Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Diskussion um Ausgrabung vor dem Alten Rathaus in Göttingen

„Ist der ganzen Stadt eine Zierung“ Diskussion um Ausgrabung vor dem Alten Rathaus in Göttingen

„Wie kann man denn so eine Kostbarkeit einfach wieder zuschütten und damit unseren Enkeln, Urenkeln und geschichtlich interessierten Menschen unzugänglich machen“, fragt Tageblatt-Leserin Renate Schrader. Wie Schrader denken viele Tageblatt-Leser.

Voriger Artikel
Windpark-Pläne im Landkreis Göttingen: Windraddebatte mit Stefan Wenzel
Nächster Artikel
Wohnungsmarkt in Göttingen zum Start des Wintersemesters angespannt

Immer noch großes Interesse: Viele Göttinger wollen auch weiterhin einen freien Blick auf den historischen Brunnen haben.

Quelle: Heller

Göttingen. In zahlreichen Leserbriefen und Telefonaten sowie in Kommentaren auf der Facebook-Seite des Tageblattes machen sie sich stark für ein so genanntes archäologisches Fenster, mit dem der Blick auf die freigelegten Brunnenmauern erhalten bleiben könnte.

Auch in der Facebook-Gruppe „Wenn Du in Göttingen geboren bist“ lautet der Tenor der Beiträge: Nicht zuschütten, Brunenreste sichtbar lassen. Die Stadt Göttingen betreibe „Schindluder“ mit dem historischen Erbe, wettert Inge Hopp. „Göttingen hat es wohl nicht mehr nötig“, mutmaßt sie. Elfie Heitmüller aus Lenglern wäre bereit, eine Spendenaktion für die Erhaltung des Brunnens ins Leben zu rufen.

Stadtsprecher Detlef Johannson reagierte auf einen Kommentar im Tageblatt und die Anregung einer dauerhaften Präsentation der Brunnenreste: „Das ist natürlich ein schöner und populärer Vorschlag: Mal kurz eine Glasplatte verlegen und das war’s fast schon. Leider nicht.“ Denn, so Johannson, die Funde seien zwar „beachtlich, aber keine Sensation“ und nicht überraschend.

„Pragmatische und kostengünstige Lösung“

Zudem seien sie  für einen unterirdischen Verbleib vorgesehen. Das solle so bleiben. „Deshalb hat die Stadtarchäologie überhaupt kein Problem mit dem geplanten Vorgehen“, sagt Johannson. Wer sich für „eine dauerhafte öffentliche Präsentation“ entscheide, müsse wissen, dass das einen „erheblichen Eingriff in die Statik des Marktplatzes“ bedeute.

Es würde ein „großer, neuer Hohlraum erzeugt“. Mit „einer Glasplatte“ sei es nicht getan. Eine umfangreiche Gerüstkonstruktion sei das Mindeste, was gebraucht würde. „Ob der Marktplatz trotzdem im gleichem Umgang wie bisher als Veranstaltungsraum zur Verfügung stehen könnte, ist mehr als zweifelhaft“, führt Johannson an.

Angesichts der Fachsicht der Archäologen, des technisch leistbaren, aber erheblichen Aufwandes für die Präsentation von Funden, die ihrer Bestimmung nach immer unterirdisch gewesen seien, und der Perspektive einer eingeschränkten Nutzung des Marktplatzes sei die Entscheidung für eine „pragmatische und kostengünstige Lösung“ vielleicht doch nicht so „banal und frevelhaft“.

Fotos von den Ausgrabungen am Alten Rathaus.

Zur Bildergalerie

Bei dem freigelegten Mauerwerk handelt es sich um die Reste eines ab 1568 errichteten Brunnens. Nach den Göttinger Annalen des Stadtschreibers Franciscus Lubecus wurde vom Rat der Auftrag an den „feinen und berühmten, kunstreichen“ Bau- und Maurermeister Leonhart Hogell aus Warburg erteilt.

Ein Jahr haben die Bauarbeiten dazu auf dem damaligen Viehmarkt gedauert. Nach Lubecus sei der Brunnen „der ganzen Stadt ein zierung“ und „auch nutze in allerlei fewrsnothen“ gewesen. Erst 1800 wurde er abgerissen und durch einen neuen Brunnen ersetzt.

Unterdessen hat die Fraktion der Linken im Rat der Stadt in Schreiben an Stadtbaurat Thomas Dienberg am Donnerstag dafür plädiert, die Ausgrabungsstelle zunächst nicht zu pflastern. Die Fraktionen sollten „in einem überschaubaren Zeitrahmen“ die Möglichkeit zur Beratung bekommen. Zuvor hatte Fraktionschef Gerd Nier an SPD und Grüne appelliert, seine Fraktion dabei zu unterstützen.

Flashmob geplant

Johannson sagt, dass weder Bauleiter noch der amtierende Baudezernent oder Oberbürgemeister von dem Linken-Vorschlag Kenntnis hätten. Daher habe die Stadt keinen Anlass, die Arbeiten zu stoppen. Man wolle stattdessen die entstandenen Bauverzögerungen wieder aufholen. Ein Stillstand für eine weitere Woche würde dazu führen, dass die Arbeiten nicht rechtzeitig abgeschlossen werden können. „Ein Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz wäre dann 2013 nicht möglich.“

Für den Donnerstag, 17. Oktober, hat die Göttingerin Bettina Wegner einen Flashmob auf den Marktplatz geplant, um die Ausgrabung in der Innenstadt vor dem Zuschütten zu retten. „Eine Zeitverschiebung kann schon helfen“, kommentiert sie. Beginn ist um 9 Uhr.

In einem Leserbrief appelliert Jörg Schliephake: „Rat, Verwaltung, und Göttinger Geschäftsleute, tut euch zusammen! Wir sammeln für dieses Projekt, nämlich diesen Schatz unter Panzerglas zu erhalten, haben dann eben mal eine Glühweinbude und eine Bratwurstbude weniger nur aus dem diesjährigen Weihnachtsmarkt. Aber: Das was an Begeisterung im Augenblick zutage tritt, von Jung und Alt, wäre schade, würde es innerhalb kurzer Zeit wieder zugeschüttet.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Zugeschüttet
Am Dienstag sichern Archäologen die Funde am Markt: Die massiven Fundamente des 1558 errichteten Brunnens samt Zuleitung werden ab heute wieder zugeschüttet.

Die archäologische Untersuchung auf dem Markt entwickelt sich zum Publikumsmagnet: Die Grabung vor dem Alten Rathaus lockte auch gestern wieder hunderte von Menschen an.

mehr
Bilder der Woche vom 16. bis 22. September 2017