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Die Universität im Ersten Weltkrieg

Rhetorische Scharmützel unter Professoren Die Universität im Ersten Weltkrieg

„Nationaler Chauvinismus und universitäre Tradition“: Unter diesem Titel beleuchtet Ulrich Hunger im neuen Göttinger Jahrbuch die Universität Göttingen im Ersten Weltkrieg.

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Denkmal am Auditorium.

Quelle: PH

Göttingen. Fast ohne Studenten, aber noch mit einem beträchtlichen Personalapparat und Veranstaltungsangebot – so präsentierte sich laut Hunger die Universität während des Ersten Weltkriegs. Im ersten Kriegssemester sei die Studentenzahl um 66 Prozent zurückgegangen. In den fast leeren Hörsälen hätten sich zunehmend nur noch verwundete Soldaten und Kriegsversehrte eingefunden – neben einer größer werdenden Zahl von Frauen. Die waren an preußischen Universitäten ab 1908 zugelassen.

Auch in Göttingen habe sich zu Beginn Kriegsbegeisterung bei Umzügen gezeigt, bei denen patriotischer Lieder gesungen worden seien. Eine Euphorie oder gar Massenpsychose habe es jedoch wohl nicht gegeben. Die „nationalistisch überhitzte Stimmung“ habe allerdings „eine Ausländerphobie und mancherlei Verdächtigungen und Denunziationen von Universitätsangehörigen“ verursacht, schreibt Hunger. Bei den Studenten, die aufgrund von körperlichen Gebrechen nicht eingezogen worden waren, habe es den Wunsch gegeben, dennoch etwas für die nationale Sache tun zu wollen. Als Folge seien ausländische Studenten als Spione oder Saboteure denunziert worden.

Viele Studenten aus England, Frankreich, Russland und auch aus den damals noch neutralen USA hätten Göttingen noch schnell vor dem Krieg verlassen, „sodass es zu einem dramatischen Einbruch bei den Zahlen der Ausländer kam“. Angehörige aus Feindstaaten seien teilweise interniert worden, doch es habe keine gewaltsamen Übergriffe auf sie gegeben.

Dafür habe es innerhalb der Professorenschaft manches rhetorische Scharmützel um die korrekte deutschnationale Gesinnung gegeben – Hunger führt in seinem Text einige Beispiele an. Auch wenn die Grundstimmung an der Universität staatstragend und patriotisch gewesen sei, hätten die Amtsträger  bei abweichenden Meinungen meist gelassen reagiert. Dies sei zum einen aus Rücksicht auf die Prinzipien der Toleranz und der wissenschaftlichen Freiheit geschehen, zum anderen aber auch, um „die Universität als unabhängige sachlich objektive, nur der Wahrheit verpflichtete und dazu noch politisch loyale Institution in der Öffentlichkeit darzustellen“.

Am Ende stand für die Universität ein hoher Blutzoll: 726 Studenten und damit 30 Prozent aller Immatrikulierten starben im Krieg, außerdem elf Privatdozenten, zehn Assistenten und ein Bibliotheksdiener. Sie wurden 1924 mit einem Denkmal vor dem Auditorium am Weender Tor geehrt.

Eine strukturelle oder mentale Umwälzung habe es an der Universität jedoch nicht gegeben, so Hunger. Es seien vielmehr nach Kriegsende starke Kontinuitäten zu verzeichnen gewesen. Das geistige Gepäck, dass die zurückkehrenden Frontkämpfer in Form von Dolchstoßlegende und der Bewertung des Friedensvertrages als „Schanddiktat von Versailles“ bei sich getragen hätten, sei allerdings ein bedrohliches Erbe des Ersten Weltkriegs gewesen.

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