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Die Göttinger Sieben: Ihr Wirken und ihre Nachwirkung

Göttinger Jahrbuch Die Göttinger Sieben: Ihr Wirken und ihre Nachwirkung

Die Göttinger Sieben stehen im Mittelpunkt des Göttinger Jahrbuchs 2008, das nun erschienen ist. Gleich mehrere Beiträge befassen sich mit dem Protest von sieben Göttinger Professoren gegen König Ernst August im Jahr 1837, dem sie Verfassungsbruch vorwarfen.

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Abbildung aus der „Illustrierten Zeitung“ von 1887: die Göttinger Sieben.

Sechs Beiträge im Jahrbuch beruhen auf den Vorträgen, die im Begleitprogramm zur Ausstellung „Göttinger Sieben – König Ernst August und der Skandal von 1837“ gehalten wurden. Die Ausstellung wurde im vergangenen Jahr im Städtischen Museum gezeigt.

Peter Aufgebauer schildert in seinem Aufsatz die gespaltene Stimmung in Göttingen im Jahr 1837. Einerseits wird mit großem Pomp vom 16. bis 19. September das 100-jährige Bestehen der Universität Göttingen gefeiert – in Anwesenheit  von König Ernst August. Dieser hatte zugleich dafür gesorgt, dass unterhalb der offiziellen Jubelstimmung eine angespannte Atmosphäre herrschte. 

Denn der neue König hatte bei seinem Herrschaftsantritt im Juli 1837 das unter seinem liberaleren Vorgänger Wilhelm IV. 1833 geschaffene Staatsgrundgesetz nicht unterzeichnet, sondern vielmehr deutliche Kritik an dem Verfassungswerk geäußert, das die königlichen Rechte teils beschnitt und in Richtung einer konstitutionellen Monarchie zielte.

1000 Abschriften in zwei Tagen

Als Ernst August am 1. November 1837 das Staatsgrundgesetz für ungültig erklärte und zwei Wochen später von seinen Staatsdienern einen Treueeid auf den König und nicht auf die Verfassung abverlangte, eskalierte die Situation. Der Göttinger Professor Friedrich Christoph Dahlmann, einer der Urheber des Staatsgrundgesetzes, fühlte sich weiterhin an den auf dieses Grundgesetz geleisteten Eid gebunden. Dahlmann sah im Vorgehen des Königs einen Verfassungsbruch und fertigte eine Protestschrift an. Sie wurde einer größeren Zahl der damals 32 Professoren der Georg-August-Universität vorgelegt, von denen neben Dahlmann sechs weitere die Eingabe unterzeichneten: Wilhelm Eduard Albrecht, die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, Georg Gottfried Gervinus, Georg Heinrich August Ewald und Wilhelm Eduard Weber.

Die Protestschrift fand schnell Verbreitung. Schätzungsweise mehr als 300 der damals 900 Studenten sorgten dafür, dass bereits nach zwei Tagen 1000 Abschriften der Eingabe existierten. Zeitungen in ganz Deutschland wurden mit dem Dokument versorgt.

Gerade diese schnelle publizistische Verbreitung, so schildert es Aufgebauer, trug mit zu der harten Reaktion des Königs bei, dessen Stab die Wirkungen des Protestes zu Beginn völlig unterschätzt hatte. Die sieben Professoren wurden entlassen, drei – Dahlmann, Jacob Grimm und Gervinus – mussten das Königreich Hannover verlassen. In Göttingen kehrte oberflächlich Ruhe ein, aber rund 250 Studenten kehrten der Stadt auf Dauer den Rücken.

Göttinger 18

„Es gibt kein Ereignis, welches in der Erinnerungskultur der Göttinger Stadt- und Universitätsgeschichte eine größere Rolle spielt als der Protest der sieben Göttinger Professoren“, schreibt Hermann Wellenreuther in seinem Beitrag „Die Protestation der Göttinger Sieben“. Wellenreuther sieht die Göttinger Sieben nicht als moderne politische Denker, sondern als akademische Verfechter der Wahrheit, die ihre Integrität als Gelehrte bewahren wollten. Miriam Saage-Maaß weist in ihrem Beitrag „Die Göttinger Sieben als Identitätsstifter“ jedoch darauf hin, dass die Professoren eine neue verfassungsrechtliche Position vertraten, die dem Bild des Königs als machtvollkommenem Herrscher entgegenstand. Der Protest der Göttinger Sieben werde – unter anderem neben dem Wartburg- und Hambacher Fest – zu den Höhepunkten der bürgerlichen Opposition in Deutschland in der Zeit vor der gescheiterten Revolution von 1848 gezählt. Saage-Maaß zeigt auf, wie das Handeln der Göttinger Sieben später je nach gesellschaftlichen und historischen Umständen unterschiedlich interpretiert wurde.

In einem weiteren Beitrag schildert Frauke Geyken die historischen Wurzeln und das – mit Ernst August eintretende – Ende der Personalunion zwischen dem Königreich  Großbritannien und dem Kurfürstentum Hannover. Arne Schirrmacher schildert unter dem Titel „Verantwortung made in Göttingen“ wichtige Aspekte der Protesterklärung von 18 Göttinger Wissenschaftlern im Jahr 1957, die von der Bundesrepublik den Verzicht auf Atomwaffen fordert. Das Göttinger Manifest sei eine wichtige Zäsur und markiere in der bundesdeutschen Geschichte die Wende von Kanzlerdemokratie und Konsensjournalismus zu den Aufbruchjahren mit kritischer Öffentlichkeit und außerparlamentarischer Opposition. Thomas Noll liefert schließlich einen weit gespannten Beitrag über „Die Zahl Sieben in der christlichen Kunst“. 

                                                                                                  Von Jörn Barke

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