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Gemeinsam gegen die Pfunde

Adipositas-Selbsthilfegruppe Gemeinsam gegen die Pfunde

Vier Frauen und ein Mann sitzen um den Tisch. Sie verbindet ihr Übergewicht und eine gewisse Hilflosigkeit. Sie haben zahlreiche Diäten hinter sich, teilweise sogar operative Eingriffe. Der nachhaltige Erfolg blieb bei allen aus. Jetzt suchen sie in der neu gegründeten Adipositas-Selbsthilfegruppe nach neuen Wegen.

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Neu gegründete Adipositas-Selbsthilfegruppe: Gabriele Schmitz, Marcello Bevilaqua, Angelika Turek-Viel (von links).

Quelle: Wenzel

Göttingen. „Adipositas ist eine Krankheit und keine Disziplinlosigkeit,“ erklärt Gabriele Schmitz. Sie hat die Gruppe zusammen mit Marcello Bevilaquas gegründet, um Betroffenen einen geschützten Rahmen zum Austausch zu geben. Die Gruppe soll aus der Einsamkeit helfen und gleichzeitig Diskriminierungen aktiv entgegentreten.

Einfach abnehmen und überflüssige Pfunde loswerden - damit hatten alle Teilnehmer bereits Erfolg. Das Problem war das Halten des neuen Gewichts. Gabriele Schmitz hatte mit Diät-Drinks 43 Kilo abgenommen, Marcello Bevilaquas sogar 56. Sie ersetzten viele Mahlzeiten durch eine Formula-Diät und reduzierten die Kalorienaufnahme auf 800 pro Tag.

Problem Jojo-Effekt

Zusätzlich gab es regelmäßige Treffen, Sport und Ernährungsberatung. Doch nach der Abnehmphase trat bei beiden der sogenannte Jojo-Effekt ein und schleichend eroberten die verlorenen Pfunde den Körper zurück. „Neue Wege zu beschreiten, ist schwer, denn die alten Wege sind bequem und breitgelatscht“, beschreibt Gabriele Schmitz das größte Problem mit Diäten. Sie ist wieder übergewichtig, hat sich inzwischen sogar den Magen verkleinern lassen. Selbst dieser operative Eingriff hat ihr nicht langfristig weitergeholfen.

„Essen gibt einem ein gutes Gefühl“, erklärt Bevilaquas. Angelika Turek-Viel nickt. Sie hat in ihrem Leben ebenfalls viele Kilos verloren, aber auch immer wieder zugenommen. Sie habe nach einer Diät immer das Gefühl, etwas nachholen zu müssen.

Selbsthilfegruppe Neue Wege

Die Adipositas-Selbsthilfegruppe „Neue Wege“ trifft sich mittwochs von 19.30 bis 21 Uhr. Treffpunkt ist das AOK-Gesundheitszentrum, dritter Stock, Werner-von-Siemens-Straße 3. Weitere Informationen gibt es bei Gabriele Schmitz und Marcello Bevilaqua unter Telefon 01 70 / 7 63 92 82, per E-Mail an neue.wege.goettingen@gmail.com oder im Internet auf adipositas-shg-goettingen.de. wes

Vor Schmitz und Bevilaquas liegt ein großer Stapel an Frauenzeitschriften. Sie wollten in der Selbsthilfegruppe über die Botschaften der Titelseiten sprechen. Darüber, welche umstrittenen Ideale vermittelt werden und was diese Bilder bei ihnen auslösen. Dazu kommen sie nicht, die Teilnehmer diskutieren hitzig, sprechen offen über ihre Gewichtsprobleme.

In der Gruppe Erfolg haben

Essen funktioniere bei adipösen Menschen oft wie ein Notanker, der emotionalen Halt gebe, sagt Bevilaquas. Auch der Selbstwert sei ein ganz wichtiger Aspekt. Teilnehmerin Beatrice ist ein Gruppenmensch und weiß, dass sie zusammen mit anderen Erfolg haben kann. Sie sucht in der Gruppe Gleichgesinnte zum Walken und Schwimmen, würde am liebsten gleich loslegen.

„Wir haben hier keine maßgeschneiderten Rezepte“, sagt Bevilaquas. Aber die Gruppe macht sich Mut und sucht selbstbewusst nach neuen Wegen, auch wenn sie noch nicht wissen, wohin diese sie führen werden.

Interview

Prof. Dirk Raddatz Bereichsleiter Endokrinologie, Leiter der Adipositas-Ambulanz Klinik für Gastroenterologie und gastrointestinale Onkologie Universitätsmedizin Göttingen über Adipositas.

Was ist Adipositas? : Fettleibigkeit

Wann ist ein Mensch adipös?

Als Definition wird der Bodymass-Index (BMI) herangezogen. Hier wird das Körpergewicht in Kilogramm durch die Größe in Metern zum Quadrat dividiert. Als adipös gelten Personen mit einem BMI > 30 kg/m².

Ist Adipositas eine Krankheit?

Eine nicht eindeutig zu beantwortende Frage: Juristisch ist für die Einordnung der Adipositas als Krankheit die Frage bedeutsam, ob ein Leistungsanspruch gegenüber der Krankenversicherung besteht. In Deutschland ist dies zunächst nicht der Fall. Das Bundessozialgericht entschied im Jahr 2003, dass Adipositas grundsätzlich eine Erkrankung sein kann und auch operative Behandlungen unter bestimmten Voraussetzungen indiziert sind und damit deren Kosten auch von der Krankenversicherung zu tragen sind.

Welche Ursachen hat Adipositas?

In den meisten Fällen ist es das Zusammentreffen einer genetischen Ausstattung, die auf Speicherung von Energie ausgelegt ist (was in der Steinzeit auch sicher vorteilhaft war) mit dem Überangebot von Nahrung und dem Mangel an Bewegung. Adipositas ist also eine Kombination aus genetischer Anlage und Umwelteinflüssen.

Welche Behandlungsformen gibt es?

1. Die konservative Therapie fußt auf den drei Säulen Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie, die nach Möglichkeit kombiniert werden sollten. Hierfür eignen sich vor allem evaluierte Gewichtsreduktionsprogramme.

2. Eine zusätzliche medikamentöse Therapie kann hilfreich sein, wenn mit dem Basisprogramm keine ausreichende Gewichtsabnahme erzielt werden kann.

3. Eine Nische zwischen der konservativen und operativen Therapie nehmen die endoskopischen Therapieverfahren ein. Hier ist zum einen der Magen-Ballon zu nennen, dessen Hauptindikation in der präoperativen Konditionierung liegt. In Einzelfällen kann ein Magenballon aber auch zusätzlich zu einem Basisprogramm eingesetzt werden. Eine neue, innovative Methode, ursprünglich zur Behandlung eines Typ 2-Diabetes, ist der sogenannte „Endobarrier“, eine Kunststoff-Verbindung, die in den Dünndarm implantiert wird.

4. Die effektivste, aber auch am meisten invasive Methode ist die sog. Bariatrische Chirurgie mit Verfahren wie der Schlauchmagenoperation oder dem Magenbypass.

Das Interview führte: Andreas Fuhrmann.

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