Volltextsuche über das Angebot:

25 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Die alte Idee einer Doppelspitze

JT-Insolvenz Die alte Idee einer Doppelspitze

Schon einmal lag das Junge Theater (JT) wirtschaftlich am Boden. Ende 2003 meldete das JT Insolvenz an – die damalige Geschäftsführung hatte schwerwiegende Fehler begangen.

Voriger Artikel
Zwei Häftlinge als Knast-Reporter
Nächster Artikel
Hamburger übernehmen Junkernschänke

Pleiten, Pech und die Räuber: Dem Jungen Theater fehlt Geld. Rund 300 000 Euro sollen aus den Kassen verschwunden sein.

Quelle: Hinzmann

Zur Rettung des JT hatte der damalige Regisseur Andreas Döring ein Konzept vorgelegt: Sein „komplett neues Wirtschaftskonzept“, so Döring damals, setze dort an, wo der Landesrechnungshof wie auch der Landschaftsverband Südniedersachsen als Zuschussverwalter des Landes Verbesserungen gefordert haben. So sollten zwei Geschäftsführer – Intendanz und Verwaltung – eingesetzt werden. „Eine Budgetierung zu Jahresbeginn soll den Überblick über die Ausgabenentwicklung gewährleisten“, sagte Döring. Extern sollte geprüft werden, ob der Finanzrahmen eingehalten wurde. Als einen „ganz wichtigen Punkt“ sah er den Aufsichtsrat an. Dieser sollte die neu gegründete GmbH kontrollieren. Gesellschafter sind eine Einzelperson und ein neu zu gründender Verein. Der damalige Anspruch, den der Arbeitskreis Junges Theater mit der Erfahrung aus der gerade überwundenen Insolvenz hatte, war eine „professioneller geführte Buchhaltung“.

So war jedenfalls die Idee 2004. Aus Kostengründen wurde eine Doppelspitze in der Geschäftsführung nie umgesetzt. Theatermann Döring übernahm alleine die künstlerische und wirtschaftliche Führung des Hauses und verpflichtete sich nach dem Gesetz betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung, „für die ordnungsmäßige Buchführung der Gesellschaft zu sorgen“. Zudem müsse der „Geschäftsführer den Jahresabschluss und den Lagebericht unverzüglich nach der Aufstellung den Gesellschaftern zum Zwecke der Feststellung des Jahresabschlusses vorlegen. Hat die Gesellschaft einen Aufsichtsrat, so ist dessen Bericht über das Ergebnis seiner Prüfung ebenfalls unverzüglich vorzulegen“, heißt es im Gesetz.

Döring und der Aufsichtsrat – Frank Peter Arndt (SPD), Marcel Pache (CDU) für die Stadt Göttingen, Kerstin Paetsch (CDU) für den Landkreis, Göttingens Kulturdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck, Elke Bartussek für den Förderverein Freunde des Jungen Theaters Göttingen, Gesellschafter John Coates und Uwe Oppermann für den JT-Betriebsrat – müssen sich also die Fragen gefallen lassen, warum sie nicht regelmäßig einen Blick auf die Einnahmen und Kontobewegungen geworfen und nicht auf eine Präsentation der Prüfberichte gedrängt haben.

Stattdessen muss der Aufsichtsrat zerknirscht einräumen: „Es hat sich gezeigt, dass sich die Zusammenführung von künstlerischer und kaufmännischer Geschäftsführung nach den Vorerfahrungen nicht bewährt hat.“ In einer Mitteilung von Anfang August heißt es, dass der Aufsichtsrat an der „Aufarbeitung der Fehler bei der insolvent gegangenen Junges Theater GmbH aktiv und selbstkritisch mitarbeite“. Die Mitarbeiter des JT fordern: „Dieser Veruntreuungsskandal muss strukturelle Korrekturen im Betrieb zur Folge haben. Und wir gehen davon aus, dass die entsprechenden Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung unsere Struktur nachhaltig ausbessern und auch die Geschäftsführung und Intendanz trennen.“
Mit dieser Idee ist der heutige Intendant vor sieben Jahren schon einmal angetreten.

Von Michael Brakemeier

Aufsicht der Geschäftsführung statt Beratung

Die Reaktionen auf den gestrigen Tageblatt-Bericht „Wo ist das Geld geblieben?“ zeigen: Vielen sind die Funktion eines Aufsichtsrates und seine rechtlichen Verpflichtungen nicht klar – obwohl allein der Name des Gremiums seine Hauptfunktion eindeutig bezeichnet. Daher gilt: Der Aufsichtsrat hat die Pflicht, die Geschäftsführung – also den Vorstand – zu überwachen (gemäß Paragraf 111 des Aktiengesetzes – gilt analog auch für Aufsichtsräte anderer Gesellschafts-
formen). Wenn er diese Pflicht nicht erfüllt und der Gesellschaft dadurch Schaden entsteht, so können seine Mitglieder persönlich in Regress genommen werden. Um dieser Pflicht Genüge zu tun, kann der Aufsichtsrat Geschäftsführungsmaßnahmen von seiner Zustimmung abhängig machen. Im Streitfall wird von der Pflichtwidrigkeit und dem Verschulden des Aufsichtsrates ausgegangen, bis der Aufsichtsrat das Gegenteil bewiesen hat. Daneben hat er Prüfungspflichten – insbesondere, was den Jahresabschluss betrifft. Schlimmer noch: Bei pflichtwidrigen Versäumnissen des Aufsichtsrates sind dessen Mitglieder im Prinzip sogar zu Schadensersatz verpflichtet – eine Rechtslage, der sich mancher Kommunalpolitiker gar nicht bewusst ist, wenn er sich in das Aufsichtsgremium wählen lässt und dies als vermeintliche Formalie ansieht. Damit ist der Aufsichtsrat weit mehr als ein nur die Geschäftsführung beratendes Gremium. Der Göttinger Kommunalpolitik wurde all dies spätestens im Jahr 2004 bekannt, als das ebenfalls unzureichend kontrollierte Recycling-Unternehmen Juweel in die Pleite rutschte. Damals waren die Gesellschafter von Juweel Stadt und Landkreis Göttingen. (hein)

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Wo ist das Geld geblieben?

Ohne Einigung ist am Dienstagnachmittag, 19. Oktober, eine Güteverhandlung zwischen der entlassenen Buchhalterin des insolventen Jungen Theaters (JT) und dem Insolvenzverwalter Burghard Wegener vor dem Arbeitsgericht zu Ende gegangen. Die Buchhalterin wehrt sich unter anderem gegen ihre fristlose Kündigung. Sie steht unter dem Verdacht, JT-Gelder veruntreut zu haben.

mehr
Bundestagswahl: Die Kandidaten im Netz