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Der Wolf ist in Niedersachsen angekommen

Weder Monster noch Kuscheltier Der Wolf ist in Niedersachsen angekommen

Der Wolf ist in Niedersachsen angekommen, im Landkreis Göttingen macht er sich noch rar. Im gesamten Bundesland leben 50 bis 70 wild lebende Wölfe. Im Raum Duderstadt soll vor kurzem ein Wolf gesichtet worden sein. Revierinhaber Jörg Wisotzki will sich zu seiner Beobachtung allerdings nicht mehr äußern. Eine eigens aufgestellte Fotofalle hat dort bislang keine Ergebnisse gebracht.

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Der Wolf ist in Niedersachsen angekommen.

Quelle: dpa

Göttingen. Auch Mitpächter Karsten Panczyk will zum Thema Wolf im Eichsfeld keine Auskunft mehr geben.

Auch wenn zurzeit keine bestätigten Wolfssichtungen in der Region vorliegen, die Jägerschaft Niedersachsen rechnet damit, dass sich der Wolf im gesamten Land noch weiter ausbreiten wird.

Es wäre nicht das erste Mal, dass  ein Wolf in Südniedersachsen auftaucht: Das letzte Mal, dass ein Wolf gesichert in der Region gesehen wurde, war im Jahr 2009. Damals lebte im Grenzgebiet zwischen dem Landkreis Göttingen und der hessischen Landesgrenze der Wolf „Reinhard“, benannt nach dem Reinhardswald, durch den er streifte. 

Reinhard war vermutlich ein wildlebender Wolf, der aus Ostdeutschland oder der Heide eingewandert war. Er wurde 2011 tot im Bereich der Sababurg gefunden.  Bereits 2002 hatte ein Wolf die Region Göttingen bis zum Bramwald auf der gegenüberliegenden Weserseite des Reinhardswaldes durchstreift.

Die als Puck bekannt gewordene Wölfin war allerdings aus einem Gehege im Vogtland entlaufen. Ein Jäger erschoss sie bei Alfeld. Puck hatte mehrere Schafe im Landkreis Göttingen gerissen. Auch Wolf Reinhardt hatte es auf Schafe abgesehen.

Sorge beim Landvolk

Landwirtschaftliche Tierhalter sind meist nicht gut auf freilebende Wölfe zu sprechen, sie fürchten vor allem um ihre Schafe und Ziegen. Der Geschäftsführer des Göttinger Landvolkverbandes, Achim Hübner:  „Wir haben Sorge um die im Außenbereich gehaltenen Tiere.

Neben den Schäden an den Tieren selbst, wären da sicher auch noch mögliche Folgeschäden, beispielsweise wenn eine Herde Rinder vom Wolf gescheucht wird.“ Die Bemühungen der Wolfsbeauftragten nehme der Landvolkverband wahr, halte sie aber „nicht im Ansatz für ausreichend“. Hübner: „Im Kern braucht die Landwirtschaft den Wolf nicht.“

Der Wolf ist von großen Teilen der Gesellschaft gewollt, also müssen wir uns wohl mit ihm arrangieren – aber auf wessen Kosten“, fragt Hübner. Er wünscht sich einen „verantwortungsvollen Umgang“ mit der Situation und erinnert daran, dass auch der normale freilaufende Haushund Schäden in der Landwirtschaft verursachen kann.

Keine Konkurrenz für die Jäger

Anders denken die Jäger in Göttingen über den Wolf: „Wir sind glücklich, dass sich der Wolf auch bei  uns seinen Lebensraum sucht – und voraussichtlich auch findet“, sagt Dieter Hildebrandt, Vorsitzender der Jägerschaft Göttingen.  Die Jäger begrüßen es, dass sich vormals ausgestorbene Tiere ihren Lebensraum zurückerobern.

„Dafür können wir dankbar sein“, sagte Hildebrandt. Denn das zeige doch, dass das Biotop hier in Ordnung sei. „Wir sind Naturschützer und freuen uns. Wir sehen den Wolf nicht als Konkurrenz.“ Zudem gebe es in Südniedersachsen beispielsweise genügend Schwarzwild.

Mit einer Rotte Schwarzkittel, so Hildebrandt, legen sich Wölfe allerdings nur ungern an. Hildebrandt plädiert dafür, erst einmal ausreichend wissenschaftliches Datenmaterial  über freilebende Wölfe zu sammeln. Erst wenn die Erkenntnisse „Hand und Fuß“ haben, wisse man, wie und ob man auf die Situation reagieren solle.

Freude beim Wissenschaftler

„Als Biologe freue ich mich natürlich über die Rückkehr des Wolfes“, sagt Prof. Niko Balkenhol, Chef der Abteilung Wildtierwissenschaften an der Universität Göttingen. Die Rückkehr des Wolfes habe gezeigt, dass das Tier sehr anpassungsfähig sei. Es habe sich auch in Landschaften etabliert, die stark vom Menschen beeinflusst sind.

Auch wenn es in Südniedersachsen keine bevorzugten Reviere, wie beispielsweise große ehemalige Truppenübungsplätze gibt: „Die Möglichkeit zu Etablierung des Wolfes gibt es auch hier“. Wie wahrscheinlich eine Ansiedlung ist, könne man aber nicht im Voraus berechnen.

Balkenhol hält ein Umdenken für nötig. Dort, wo der Wolf lebt, müsse auf Schaf- oder Ziegenherden besser aufgepasst werden. „Das Schaf ist, im Gegensatz zum Wildschwein, eine leichte Beute“, sagt er. „Wir müssen wieder lernen, die Nutztiere besser zu schützen“. 

Ein Mittel dazu seien beispielsweise Herdenschutzhunde oder -esel. Esel? „Ja, in Afrika werden die wehrhaften Esel erfolgreich gegen Prädatoren wie  Löwen eingesetzt“, so der Biologe. Esel treten kräftig aus und schlagen Raubtiere zuverlässig in die Flucht.

Darüber hinaus, so Balkenhol weiter, sei es aber nicht nur der finanzielle Verlust, der die Viehhalter belastet, sondern  auch der emotionale. „Man muss ganz klar anerkennen, dass die Rückkehr der Wölfe nicht konfliktfrei geschehen wird und nicht bei allen Bevölkerungsteilen auf Zustimmung stößt“, so der Wissenschaftler. 

Wild gibt es genug in der Region. Ob sich der Wolf auf Dauer wieder etabliert, das liegt laut Balkenhol vor allem  an der Akzeptanz der Gesellschaft: „Eine Verteufelung des Wolfs als menschengefährliches Monster ist dafür ebenso hinderlich wie die Verharmlosung des Wolfes als allzeit scheues Kuscheltier.“

Interviews mit Stefan Wenzel: „Die Sicherheit des Menschen steht an erster Stelle“

Der Wolf ist zurück in Niedersachsen. Schrecken oder Erfolg?

Es ist als ein Erfolg des Artenschutzes zu werten, dass der Wolf in Deutschland wieder heimisch ist. Der Wolf ist ein originärer Bestandteil unserer heimischen Tierwelt und breitet sich auch in Niedersachsen wieder aus. Große Teile der Bevölkerung begrüßen die Rückkehr und sind fasziniert von der Tierart. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Ängste und Befürchtungen, die man Ernst nehmen muss. Klar ist: Die Sicherheit des Menschen steht an erster Stelle.  

Wie gefährlich sind Wölfe?

Gesunde Wölfe, die nicht provoziert oder angefüttert werden, stellen in der Regel keine Gefahr dar. Trotzdem muss man Vorsicht walten lassen, weil absolute Sicherheit nie garantiert werden kann. Das gilt aber genau so für das Zusammentreffen mit Wildschweinen oder entlaufenen Hunden. Wir werten alle Berichte über Wolfssichtungen sorgfältig aus.

Verhaltensauffällige Tiere können auch nach Artenschutzrecht entnommen oder  in letzter Konsequenz  getötet werden. In Deutschland ist die Gefahr eines Unfalls im Straßenverkehr für den Menschen allerdings vieltausendfach höher als die Gefahr einer Verletzung durch den Wolf.  

Wölfe sind Raubtiere. Landwirte und andere Tierhalter befürchten Schäden und protestieren. Was sagen Sie denen?

Das Land übernimmt beispielsweise Kosten für verlorene Nutztiere, Tierarztkosten, Abdecker und auch Transportkosten von Landwirten im Rahmen einer freiwilligen Kostenübernahme. Ein Rechtsanspruch besteht jedoch nicht. Zudem muss der Verursacher nachgewiesen werden. Mit der Richtlinie Wolf fördern wir auch Präventionsmaßnahmen, wie wolfsabweisende Zäune und Herdenschutzhunde. Wir wollen die Nutztierhalter bestmöglich unterstützen und prüfen laufend Verbesserungsmöglichkeiten.

Welche Strategie verfolgt das Niedersächsische Umweltministerium? Soll die Verbreitung der Wölfe gefördert werden?

Das Land ist dem Washingtoner Artenschutzabkommen, der FFH-Richtline der EU und dem Bundesnaturschutzgesetz verpflichtet. Demnach gelten strenge Schutzmaßnahmen bis ein guter Erhaltungszustand gewährleistet ist. Langfristig ist auch eine Regulierung möglich. Allerdings können wir in Niedersachsen noch lange nicht von einer stabilen Population sprechen. 

Das niedersächsische Wolfsmanagement strebt ein möglichst konfliktfreies Miteinander an. Das Konzept versteht sich aber als ein dynamisches System. Wir können von Ländern wie Schweden, Norwegen, Spanien, Frankreich, Italien, Polen und Kanada oder auch der Lausitz lernen. Dennoch muss man genau beobachten, welche Erfahrungen wir in den Kulturlandschaften jenseits der großen Truppenübungsplätze machen.

 Interview von Britta Bielefeld

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