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Der Teufel steckt im Lokalteil

Tageblatt-Kolumne Der Teufel steckt im Lokalteil

Schulferien. Zeit für wirklich wichtige Themen, deren Aufarbeitung leider zu kurz kam. Bundesjugendspiele beispielsweise. Die Sommerferien bieten uns hervorragende Gelegenheit, über diesem dunklen Kapitel fehlgeleiteter Leistungs-"Pädagogik" endlich den Sargdeckel zuzuklappen. Um es klar zu sagen: Bundesjugendspiele gehören abgeschafft.

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Christoph Oppermann

Quelle: GT

Was heißt hier Spiele? Organisierte Frustration! Schlimm genug, dass die Kinderinnen und Kinder als Pisa-Schwächlinge aufwachsen müssen. Dann soll man ihnen nicht auch noch nachweisen, dass sie sich nicht einmal richtig bewegen können. Ich selbst habe meine sportlichen Erfolge in der Jugend so abgrundtief gehasst, dass ich in einem Akt des Aufbegehrens mit dem Rauchen begonnen haben. Ein dunstiger Kampf gegen den herzlosen Leistungsdruck. Da lasse ich nicht nach.

 

Diesen herrlichen Ansatz sollten wir konsequent weiterdenken, um unsere kleine, bunte Welt besser zu machen. Schluss mit unnötiger Bewertung und Frustration. Im ersten Schritt vernageln wir alle Fußballtore bis zur Altersklasse U21. Alle Spiele werden 0:0 gewertet, allerdings bekommt jedes Team drei Punkte, jeder Spieler ein Sternchen in den Spielerpass (für fünf Sternchen gibt's eine Bionade). Super! Das ist unsere Chance: In der nächsten Generation müssen wir uns keine Kicker mehr ansehen, die nach einem versemmelten Endspiel im Anstoßkreis flennen. Aus der Sportschau wird die Waldorf-Revue.

 

Nächste Stufe: Abschaffen der Zensuren einschließlich der Abi-Note. Es wäre nicht vermittelbar, körperliche Unzulänglichkeiten aus Angst vor traumatischen Erlebnissen der Heranwachsenden im Sport nicht mehr zu bewerten, wenn man gleichzeitig den dumpfen Brägen und dessen Ergüsse noch benotete. Mathe-Fünf? Feierabend! In Geschichte durchgefallen? Gibt's nicht mehr. Und das sind nur die Frustrationsvarianten, die die Schule bietet.

 

Weiter geht's in die böse, harsche Arbeitswelt. Auch dort sollen Vergleich, Bewertung und plumper Leistungsgedanke keinen Platz mehr finden. Stattdessen fröhliches Ausleben der eigenen Kreativität. Mal sehen, was mein Chef zu einer Zeitung mit ungerader Seitenzahl sagt. Cheffe, Tageblatt am Montag mit 25,5 Seiten - wie wär's?. Egal. Es wird eine hübsche Erfahrung. Irgendwie. Unterhaltsam sicher auch, wenn wir auf der Seite "Regionale Wirtschaft" kurz mal die Lottozahlen für Südniedersachsen bis 2019 als Quersumme präsentieren. Als Aufmacher. Muss Ihnen nicht gefallen, aber meckern dürfen Sie dann auch nicht. Wenn all' diese Benotungen, Bewertungen und Vergleiche Vergangenheit sind, muss kein Autobauer mehr Angst haben, wenn er - sich selbstverwirklichend - nur noch rote Wagen vom Band laufen lässt, kein Pastor mehr fürchten, dass er mit seinen Beiträgen in der Tageszeitung in direkter Konkurrenz zu Schützenverein und Kleingarten um Aufmerksamkeit buhlen muss. Man könnt' sagen: Der Teufel steckt im Lokalteil.

 

Sie glauben, eine meiner Kippen war nicht original, dass ich auf solche Ideen komme? Dann lesen Sie sich das hier einmal durch.

 

Und darauf zünde ich mir erstmal eine repressionsfrei gezogene Gauloise mit linksdriftendem Rauch an.

 

Sie erreichen den Autor und c.oppermann@goettinger-tageblatt.de und auf Twitter unter @tooppermann

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