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Depression statt chronischer Borreliose

Depression statt chronischer Borreliose

Jede dritte bis vierte Zecke in der Region Göttingen trägt Erreger – so genannte Borrelien – in sich. Wenn die Zecke beißt, kann die Krankheit Lyme-Borreliose auf Menschen übertragen werden. Eine neue Göttinger Studie hat ergeben: Längst nicht jeder Patient, der auf chronische Borreliose behandelt wird, hat auch eine.

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Vollgesogene Zecke: Stecken die Tiere länger als 24 Stunden in der menschlichen Haut, können sie Borreliose übertragen.

Quelle: Schubert

Die Zeckensaison läuft auf Hochtouren. In Südniedersachsen tragen bis zu einem Drittel der Tiere Bakterien, nämlich Borrelien, in sich. Borreliose ist mit Antibiotika gut behandelbar – wenn sie erkannt wird. Das ist nicht immer leicht. „Die Diagnose Lyme-Borreliose ist zu einem Sammelbecken für Spekulationen geworden“, sagt Helmut Eiffert, Professor der Abteilung medizinische Mikrobiologie des Uniklinikums Göttingen. Er hat gemeinsam mit dem Neurologen Roland Nau in der Neuro-Borreliose-Sprechstunde 120 Patienten untersucht. Alle hatten bei Studienbeginn die Diagnose „chronische Neuro-Borreliose“, und das seit mindestens einem halben Jahr. Sie wurden von Ärzten in die Spezial-Sprechstunde der Klinik überwiesen. 

Eine Schwierigkeit beim Erkennen von Borreliose: Jeder zehnte Göttinger hat Antikörper gegen Borrelien im Blut, also vielleicht irgendwann einmal unbemerkt eine Infektion durchgemacht. Entwickeln sich nach einem Zeckenstich eindeutige Anzeichen einer Borreliose – wie die so genannte Wanderröte – ist die Diagnose meist klar, die Patienten werden bis zu vier Wochen mit Antibiotika behandelt. 

Aber: „Treten unspezifische Anzeichen wie Müdigkeit, Schlafstörungen, chronische- oder Muskelschmerzen auf, muss man ganz genau gucken, ob wirklich eine Borreliose vorliegt“, so Eiffert. Wie die Studie zeigt, war mache Borreliose, die über Monate behandelt wurde, eine ganz andere Krankheit. Unter den 120 untersuchten Patienten hatte nur ein Patient tatsächlich eine chronische Borreliose. 18 Prozent der Patienten hatten ein „völlig unklares Krankheitsbild, nicht einmal der Antikörpernachweis war positiv. 29 Prozent hatten ebenfalls ein unklares Krankheitsbild, aber klinische Hinweise auf Borreliose. Neun Prozent hatten nachweislich eine Borreliose durchlitten.  Aber: „Bei 44 Prozent der Studienteilnehmer haben wir eine völlig andere Diagnose gesichert“, so Eiffert. Darunter: Rheumatische Arthritis, neurologische Erkrankungen und  psychische Krankheiten wie Depressionen. 

„Diese Menschen sind krank“, so Eiffert. Patienten mit chronischen Beschwerden – mit oder ohne positiven Antikörpertest – müssten weiter untersucht werden. Für viele der Patienten aber sei die Diagnose Borreliose leichter zu ertragen, als die „Weiß-ich-nicht-Krankheit“ oder eine psychische Erkrankung. 

Borreliose

Borreliose ist die häufigste durch Zecken übertragene Infektionskrankheit. Innerhalb der ersten 24 Stunden nach Zeckenbiss ist eine Übertragung von Borrelien (meist Borrelia burgdorferi) auf Menschen gering. Nur bei 0,3 bis 1,4 Prozent der Zeckenstiche kommt es zu einer klinischen Ausprägung der Borreliose. Am häufigsten (90 Prozent der Fälle) führt die Infektionen zu einer Wanderröte, die nach einigen Tagen oder Wochen am Körper auftritt. Mit Antibiotika ist sie gut zu behandeln. Zweithäufigste Form ist die Neuro-Borreliose. Die Lyme-Borreliose kann aber viele Organe betreffen, auch Gelenk- und Hirnhautentzündungen sind möglich. Weniger als fünf Prozent der Neuroborreliosen verlaufen chronisch. 

Von Britta Bielefeld

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