophie Scholl zu setzen? Die Möbus-Begründung würde genauso funktionieren.

Wie eingangs erwähnt: Konjunktiv. Der Sockel steht, und das mutmaßlich eine lange Zeit. Vielleicht gönnen die Entscheidungsträger in dieser Stadt sich und den Bürgern bei nächster Gelegenheit ein höheres Maß an Generösität beim Nachdenken. Ein Stein des Anstoßes reicht wirklich.

Von Christoph Oppermann
stellv. Chefredakteur des Tageblatts

►Den Autor erreichen Sie unter c.oppermann@goettinger-tageblatt.de oder via Twitter @toooppermann.

„Kaum noch daran geglaubt“

Der Künstlerin des Denkmals, Christiane Möbus, ist die Anspannung und Aufregung vor der Enthüllung deutlich anzumerken. Vier Fragen an sie zu diesem besonderen Tag:

Wie fühlen Sie sich heute?
Gut, einfach gut.

Welche Bedeutung hat dieser Tag und die Enthüllung des Denkmals für Sie?
Eigentlich habe ich kaum noch daran geglaubt, dass es mehr als 20 Jahre nach meinem ersten Entwurf noch klappen wird. Jetzt ist es gelungen, das ist großartig. Ich freue mich.

Es gab und gibt viel Kritik. Worüber haben Sie sich besonders geärgert?
Das kümmert mich wenig, weil die Argumente der Kritiker nicht ausschlaggebend sind und waren. Geärgert habe ich mich in den letzten Wochen nur über einen Wasserschaden in meinem Haus.

Ist der Standort am Rand des Bahnhofsplatzes gut gewählt?
Er ist extra etwas beiläufig, aber er passt sehr gut.

 Interview: Ulrich Schubert

Rückblick

Der Kulturausschuss des Rates diskutiert am  22. Mai 2014 öffentlich über die Annahme des geschenkten Denkmal. Die Diskussion ist hitzig. Mit vier Ja- und drei Nein-Stimmen sowie einer Enthaltung gibt das Gremium seine Zustimmung. CDU und Linke stimmen gegen die Annahme des Geschenks, die SPD dafür. Die Grünen vergeben eine Ja-Stimme und eine Enthaltung. Die Weichen für eine Ratsbeschluss sind gestellt.

Doch auch in der entscheidenden Ratssitzung im Juli fällt die Entscheidung für das Denkmal denkbar knapp aus: Mit 22 Stimmen von SPD und Grünen nimmt der Rat der Stadt die Schenkung des umstrittenen Denkmals für die Göttinger Sieben an. 19 Abgeordnete – CDU, FDP, Piraten und drei Grüne – lehnen sie ab. Gerd Nier (Linke) enthält sich. Damit ist das ausgeblieben, was sich Verwaltung und der Kreis der Denkmalschenker erhofft hatten: ein „einstimmiges Votum“, wie Hilmar Beck, Leiter des Fachbereiches Kultur, bereits im Mai formuliert hatte.

Vor allem die CDU und FDP im Rat hat erhebliche Bedenken „gegen die Gleichstellung der Künstlerin mit den Göttinger Sieben auf dem geplanten Sockel“. Auch die Piraten halten das Kunstwerk für „ästhetisch umstritten“. Ihnen fehlt die Offenlegung, wer zu dem Kreis der Schenker gehört. Sie fürchten, dass daraus Begehrlichkeiten der Spender gegenüber der Stadt entstünden.

Nach einer Stellprobe vor dem Bahnhof im August 2014 entscheiden Schenker, Verwaltung und Künstlerin über den genauen Standort des Denkmals. Pläne der Künstlerin Christiane Möbus, den Granit für den von ihr entworfenen Sockel aus dem Steinbruch zu gewinnen, aus dem bereits die Steine stammen, die für den Sockel des Reiterstandbild König Ernst Augusts I. in Hannover verwendet wurden, scheitern. Es gibt keine Abbaugenehmigung für den Steinbruch im Harz. Ersatz kommt schließlich aus Portugal. 

Am 25. Juni dieses Jahres wird zunächst der Grundstein gelegt.  Anfang Oktober erreicht der in Portugal behauene Granit Göttingen.

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Peinlicher Fehler am Denkmal für die „Göttinger Sieben“: An der Bronzeplatte auf dem Sockel ist ein falsches Datum genannt. Das Jahr der Thronbesteigung von Ernst August I. wird mit 1827 angegeben. Es fehlt ein X. Tatsächlich wurde er 1837 König. Die Künstlerin ist irritiert, die Stifter versprechen eine Korrektur.

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