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Wohnungslos in Göttingen

Drei Menschen erzählen von ihrem Leben auf der Straße Wohnungslos in Göttingen

Sie leben ohne Adresse, ohne Sicherheit am unteren Ende der Gesellschaft. 800 bis 1200 Menschen sind aktuell in Göttingen wohnungslos, schätzt Uwe Friebe vom Verein Förderer der Straßensozialarbeit. Drei von ihnen erzählen ihre Geschichte.

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In Deutschland leben immer mehr Menschen ohne feste Adresse.foto: dpa

Quelle: Daniel Bockwoldt

Göttingen. „Weihnachten war scheiße.“ Franka (alle Namen von der Redaktion geändert) mag Feiertage nicht besonders. Sie erinnern sie an bessere Zeiten. Auch wenn die 22-Jährige davon noch nicht allzu viele erlebt hat. Als eines von sechs Kindern wächst sie in Göttingen auf. Als sie zehn Jahre alt ist, kommt die Scheidung der Eltern, ein Umzug nach Baden-Würtemberg, Streit mit der Mutter. Mit 14 haut sie ab, geht zurück nach Göttingen, haust mit dem kranken Vater in einem Zimmer in der Groner Landstraße. Sie erlebt Gewalt, Drogen, Kriminalität. Panikattacken plagen sie. Sie flieht erneut, lebt mit ihren zwei Hunden auf der Straße, übernachtet immer da, wo es gerade möglich ist. Möglich ist nicht viel - auch wegen der Hunde. Um den Vater kümmert sie sich weiter. Auf ihrem Personalausweis stehen die Buchstaben „OFW“ - ohne festen Wohnsitz.

„Um Berni brauchste Dir keine Gedanken zu machen“, hätten seine Freunde früher immer gesagt. „Berni ist wie Unkraut.“ Von den Freunden aus seinem alten Leben ist keiner mehr da. Der 58-Jährige war 18 Jahre lang verheiratet, hatte ein „normales Leben“. Dann die Scheidung, der Alkohol, der Absturz. Im April 2015 kommt er aus Sachsen-Anhalt nach Göttingen. Seine Adresse wechselt häufig: Hagenweg, Krankenhaus, Bürgerstraße, Hagenweg, dreimal JVA - insgesamt für 69 Tage. Derzeit teilt er sich mit einem 20-Jährigen ein Zimmer in der Notunterkunft Rosenwinkel. Die Toilette wird von fünf Mann genutzt. An schlimmen Tagen findet er es im Gefängnis schöner. „Da kriege ich mein Essen, habe Fernsehen. Und ich kann Arbeiten“, sagt der gelernte Baufacharbeiter. Das Beste am Knast sei aber, dass nachts die Türen zu sind. Ruhig schlafen ist für Wohnungslose ein seltener Luxus. Hat zuletzt Weihnachten geklappt. Da hat sich Berni nach langer Zeit wieder eine Flasche Schnaps gekauft, „zur Betäubung“.

Nicki erzählt vom Hochwasser. Im letzten Sommer ist ihr gesamtes Hab und Gut weggeschwommen, inklusive Zelt. In dem lebte die heute 43-Jährige mit ihrem Freund direkt an der Leine. „Wir standen barfuß auf der Straße.“ Es folgte eine Station im Hagenweg, wo sie weggemobbt wurde, dann wieder die Straße. Aktuell geht es für sie aufwärts. Sie nehme keine Drogen mehr, sagt sie. Und sie hat ein Zimmer. Seit Kurzem sind sogar die Kakerlaken weg. Auf lange Sicht wäre eine größere Wohnung schön, wo sie wieder mit ihrem Freund zusammenleben könnte. Dafür braucht sie einen Job. „Den findest du aber mit den Adressen nicht.“

Nicht nur für Nicki ist es schwierig, aus dem Kreislauf auszubrechen. Berni will eigentlich nur seine Ruhe und Sicherheit. Fünfmal ist er im vergangenen Jahr beklaut worden. „Wenn ich Frau wäre, würde ich in Göttingen nachts nicht mehr auf die Straße gehen.“ Aus der Notunterkunft muss er irgendwann raus. Wo es dann hingeht, weiß er nicht.

Franka lächelt kurz, wenn man sie nach ihren Wünschen fragt. Ein Job als Maler oder Lackierer wäre cool. „Etwas, wo du abends vom Arbeiten müde bist, nicht vom Überleben.“ Und ein bisschen Privatsphäre. „Die habe ich jetzt nur im Badezimmer, wenn ich die Tür abschließen kann.“ Einfach keinen Stress mehr, nicht mehr verstecken, nicht mehr bespuckt werden. Aber Wünsche sind wohl eher etwas für Leute, die Weihnachten mögen.

Schlafplätze für Obdachlose

Die Zahl der Wohnungslosen ist nach Angaben der Bundesregierung in den vergangenen Jahren wieder gestiegen. In der Region stehen derzeit nach Angaben von Städten und Gemeinden dennoch genug Schlafplätze zur Verfügung.

Auch in diesem Winter „werden wohnungslose Menschen in der Stadt Göttingen eine Bleibe finden“, teilt etwa Verwaltungssprecher Detlef Johannson mit. Dafür seien keine besondere Maßnahmen notwendig. Neben der Anlaufstelle in der Wohnungsvermittlung im Rathaus könnten sich hilfebedürftige Menschen auch an die Straßensozialarbeit des Diakonieverbandes, an die Bahnhofsmission und an die Heilsarmee wenden. „Das wissen alle, die von einem solchen Problem betroffen sein könnten“, so Johannson: „In absoluten Notfällen ist auch die Polizei in der Lage, Personen in unseren Notunterkünften unterzubringen.“ Aus dem Stand stünden zehn Schlafplätze zur Verfügung. Angesichts der derzeitigen Witterung sei die Lage sehr entspannt.

Das bestätigt auch Esther Gulde, Leiterin des Wohnheims der Heilsarmee an der Unteren-Masch-Straße. Die fünf Notbetten, die für durchreisende Obdachlose zur Verfügung stünden, seien zuletzt nur vereinzelt in Anspruch genommen worden. Auch von den 18 Plätzen für Festbewohner seien nur 13 belegt. In Duderstadt sei zuletzt vor einigen Jahren ein Wohnungsloser aufgenommen worden, erklärt Sabine Holste-Hoffmann, Ordnungsamtsleiter in der Duderstädter Stadtverwaltung. Auch die Städte Hann. Münden und Osterode haben noch Kapazitäten.

Nach Angaben der Bundesregierung, die sich auf Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe berufen, ist die Zahl der Obdachlosen von 2010 bis 2014 von 246 000 auf 335 000 gestiegen. Unter den 335 000 Wohnungslosen sind den Schätzungen zufolge 29 000 Kinder, 86 000 Frauen und 22 000 Männer. bar

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