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„Die Gema hat ihre Spitzel überall“

Thema des Tages „Die Gema hat ihre Spitzel überall“

„Schreiben Sie nur nicht, dass wir Musik hatten“ – das bekommen die Lokalredakteure immer mal wieder bei Veranstaltungen in den Dörfern zu hören. Grund ist die als Schreckgespenst verschriene Gema. Dahinter verbirgt sich die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte. Die Tageblatt-Redaktion hat sich bei verschiedenen Veranstaltern nach ihren Erfahrungen mit der Gema umgehört.

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Bei Großveranstaltungen im Freien – wie hier beim Auftritt von Peter Maffay 2012 beim Eichsfeld-Festival in Duderstadt – sind die Gema-Lizenzgebühren entsprechend hoch.

Quelle: Schneemann

Göttingen. „Wir tragen Gedichte vor und singen Volkslieder“, sagt Sigrid Mecke vom Seniorenbeirat der Gemeinde Friedland. Gerade erst traf man sich „zu Kaffee und Kuchen“ am Rittergut in Besenhausen. Nein, eine Gema-Anmeldung sei dafür nicht erfolgt, meint sie. Das Treffen sei ja eine „geschlossene Veranstaltung für die Friedländer Senioren“.

Ganz so einfach sei das nicht, erklärt Gema-Sprecherin Gaby Schilcher. Sobald eine Veranstaltung öffentlich ist, müsse sie laut Urheberrecht vorab bei der Gema lizensiert werden. Als öffentlich gelte schon, wenn zwei Leute, die sich nicht kennen, zusammen kämen, sagt Schilcher. Es sei denn, schränkt sie ein, sie sind miteinander befreundet oder verwandt. Die Privatparty im heimischen Garten ist also privat, die Vereinsfeier oder das Betriebsfest hingegen nicht. „Es gibt Fälle im Graubereich“, so Schilcher und empfiehlt daher, sich grundsätzlich vorher bei der Gema zu informieren.

Für manchen Veranstalter, vor allem im ländlichen Bereich, scheint die Gema jedoch ein Schreckgespenst zu sein. Gelegentlich werden gar die Berichterstatter gebeten, nicht zu vermelden, dass Musik gespielt wurde. Ein Vereinsvertreter  aus der Region ist sich sicher: „Die Gema hat ihre Spitzel überall.“

Ansprüche der Urheber durchsetzen

Tatsächlich, so bestätigt die Gema-Sprecherin sei Auftrag der Vertretung der Urheber, deren Ansprüche durchzusetzen. „Die allermeisten Veranstalter erwerben vorab eine Lizenz“, so Schilcher, „andere machen das nicht“ – weil sie noch nichts davon gehört hätten, weil sie nicht wollten oder weil sie es verbummelt hätten. Deshalb werte die Gema systematisch Zeitungsberichte über Veranstaltungen aus, um so die säumigen Lizenzgebühren einzutreiben. Und den etwa 200 Gema-Kundenberatern würden durchaus auch Plakate auffallen, sagt Schilcher. „Aber dass hinter jedem Baum ein Gema-Spitzel steht, ist ein Gerücht“, betont sie.

Stelle sich heraus, dass jemand bewusst versuche, die Gema zu umgehen, „dann gibt es eine Strafe, die Lizenzgebühr fällt in doppelter Höhe an und mögliche Nachlässe entfallen“, sagt die Gema-Sprecherin weiter. Die Lizenz müsse vom Veranstalter beantragt werden.

Während mancher die Lizenzgebühren für „etwas zu teuer“ hält, gibt es Veranstalter, die  in der Tarifstruktur der Gema kein Problem sehen. Für das am 13. Juni geplante Stadtfest „Hann. Münden live“ haben die Organisatoren der Mündener Gilde vorab die Fläche ausmessen lassen, sagt Gilde-Vorstandsmitglied Alexander Wenzel. Für die knapp 2000 Quadratmeter seien etwa 320 Euro netto an Gema fällig.

„Natürlich ist das schon ein Kostenblock“, der im Budget einkalkuliert und geschultert werden müsse. Aber wenn es im Rahmen bleibe und an die Künstler durchgereicht werde, sei das gerechtfertigt. Eine Größenordnung von rund 10 000 Euro musste zum Beispiel die Landesausstellung Natur im Städtebau (LNS) Duderstadt für den Tag der Niedersachsen im Jahr 2012 aufwenden, sagt Gerald Werner von der LNS.

GEMA
 
Treuhänder
Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema) vertritt in Deutschland als Treuhänderin die Nutzungsrechte von 69 000 Mitgliedern und mehr als zwei Millionen Berechtigten im Ausland. Dies sind Komponisten, Texter und Musikverleger. Basis für die Arbeit der Gema ist das geltende Urheberrecht.
 
Lizenzpflicht
Jegliche öffentliche Musiknutzung ist zu lizensieren. Der Auftritt des Rockmusikers beim Open-Air-Konzert zählt ebenso dazu wie der Chor, der einem Altersjubilar ein Ständchen bringt, das Vereinsfest, bei dem die Tanzgruppe ihren Auftritt zu Klängen aus der Konserve absolviert, die Diskothek oder die Musiknutzung im Internet. Sogar Werke, die im Gottesdienst gespielt werden, zählen dazu.
 
Gebührentarife

14 verschiedene Tarife gibt es, nach denen die Musiknutzung lizensiert werden muss. Die Tarifstruktur wurde zum 1. Januar 2014 geändert. Seither gilt: Je größer die Fläche und je höher das Eintrittsgeld, umso höher die Gebühren. Bei einem Straßen- oder Dorffest mit Live-Musik (Tarif U-ST) variiert die Nettogebühr von 22,80 Euro – Fläche bis 100 Quadratmeter, Eintritt frei bis zu zwei Euro – bis zu 5083,64 Euro – Fläche 3000 Quadratmeter, Eintritt 30 Euro.

Der Eintrittspreis ist wiederum in Zehn-Euro-Schritten gestaffelt. Jeder Euro mehr, kostet Zuschlag. Es sind Sondernachlässe möglich, etwa für religiöse, kulturelle oder soziale Belange, auch gibt es Vereinbarungen der Gema mit Organisationen, denen ein Gesamtnachlass eingeräumt wird.

 
Einnahmen
Die Lizenzeinnahmen allein aus öffentlicher Wiedergabe von Musik beliefen sich 2014 laut Gema-Geschäftsbericht auf rund 340,06 Millionen Euro.
 
 

Ganz wichtig für die Künstler

Göttingen. „Die Gema ist für alle Veranstalter ein wichtiges Thema“, also auch für Pro City, sagt Göttingens City-Managerin Frederike Breyer. Je größer das Fest sei, je länger es dauere und je mehr Besucher kämen, desto höher falle der Betrag aus, den man an die Gema abführen müsse. Da komme schnell ein vierstelliger Betrag zusammen, sagt Breyer.
Dass die Göttinger Stadtfeste wie zum Beispiel die Nacht der Kultur in der Regel kostenlos seien, mache die Sache nicht einfacher. Dennoch sei die Gema natürlich „ganz wichtig für die Künstler“ – auch wenn sich ihr die Gema-Tarife nicht immer erschließen würden, sagt Breyer. Wichtig sei es, ein Fest vorher bei der Gema anzumelden, verbunden mit einer Prognose zur Größe des Festes und Zahl der Besucher. Dazu gehöre auch eine Liste der beteiligten Künstler mit konkreter Musikfolge. Trotz der Bürokratie: „Der Service der Gema ist sehr gut“, sagt Breyer. Es gebe kompetente Ansprechpartner und einen Tarifrechner im Internet. „Damit sind Veranstaltungen sehr gut planbar.“ afu

Würde mir Bagatellgrenze wünschen

Friedland. Gerade in den Dörfern sei es schon negativ angekommen, dass kleine Vereine ihre Feste bei der Gema anmelden müssen, so die Erfahrung von Friedlands Bürgermeister Andreas Friedrichs (SPD). Das Thema Gema sorge immer wieder im ländlichen Bereich für Kopfschütteln.

„Wenn die Vereine 150 bis 300 Euro zahlen sollen, kann das eine kleine Veranstaltung wie ein Thiefest gar nicht abdecken“, argumentiert er. „Das wäre ein K.-o.-Kriterium“ für manches Fest,“ sagt Friedrichs. Oft werde an die Gemeinde schon vorweg die Bitte herangetragen, ob sie nicht die Gema übernehmen könne. Bisher, so Friedrichs, habe man das bei Festen der Ortsgemeinschaft meist auch getan. Für die Vereine sei das Thema aber immer auch ein Unsicherheitsfaktor, weiß der Bürgermeister. „Ich will nicht in Frage stellen, dass die Künstler ihr Geld bekommen sollen“, sagt er. „Aber ich würde mir wünschen, dass es für die kleinen ländlichen Ortschaften eine Bagatellgrenze gäbe.“ be

Auch Ständchen bei Beerdigung ist öffentlich

Hann. Münden/Northeim. Bisher keine Schwierigkeiten mit der Gema hatte der Sängerkreis Fulda-Werra-Weser, wie der Vorsitzende Dieter Mergard versichert. Trete einer der Mit-gliedschöre irgendwo auf, werde das über den Sachverband Mitteldeutscher Sängerbund samt Programm angemeldet, erklärt er. Gemeldet werde auch, wenn die Sänger zum Beispiel ein Geburtstagsständchen bringen oder bei einer Beerdigung singen, „da es ja öffentlich ist“, so Mergard. Seiner Meinung nach seien die Tarife „etwas zu teuer“, aber, so ergänzt Mergard: „Das Urheberrecht ist da, und es muss gezahlt werden.“ Das sieht auch Jörg Schürmann, Vorsitzender des Kreismusikverbandes Northeim so.

Die Gebührensätze hält er für „durchgängig gerechtfertigt“, denn „davon leben ja die Künstler“. Die Musikvereine und Spielmannszüge, die etwa am 31. Mai zum Kreismusiktreffen zusammenkommen, seien alle über den Landesverband organisiert. Für gemeinnützige Vereine sei die Gema-Gebühr „relativ human“. be

Kommt den Musikern zugute

Duderstadt. „Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zur Gema“, sagt Sabine Holste-Hoffmann, die als Geschäftsführerin der Duderstädter Theater- und Konzertvereinigung (TKV) jüngst erst wieder eine Veranstaltung angemeldet hat: die fünfte Duderstädter Musiknacht am 30. Mai in zwölf gastronomischen Betrieben und in der St.-Cyriakus-Kirche. Für die Lizensierung der Veranstaltung sei die Fläche in den Gaststätten ausgemessen und an die Gema gemeldet worden.

Im ersten Jahr habe die TKV alle Kosten für Plakate, Flyer und Gema übernommen,  diesmal aber werde das auf alle umgelegt. Die Wirte seien zwar bei der Gema gelistet, für die Musiknacht müssten sie aber extra bezahlen, erklärt Holste-Hoffmann.

Je weniger Nebenkosten man als Veranstalter habe, „um so besser“, sagt die TKV-Geschäftsführerin. Aber im Grunde komme die Lizenzgebühr den Musikern und Komponisten zugute. Die Gema sei nur das Instrument, damit die Urheber zu ihrem Recht kämen, sagt sie. be

Verzichten auf jegliche Musik

Dransfeld. Weniger gute Erfahrungen mit der Gema hat der Dransfelder Gewerbeverein, der immer am Muttertag das Hasenmelkerfest veranstaltet. Wie Christian Grischke, einer der Organisatoren, mitteilt, habe der Verein für drei Jahre rückwirkend eine Rechnung erhalten. Dank Nachverhandlungen sei man noch einmal glimpflich davongekommen. In diesem Jahr, so hatte der Gewerbeverein beschlossen, wurde auf „jegliche Musik verzichtet“. Um Ärger zu vereiden, hätten sich alle Standbetreiber dazu verpflichten müssen. Musik beim Hasenmelkerfest – das hätte die Veranstalter „weit über 1500 Euro“ gekostet, da die Berechnung anhand der Veranstaltungsfläche erfolgt. „Die Lange Straße und der Bereich Wolfshof“, so Grischke, „das wäre eine Summe, die wir nicht bezahlen könnten“. Die Gema, so ärgert sich er sich, „tritt auf wie eine Behörde“. Außerdem werde mehrfach kassiert. Das Fitnessstudio zahle ja schon an die Gema, „aber sobald die vor der Tür auftreten, wird wieder kassiert“. be

Mehr Infos unter gema.de

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