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Direktor des Amtsgerichts Northeim, Gerd Frädrich, ab morgen im Ruhestand

Gericht klärt Geheimnis des dritten Hodens Direktor des Amtsgerichts Northeim, Gerd Frädrich, ab morgen im Ruhestand

Das königlich bayerische Amtsgericht hat es bewiesen: Der Gerichtssaal kann zur Bühne amüsanter Komödien werden, besonders wenn Tiere mitspielen. Niemand weiß das besser als Gerd Frädrich. Der Jurist aus Elliehausen ist nicht nur selber Komödiant, Laienschauspieler und Präsident des Theaterclubs Gasparone Elliehausen, sondern seit 17 Jahren auch Direktor des Amtsgerichts Northeim. Morgen geht er in den Ruhestand.

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Vor dem Ruhestand: Direktor des Amtsgerichts Northeim, Gerd Frädrich.

Quelle: Hinzmann

Rechte Zeit, kurz vor dem 65. juristische Rückschau zu halten: Zunächst die drögen Themen. Da waren Pebbsy und Agil, KLR und P53 – lauter aus der Wirtschaft übernommene, zu griffigen Kürzeln geronnene Methoden der Effizienzsteigerung oder -kontrolle mit hochtrabenden Namen. Hinter Pebbsy etwa verbirgt sich das Wortmonster „Personalbedarfsberechnungssystem“, das nichts anderes tut, als Richtern vorzurechnen, wie viele Minuten sie durchschnittlich für einen Prozess aufwenden sollten.

Ob Kosten/Leistungsrechnung oder Beurteilungswesen – Arbeitsabläufe und Behördenstruktur, so Frädrich, haben sich in den 17 Jahren extrem verändert. Richterliche Tätigkeiten im Grundbuch- oder Nachlassgericht, Insolvenzen oder Vereinsregister sind von Richtern auf Rechtspfleger übergegangen. Viele Bereiche wurden zentralisiert: Mahnwesen in Uelzen, Handelsregister erst in Northeim (Osterode und Einbeck), dann in Göttingen. Betreuungssachen haben sich vervielfacht, weil die Menschen immer älter werden und damit auch Betreuungsakten schon einmal 20, 30 Jahre alt werden und immer wieder aufs neue richterlicher Kontrolle bedürfen.
Die guten alten Karteikarten sind in dieser Zeit aus den Registergerichten verschwunden, moderne Computer wurden nicht immer freudig erwartet. Da habe man viel Fingerspitzengefühl und Kraft benötigt, um in seiner „Familie“ – so nennt er seine 65 Mitarbeiter beim Amtsgericht – die diversen Justizreformen ohne menschliche Tragödien umzusetzen.

Soweit des Interne. Extern verlangt die Kundschaft Entscheidungen von einem Richter. Und da müsse man ernst bleiben, weil es auch Klägern und Beklagten ernst ist – so lustig der Fall auch sein mag.
Sternstunden, so Frädrich, der seit 2006 auch als Mediator tätig ist, seien zwar die gelungenen gerichtlichen Mediationen, wenn beide Parteien mit dem Gefühl des Gewinners den Mediationsraum verlassen und sich dafür beim Richter bedanken. Doch gebe es auch erbitterten, ganze Familien zerstörenden Streit, dem kein Urteil je gerecht werden kann.

So wie Mietsachen, wenn der Vermieter zwar einen Sieg erstreitet, der überschuldete Mieter aber nie wird zahlen können, so seien auch Familiensachen juristisch oft nicht zu lösen. Mit Schrecken denkt Frädrich an jene Landwirtschaftssache, als ein Vater den Hof dem Sohn übergab, nicht loslassen konnte, ihn später zurück haben wollte und darüber Streit bis zu gegenseitiger Entführung der Jagdhunde oder der Traktoren entbrannte.

In Frädrichs Direktorenzeit fiel auch das legendär gewordene Urteil in Reimen: Amtsrichter Bernhard Menge hatte den Fall zu entscheiden, dass ein Autofahrer Ersatz für einen Blechschaden von einem Bauern verlangte. Dessen Kuh war ausgerissen, der Autofahrer hatte sie eingefangen, mit dem Wagen zum Hof geführt, und die dumme Kuh hatte sich mit einem Tritt gegen das Blech bedankt.
In einem gereimten Gedicht verurteilte Menge den Kuhhalter zu Schadensersatz. Frädrich riet ihm, zur Sicherheit eine Zweitfassung in Prosa zu formulieren. Zum Einsatz, selbst in einem RTL-Film, kam aber immer nur die poetische Fassung – „die uns der Kollege dann bei jeder Gelegenheit aufs neue zu Gehör brachte“.

Und dann war da noch der Vaterschaftsprozess gegen einen Ochsen. Verhandeln musste Frädrich als Zivilrichter die Klage eines Bauern, dessen Kuh vom Ochsen auf der Nachbarweide geschwängert worden war. Vom Ochsen? Ja, denn der Beklagte konnte nachweisen, dass sein Bulle kastriert ist, mithin ein Ochse. Ein Gutachten klärte dann, dass der Kastrierte sehrwohl der Kalbsvater war. Er war auch als Stier noch recht fit. Ihm zwei Hoden zu entfernen, hatte nicht gereicht. Da war noch ein dritter. Der Ochsenstier-Halter war schadensersatzpflichtig. Das hätte auch im königlich bayerischen Amtsgericht spielen können.

Von Jürgen Gückel

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