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„Die Orthese macht mich frei“

Kathi lässt sich nicht unterkriegen „Die Orthese macht mich frei“

Auf einer 316 Kilometer langen, sechswöchigen Wandertour hat die teilquerschnittgelähmte Kathi Kahrstedt im Sommer 2015 Göttingen umrundet, um Spenden für eine Neuro-Orthese zu sammeln, die ihr das problemlose Gehen wieder ermöglichen sollte. Sie hat ihr Ziel erreicht – wie geht es ihr heute?

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Durch die intensive Beschäftigung mit ihrer Krankheit habe sich ihr Blick für Bewegungsprobleme geschärft, so Kathi.

Quelle: Peter Heller

Göttingen. „Gut“, sagt die 37-Jährige, „und vor allem: frei.“ Sie sei nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen, könne alles machen, außer rennen und Fahrrad fahren. Wobei Letztgenanntes nicht prinzipiell unmöglich sei, aber riskant. „Ich möchte mich nicht hinlegen“, sagt Kathi lachend, „andererseits habe ich Lust, wieder in die Pedale zu treten: Vielleicht wag ich es mal.“

Durch die mediale Berichterstattung ist die gebürtige Brandenburgerin zu einer kleinen Berühmtheit in Göttingen geworden. Immer wieder sprechen Menschen sie an: „Waren Sie nicht in der Zeitung?“ Viele wollen wissen, wie es ihr geht und wie die Orthese funktioniert. Aber es gibt auch Menschen, die weniger nette Dinge sagen und zum Beispiel fragen, warum sie denn eine Fußfessel trage. Oder sie auffordern, die Orthese auszustellen, weil das Piepen störe. Alle drei Sekunden gibt das Gerät nämlich ein zwar leises, aber hörbares Geräusch von sich. „Eine junge Frau hat mir im Bus gesagt, sie wolle ihre Ruhe“, erinnert sich Kathi. „Ich hab ihr erklärt, dass ich die Orthese benötige, um zu gehen. Doch das hat sie nicht interessiert. Sie hat gesagt, sie könne das Piepen nicht ertragen.“

Durch die intensive Beschäftigung mit ihrer Krankheit habe sich ihr Blick für Bewegungsprobleme geschärft, so Kathi. Schüchtern war die ehemalige Gastronomie-Leiterin noch nie. Und deshalb spricht sie Menschen, von denen sie glaubt, dass eine Orthese ihnen helfen könnte, kurzerhand an, um sie zu informieren. „Man hat mir geholfen,  jetzt versuche ich, etwas davon zurückzugeben“, sagt sie.

Was ihre eigene Gesundheit angeht, hat Kathi aber weiter sehr viel Pech. Seit ihrer Kindheit leidet sie an Rheuma. Im November 2015 bekam sie einen erneuten Schub, musste starke Medikamente einnehmen und kam im Februar 2016 schließlich für mehrere Wochen in eine Klinik in Oberammergau. Mittlerweile geht es ihr wieder besser, aber die Ärzte stellten eine Diagnose, die für die 37-Jährige niederschmetternd war: kein Sport mehr. „Dabei war ich dabei, mir meinen großen Traum zu erfüllen“, erzählt Kathie traurig: Die Teilnahme an den Deutschen Meisterschaften für Menschen mit Behinderungen, und zwar im Rollstuhlsprint. Viermal die Woche habe sie trainiert, so Kathi, beim ASC und im Olympiastützpunkt in Hannover. Das geht nun nicht mehr – das Rheuma lässt es nicht mehr zu. Doch Kathi lässt sich nicht unterkriegen.

„Dann gehe ich eben wieder“, sagt sie trotzig, „das kann ich schließlich noch.“ Sie plant eine neue Aktion, vielleicht wieder eine Wanderung, um Spenden für die Häusliche Kinderkrankenpflege Göttingen (KIMBU) zu sammeln. Wer eine Idee hat, kann sich bei Kathi auf facebook.com/kathigeht.de melden. hr

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Der Wochenrückblick vom 3. bis 9. Dezember 2016