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Depressionen: Nur jeder Zweite geht zum Arzt

Thema des Tages Depressionen: Nur jeder Zweite geht zum Arzt

Jeder zehnte Deutsche erleidet mindestens einmal in seinem Leben eine Depression. Die Krankheit ist meist gut behandelbar, wenn sie denn rechtzeitig erkannt wird. Jeder zweite ­Depressive geht nicht zum Arzt. Bei Jugend­lichen ist die Diagnose besonders schwer.

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Depressionen sind häufig genetisch bedingt: Es trifft jeden zehnten Deutschen.

Quelle: Hinzmann

Göttingen.  In schlechter Verfassung ist wohl jeder Mensch im Laufe seines Leben mehr als einmal. Wenn die Verstimmung allerdings über längere Zeit anhält, ist Vorsicht geboten, eine echte Depression droht. Aber wie lassen sich Verstimmungen und eine ernsthafte Erkrankung auseinanderhalten?

„Ein ganz wichtiger Faktor ist die Zeit“, sagt Prof. Borwin Bandelow.  Kollege Dr. Bernhard Kis stimmt ihm zu. Die beiden Mediziner sind Fachärzte für Psychiatrie an der Universitätsmedizin Göttingen. „Wenn eine Verstimmung länger als zwei Wochen am Stück dauert, kann es sich um eine Depression handeln“, so Kis. Nimmt denn die Anzahl von Depressionen wirklich von Jahr zu Jahr zu? „Nein, das stimmt nicht“, sagt Bandelow. Depressionen seien schon immer häufig vorgekommen, nur wurden sie früher häufig verschleiert. „Die Krankschreibungen mit der Diagnose Depression nehmen aber in der Tat zu“, sagt der Fachmann. Das liege aber eher daran, dass das Thema Depressionen mehr in der Öffentlichkeit diskutiert wird, die Menschen zudem heute eher zum Arzt gehen und sich gezielt behandeln lassen.

Überraschenderweise sind Depressionen nicht in Berufen mit extrem hoher Arbeitsbelastung am meisten verbreitet. „Berufsgruppen, die mit einer hohen Motivation einhergehen, sind weniger von Depressionen betroffen, erklärt Bandelow. Depression im Beruf treffen eher Menschen, die wenig Beachtung für ihre Mühen finden. Und das nennt man dann Burnout? „Nein“, sagt Kis. Ein Burnout sei ein Zustand, bezogen auf eine psychische Situation am Arbeitsplatz, und nicht mit Depressionen gleichzusetzen.

Weltweite Daten zeigen, dass Depressionen nicht zunehmen. Was allerdings zunimmt, ist die Anzahl der Diagnosen von Depressionen bei Kindern. Das, so Bandelow könne aber wiederum daran liegen, dass Eltern heute eher zum Kinderarzt gehen, Depressionen also erkannt werden. Etwa jeder zehnte deutsche Erwachsene hat in seinem Leben mindestens einmal eine Depression, bei Kindern sind es vier Prozent, bei Jugendlichen acht. „Bei Kindern ist die Krankheit viel schwieriger zu diagnostizieren“, sagt Kis. „Kinder sagen nicht, dass sie schlecht drauf sind, sie sind eventuell aufmüpfig, reizbar, nässen sich ein oder haben Bauchschmerzen“, so Bandelow.

Job hin oder her: „Viele Depressionen kommen einfach aus heiterem Himmel und ohne Anlass“, sagt Bandelow. Oft sei die Ursache ein Zusammenspiel aus vielen Faktoren. Emotionale Belastungen spielen natürlich eine Rolle – Ärger auf der Arbeit oder Beziehungsprobleme. „Die meisten Suizide verzeichnen Grönland und Litauen.“ Und weiter: „Sonne spielt bei Depressionen eine extrem große Rolle“.

Manche Menschen bekommen eine Depression, andere nicht. Es gebe eben Menschen, die seien psychisch widerstandsfähiger als andere. Und: 50 Prozent der Depressionen seien genetisch bedingt, so die Mediziner. Dort setzt auch der eine Teil der Behandlung von Depressionen an. Der Serotonin-Haushalt dieser Patienten ist häufig gestört. Dort setzen die Medikamente, sogenannte Antidepressiva an. Der zweite Teil der Behandlung ist die Verhaltenstherapie.
„Nach vier Wochen zeigt eine gezielte Behandlung meist gute Erfolge, nach sechs bis zwölf Monaten werden die Medikamente dann häufig abgesetzt. „Die Hirnchemie ändert sich während dieser Zeit“, das Hirn lernt quasi die alten Strukturen zurück. Freuen und gute Laune, das können die Patienten dann oft wieder ohne die künstliche Serotoninzufuhr von außen.

In einer niedersachsenweiten Studie der Techniker-Krankenkasse wird aufgezeigt, dass in Göttingen zwar weniger Menschen als im Landesdurchschnitt mit einer Depression krankgeschrieben, dafür aber überdurchschnittlich viel Antidepressiva verschrieben werden. Für Kis und Bandelow macht das Sinn. „Wo es viele Antidepressiva gibt, wird weniger krankgeschrieben.“ Gut behandelt können Patienten häufig auch mit einer Depression arbeiten.

Bandelow: „In den vergangenen 30 Jahren ist die Zahl der Suizide um 50 Prozent zurückgegangen, im gleiche Zeitraum stieg die Verordnung von Antidepressiva erheblich an.“ Und: „80 Prozent aller Suizide beruhen auf Depressionen, denn am Ende kreisen die Gedanken nur noch um das eine.“ Obwohl eine Depression gut behandelbar ist, geht die Hälfte der Menschen, die depressiv werden, nicht zum Arzt.

Die zehn Anzeichen
  • Niedergeschlagenheit
  • Antriebsschwäche
  • Interessenverlust
  • Kommunikationsstörung
  •  Mangelndes Selbstwertgefühl
  • Schuldvorwürfe
  • Appetitverlust
  • Schlafstörungen
  • Hoffnungslosigkeit
  • Suizidgedanken

„Mama, ich möchte nicht mehr leben“

Jan ist 20 Jahre alt. Die Hälfte seines jungen Lebens ist von einer Odyssee durch medizinische Einrichtungen gezeichnet. Seine Mutter hat ihre Arbeit aufgeben. Der Vater ist in psychologischer Behandlung. Jan W. (alle Namen geändert) leidet unter starken Depressionen.

Wenn ein Kind krank ist, leiden Eltern mit. Wenn Eltern nicht wissen, was dem Kind fehlt, ist alles noch viel schlimmer. Wenn ein Kind mehrfach versucht, sich das Leben zu nehmen, ist das unvorstellbar. Alles begann vor etwa zehn Jahren.  

„Zuerst hatte mein Sohn ja ständig Bauchschmerzen“, erinnert sich Jans Mutter. Damals ist das Kind zehn Jahre alt und beginnt sich zurückzuziehen, vom Sport, aus der Feuerwehr, von seinen Freunden. „Früher hatten wir immer jede Menge Kinder hier zu Besuch“, sagt Frau W. (53 Jahre).

Die Ärzte behandeln zunächst auf Magenschleimhautentzündung. Nichts hilft, der Elfjährige wird schließlich zur Kur geschickt, ohne großen Erfolg. Erstmals wird aber ein Besuch beim Sozialtherapeuten empfohlen. Familie W. tut alles was möglich ist. „Zwei Jahre lang haben alle an meinem Sohn herumgedoktert“, sagt die Mutter. Schließlich folgt der Weg zum Jugendpsychiater. Dort gibt es für den Teenager Klangschalentherapie und den Rat, „einfach mal Einen zu kiffen“, so Frau W. „Als Laie glaubt man den Ärzten doch erst einmal“, sagt sie, immer noch fassungslos. Spätestens da aber war für sie Schluss mit Vertrauen – wieder wird eine Behandlung abgebrochen. Besserung – Fehlanzeige. Jan geht es immer schlechter. Eines war aber klar: „Da gehen wir ganz sicher nicht mehr hin“.

Familie W. ist ratlos. „Damals wussten wir ja nicht das, was wir heute wissen“, erzählt der Vater. „Der erste, der die Diagnose Depressionen ins Spiel brachte, war unser Hausarzt“, sagt der 57-Jährige.

Jan bricht im Laufe der Jahre fast alle Kontakte ab, geht immer seltener in die Schule. „Er hat nie eine schlechtere Noten als eine drei geschrieben, aber sich selbst immer wahnsinnigen Druck gemacht“, sagt seine Mutter. Jan schluckt Tabletten. Eine Dosis, die gefährlich ist, meldet sich aber rechtzeitig bei seinen Eltern. Ein Hilferuf.

Manchmal geht es Jan etwas besser, meistens aber nicht

Es folgen stationäre Aufenthalte, Jan bricht ab, will nicht allein in einer Klinik bleiben. Dann folgen weitere Jahre mit Besuchen in Klinken, bei privaten Therapeuten, von Marburg bis Göttingen geht die Ärzte-Odyssee der Familie W.  Manchmal passt das Therapie-Konzept nicht,  manchmal  sei die „Arroganz der Ärzte“ unerträglich gewesen, so Frau W.  Manchmal geht es Jan etwas besser, meistens aber nicht.

„Ich wünsche mir, das es so etwas bei uns in der Region gibt“

Familie W. fühlt sich im Stich gelassen. Informationen, Austausch mit Fachleuten und Betroffenen, spezielle Gruppentreffen für Angehörige das vermissen sie. „Ich wünsche mir, das es so etwas bei uns in der Region gibt“, sagt Frau W. Viele Erfahrungen und Fehler, die sie machen mussten, hätten mit dem heutigen Wissen nicht sein müssen, meint Familie W. Jans Leidensgeschichte geht weiter.

Eines Sonntags, die Familie  guckt Tatort im TV, schluckt er wieder Tabletten – im seinem Zimmer nebenan. „Er wusste sich einfach nicht mehr zu helfen“, sagt seine Mutter. Jan ist mittlerweile 18 Jahre alt. Auf einer geschlossenen Station in Göttingen bleibt der junge Mann im Anschluss sieben Wochen. Mittlerweile steht die Diagnose fest, schwere Depressionen und eine soziale Phobie. Jan wird mit Elektroschocks behandelt, die sogenannte EKT-Methode. Danach geht es ihm besser, er möchte nach Hause, fühlt sich unter Drogenabhängigen und anderen Suchtkranken nicht wohl. „Vielleicht ist er etwas zu früh nach Hause gekommen“, meint der Vater.

Jan schläft tagsüber, ist nachts wach. Er ist antriebslos, geht nicht hinaus, starrt nur an die Decke. „Eines Tages war er aber ganz nervös“, sagt Frau W. „Mama, ich kann nicht mehr, ich möchte nicht mehr leben“, sagt Jan. Wieder ein Schock für die Mutter. Und wieder geht es in die Psychiatrie, geschlossene Abteilung.

Der stark suizidgefährdete Junge wird erneut stationär behandelt, acht Monate sind es dieses  Mal. Dann soll Jan auf die offene Station. „Bei einem Besuch gingen an einem Tag bei mir die Alarmglocken an“, sagt die 53-Jährige. Jan wirkt wieder sehr nervös. Die Mutter findet heraus warum: Wieder hat er eine Überdosis Lithium-Tabletten geschluckt, gebunkert auf Station. Niemand hat es dort bemerkt. Jan kommt auf eine andere Station, „unser Glück“, so die Mutter. Seit Sommer wird er ambulant behandelt, schreibt wieder Songs. Musik ist sein Hobby. Er traut sich wieder vor die Tür. Manchmal. Es geht aufwärts zur Zeit, wenn auch langsam. Wie lange, das weiß niemand.

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