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Fehler 56 Jahre lang übersehen

Vierkirchenblick Fehler 56 Jahre lang übersehen

Vom "Vierkirchenblick" sollen Passanten in der Göttinger Fußgängerzone gleich vier Kirchen sehen können. Seit 56 Jahren informiert der im Boden eingelassene Bronzestein außerdem über das Alter der Gotteshäuser. Die Angaben sind allerdings falsch, wie jetzt ein Historiker festgestellt hat.

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Falsche Jahreszahlen auf dem Vierkirchenblick sind 56 Jahre niemandem aufgefallen.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. "Sämtliche Jahreszahlen sind falsch", empört sich der Göttinger Historiker Christian Stadermann über den Bronzestein nahe des Gänseliesels. Damit liegt er teilweise richtig: Die St-Michael-Kirche wurde 1893 gebaut, nicht, wie der Vierkirchenblick behauptet, 1896. Bei der St-Jacobi-Kirche wird 1360 angegeben, richtig ist laut Superintendent Friedrich Selter 1361.

Und bei der St-Albani-Kirche findet auch Selter den von Stadermann festgestellten Unterschied "gravierend". Auf dem Bronzestein steht 1434, Selter nennt 1400 als Baubeginn des heutigen Chores.

St. Johannis nicht ganz falsch

Lediglich bei der St-Johannis-Kirche sind die Angaben Selter zufolge "nicht ganz falsch". Zwar war der eigentliche Baubeginn erst rund um 1300, aber die auf dem Vierkirchenblick genannte Jahreszahl 1230 gelte für den Romanischen Neubau, der damals tatsächlich begonnen wurde, sagt Selter.

Woher die Fehler kommen, ist derzeit unklar: Nach Angaben von Verwaltungssprecher Johannson wurde der Vierkirchenblick 1960 verlegt.

"Wer die Zahlen ausgewählt hat, ob sie geprüft wurden und durch wen – niemand kann diese Fragen im Augenblick beantworten", sagt er. Zudem hätten die falschen Angaben sowohl eine Erneuerung des Bronzesteins als auch die Sanierung der Weender Straße überdauert. Während Stadermann das "einer Universitätsstadt unwürdig und peinlich" findet, geben sich Selter und Johannson humorvoll: "Dass es in einer wissenschaftsbetonten Stadt derartige Ungenauigkeiten gibt, macht sie mir menschlich und sympathisch", sagt der Kirchenvertreter.

Ein Blick genügt

Auch Johannson erklärt, wahrscheinlich hätten Tausende Touristen den Blick auf die vier Kirchen in bester Erinnerung behalten "und vermutlich nicht die in den Boden gelassenen Jahreszahlen."

Trotzdem kündigt er an: "Sollten die Jahreszahlen ganz oder teilweise falsch oder zumindest nicht ganz genau sein, dann muss man das korrigieren". Und auch Selter dankt dem Historiker: "Vorher sind die Abweichungen jahrzehntelang niemandem aufgefallen, und dann sieht das jemand plötzlich auf einen Blick. Stark!"

Von Christoph Höland

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