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Die alten Pauker

Wochenendkolumne Die alten Pauker

Bert Woudstra hat am Mittwoch im Alten Rathaus gesprochen. Über seine Flucht vor den Nazis, sein Überleben im Zweiten Weltkrieg. Der 83-jährige Niederländer will seine Geschichte erzählen, vor allem jungen Menschen. Es ist seine Mission.

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Bert Woudstra am Mittwoch im Alten Rathaus in Göttingen.

Quelle: Wenzel/Archiv

Ruth Klüger sprach im Bundestag bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus. Die 84-Jährige hat das Grauen überlebt, weil sie sich bei der Registrierung in Auschwitz drei Jahre älter gemacht hat. Die kleine Ruth wäre sonst in der Gaskammer ermordet worden.

 
In Berlin werden seit dieser Woche zum ersten Mal „Bilder aus dem Holocaust“ gezeigt. Künstlerin Nelly Toll, heute 80 Jahre alt, malte als kleines Mädchen. Es war ihre Art, das Grauen zu verarbeiten. Bei der Eröffnung der Ausstellung zeigte sie der Kanzlerin die „Bilder aus dem Holocaust“.

 
Mir fällt meine Grundschullehrerin ein. Frau Kolb. Eine feine Dame, kurz vor dem Pensionsalter. In unserem Klassenraum gab es so eine Art Sandkastentisch, Standardausstattung in den frühen Siebzigern. Den nutzte Frau Kolb immer, wenn sie uns Kindern Heimatkunde unterrichtete. Man konnte dort ganz einfach den Verlauf von Flüssen, die Lage von Städten oder Gebirgen darstellen. Bei einem Thema wurde unsere Lehrerin, die wir heiß und innig verehrten, plötzlich ganz anders. Sie erklärte uns den Mittellandkanal. Wolfsburg, Stichkanäle Salzgitter, Hildesheim, die Schleuse in Minden. Es muss die Erinnerung an die Nazi-Zeit gewesen sein, an die Dreißigerjahre, als das Jahrhundertbauwerk mit aller Macht vollendet werden sollte. Und dann sagte sie einen Satz, den ich damals zwar hörte, aber nicht verstand: „Wehret den Anfängen.“ Frau Kolb hatte Tränen in den Augen und wechselte das Thema. Sie sprach plötzlich von jener Nacht im März 1945 als ihre, unsere, Heimatstadt in Schutt und Asche versank.

 
Herr Jänichen war mein erster Deutschlehrer am Gymnasium. Kurz vor der 70, aus dem Ruhestand zurückgeholt, weil es Lehrermangel gab. 38 Jungs in einer Klasse. Zwei- bis dreimal kam es vor, dass Herr Jänichen Rechtschreibung und Grammatik sein ließ und einfach nur erzählte. Von den Granaten, die neben ihm einschlugen, von dem unendlichen Leid im Krieg, von Hunger und Tod. Und wieder fiel dieser Satz: „Wehret den Anfängen.“ Jetzt verstanden wir ihn. Zumindest die meisten. Ich muss in diesen Tagen immer wieder an meine alten Pauker denken, wenn die tumben Freundeskreise zur Demo rufen. Wenn Nazis im bürgerlichen Gewand versuchen, mit den Sorgen der Menschen auf Fang zu gehen. Wenn Steckbriefe mit Politikergesichtern auf Demos verteilt werden, wenn unverholen rassistisches Gedankengut verbreitet wird.

 
Und am meisten sorge ich mich um die Mitläufer, um die tatsächlich besorgten Bürger, die mit vielen Dingen nicht einverstanden sind. Sie sind nämlich der Resonanzkasten für die braunen Parolen. Ich hoffe, sie hatten genauso gute Lehrer wie ich.

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Von Redakteur Dr. Uwe Graells

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