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Die Patin

Aus dem Amtsgericht Die Patin

Meine Deutschlehrerin gab mir früher den Ratschlag, bei Texten mit reichlich handelnden Personen ein Verzeichnis anzulegen, um den Überblick nicht zu verlieren.

Was ich im Leistungskurs nicht ein Mal benutzt habe, hat sich nun in einem Fall am Gericht als hilfreich erwiesen: das Dramatis personae.

Es ist einer der Fälle, bei denen es schwierig ist ernst zu bleiben. Da sitzen drei Angeklagte auf der Bank, eine junge Frau, 24 Jahre alt, in der Mitte, eingerahmt von ihren Mitangeklagten, einem 27-jährigen Konditor und einem 18-jährigen Schüler. Allesamt wegen Diebstahls angeklagt. Nacheinander treten aktuelle und ehemalige Lebensabschnittspartner in verzeichniswerter Anzahl auf. Und es gibt sogar einen Täter, der noch gar nicht angeklagt ist.

Beim Opfer handelt es sich um den Ex-Freund der kleinen Schwester der Angeklagten. Wegen, sagen wir atmosphärischer Störungen, hat sich die große Schwester vorgenommen, „ihm eine aufs Maul zu hauen“. Dazu hat sie sich Verstärkung mitgenommen: den aktuellen Freund ihrer Schwester, den 18-jährigen Mitangeklagten, einen untertänigen Bonbon- und Kleingeldträger, der seiner Schwägerin in spe nämliches während der Verhandlung anreichen darf. Nicht aber, den angeklagten Zuckerbäcker. Bei dem dritten Täter handelt es sich wie sich rasch in der Hauptverhandlung herausstellt um einen großmäuligen Zeugen, der zu Prozessbeginn noch vor der Tür wartet.

Zu dritt sind sie in das Wohnhaus des Opfers eingedrungen. Während die Angeklagten sich daran machten die Wohnungstür einzutreten, konnte das Opfer mit nacktem Oberkörper über die Terrasse fliehen und sich zur Polizei retten. Dort, so trägt Richter Oliver Jitschin aus der Akte vor, habe er zunächst 20 Minuten gesessen, ohne eine Aussage machen zu können. Auch in der Verhandlung vor Gericht, gelingt es dem Opfer nicht, eine Aussage zu machen: Der junge Mann bricht in Tränen aus und muss von seiner „Im Moment nicht“-Freundin hinaus begleitet werden. Die schilderte zuvor, wie sie nach einem Streit die Ankunft der drei Streitsüchtigen angstvoll verfolgte.

Aufklärung könnte die Aussage des dritten Beteiligten bringen. Doch der muss sich, so will es das Gesetzt, nicht selbst belasten. Nach entsprechender Belehrung will er keine Angaben machen. Bloß das Geld für die Busfahrkarte lässt er sich noch, mit einem Einzelfahrschein, wedelnd vom Richter erstatten.

Erörtert wird noch die Rolle des 18-jährigen Mitangeklagten. Seine erste Hausdurchsuchung in der elterlichen Wohnung war ihm reichlich peinlich: „Meine Mutter war gerade am sich fertig machen“, als die Beamten in die Kölner Wohnung kamen. Beim Raubzug durch die Wohnung des Opfers will er sich nur im Hintergrund aufgehalten haben. Ohne fertig gemachte Mutter, ohne Rechtsbeistand, nur mit seiner Schwägerin in spe erscheint er vor Gericht, jede Strafe erwartend und akzeptierend, scheint es. Den Antrag der Staatsanwaltschaft für seine Tatbeteiligung (100 Arbeitsstunden) nimmt er achselzuckend hin.

Das Urteil fällt milde aus. Die geständige, wenngleich leidlich reuige Angeklagte, wird wegen „in Anführungszeichen“ einfachen Diebstahls zu einer Geldstrafe von 600 Euro verurteilt. Der willfährige Schwager wird nur als Helfer zur Verantwortung gezogen: 60 Sozialstunden werden ihm aufgebrummt. Wichtiger ist den Juristen, dass in die Chose endlich Ruhe und Frieden einkehrt. Keine Drohungen, keine Beleidigungen und keine Prügeleien mehr.

Nur der Noch-nicht-Angeklagte kann das Pöbeln nicht lassen. Bevor er sich seine 1,90 Euro für den Bus erstatten lässt, verspricht er, das Opfer noch „richtig in die Scheiße reiten“ zu wollen. Mit dem besten Anwalt aus Dransfeld. Ob auch dies als Drohung zu verstehen ist, bleibt offen.

Von Lukas Breitenbach

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