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Die beiden goldenen Bücher der Stadt Göttingen

Thema des Tages Die beiden goldenen Bücher der Stadt Göttingen

Der Sohn von Königen Elisabeth von England, Andrew, Duke of York, hat wohl die am besten gesicherte Unterzeichnung ins goldene Buch der Stadt geleistet. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen – bis hin zur Demontage der städtischen Mülleimer am Markt – hat der ehemalige Gatte von Sarah Fergie Fergusson im Juni 2014 seinen Namen der Reihe prominenter Besucher hinzugefügt.

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Stadtgeschichte: Karin Ropeter und Rolf Lohmar  blättern in den beiden goldenen Büchern der Stadt Göttingen

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Nach ihm kam noch der polnische Botschafter Jerzy Marguanski. Dessen Unterschrift vom 21. Oktober 2014 ist die bislang letzte im gewichtigen Folianten der Unterschriften.

„Das so lange nichts passiert, das ist schon ungewöhnlich“, sagt Rolf Lohmer, Archivar im Stadtarchiv.

Das goldene Buch, das diese Unterschriften bewahrt, wurde im Jahr 1953 erstmals genutzt. Es ist bereits das zweite, der erste Band stammt aus dem Jahr 1900. „Auf Anregung des Herrn Bürgermeisters Calsow wurde beschlossen, zum 1. Januar 1900 an eine Stadt-Chronik zu führen“, steht in den Akten, die Lohmer herausgesucht hat.

Seite um Seite ist dort Jahr für Jahr niedergeschrieben worden, was in der Stadt geschah. „In gedrängter Weise“ sollte stets am Jahresende die Ereignisse eingetragen werden. 569 Mark kostete das schwere Lederbuch mit Wappen, Schließen und „Prachtecken“.

Es geht um Rat und Politik in den Einträgen, aber auch die Tatsache, dass sich 1938 erstmals drei Blumengeschäfte Fleurop anschlossen, findet Erwähnung. Hauptsächlich aber geht es um die kommunale Politik, auch um das Wirken von Albert Gnade, SS-Führer und Bürgermeister der Stadt. Das Ende dieses dunklen Kapitels wird mit dem Eintrag „Der Krieg war wenigstens äußerlich für Göttingen beendet“, am 9. April 1945 vermerkt.

Damals war das goldene Buch eher ein kommunales Tagebuch als das, was es heute ist – eine Autogrammsammlung der Stadt. In der Nachkriegszeit dann geht es aber auch schon mal um Filmpremieren, am 20. November 1948 trägt sich Erich Kästner in das Buch ein.

„Das alte Buch ist fast voll“, konstatierte Stadtarchivar Wilhelm van Kampen 1948. Die Mischung von Chronik und Empfängen in einem Buch fand er, so erklärt es Lohmer, wohl recht  unglücklich. Zur 1000-Jahr-Feier der Stadt wird 1953 dann das neue goldene Buch in Betrieb genommen.

Es folgen zahlreiche Einträge aus Wissenschaft, Politik und Kultur. Der Schriftsteller Carl Zuckmeyer gehört zu den ersten, es folgen die Unterschriften von Forschern wie Max Born und Botschaftern vieler Nationen.

Vertreten sind die Preisträger des Samuel-Bogumil-Linde -Preises, wie Marcel Reich-Raniki. alle Ehrenbürger der Stadt, wie Nobelpreisträger Manfred Eigen haben ebenso unterschrieben wie die Mitglieder der mexikanischen Fußballnationalmannschaft, Bundes- und Ministerpräsidenten.

Dafür, dass im Buch eben nicht nur die Unterschriften zu lesen sind, dafür sorgt Manfred Pilz. Der Groner Künstler gestaltet die Seiten, auf der sich die Prominenten verewigen dürfen. Mal mit asiatischen Ornamenten (für die thailändische Prinzessin). Mal mit Figuren, wie für Karl-Heinz Böhm, der Schauspielikone der 50er Jahre, später allerdings in karitativer Mission unterwegs.

Kriterien

Festgeschriebene Kriterien oder einen Ratsbeschluss gibt es nicht für das goldene Buch. „Am Ende entscheidet der Oberbürgermeister darüber, wer sich einträgt“, sagt Achim Sterr, zuständig für Repräsentation und Internationale Beziehungen in der Stadtverwaltung.

Oftmals werden die Kandidaten – auch von außen – vorgeschlagen. Intern werde dann beraten, ob der Besucher geeignet ist. Manchmal werde das Buch auch zu externen Veranstaltungen getragen – beispielsweise in die Universität. Wenn die internen Beratungen ergeben, dass sich der Gast eintragen darf, muss nur noch der Oberbürgermeister zustimmen.

 
Wo sind die Elche?

Das goldene Buch der Stadt. Es zieren die Unterschriften von Nobelpreisträgern, Bundespräsidenten und Angehörigen von Königsfamilien. Glanz und Gloria allemal.

Was fehlt bei all dem Gold ist vielleicht ein wenig Glamour. Göttingen war einst Film- und ist immer noch auch Theaterstadt. Heinz Erhardt und Götz George sucht man im goldenen Buch ebenso vergeblich wie Douglas Adams, der einst beim Literaturherbst las. Gastspiele, ok. Aber warum fehlen die Elchpreisträger? Das ist ein Preis der Stadt, so wie der Linde-Preis auch.

Robert Gernhardt, Marie Marcks und Harry Rowohlt beispielsweise können nicht mehr unterschreiben. Andere schon. Es ist nie zu spät, verstaubte Gewohnheiten über Bord zu werfen. Der nächste Elch kommt bestimmt. Mit ein paar Satirikern wird das Buch erst richtig hochkarätig.

Britta Bielefeld

Britta Bielefeld

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