Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Aufdringliche Spendensammler

Drückerkolonnen drangsalieren Passanten Aufdringliche Spendensammler

In der Ferienzeit sind in der Göttinger Innenstadt erneut Spendensammler unterwegs. Das Gebaren der Sammlertrupps gefällt nicht allen angesprochenen Bürgern. Auch nicht der Stadt.

Voriger Artikel
Neue Regelung für staatliche Soforthilfen
Nächster Artikel
"1,0 reicht ja"
Quelle: Christina Hinzmann

Auf dem Marktplatz vor dem Alten Rathaus sind derzeit eine international aktive evangelikale Hilfsorganisation und eine große Natur- und Umweltschutzorganisation aktiv. Deren Spendensammler gingen ziemlich dreist vor, erklärt Tageblatt-Leser Benjamin Guerrero Vazquez: „Man hat sich mir unvermittelt in den Weg gestellt und mich aufgefordert anzuhalten, so dass ich plötzlich ausweichen musste. Dies, obwohl ich bereits beim ersten Sichtkontakt durch Kopfschütteln und Abwinken deutlich gemacht hatte, dass ich nicht interessiert war.“ Ein anderer Passant sei beschimpft worden, nachdem er sein Desinteresse bekundet habe. Vazqez: „Es ist nicht das erste mal, dass diese Spenden-Aquisatoren derartig auftreten. Immer wieder werden diese "Personen-Schleusen" installiert, um mit aggressivem Auftreten Spenden-Abonnements an Personen zu bringen, die hieran offensichtlich kein Interesse haben.“

Der positive Hintergrund der Wohltätigkeit gegenüber verarmten Menschengruppen oder des nachhaltigen Schutzes der Natur verblasse nicht nur vor dem Hintergrund, dass Passanten dauerhafte Zahlungspflichten aufgedrängt werden, „sondern vor allem durch die Art und Weise, wie dies geschieht“. Vazqez bittet nun die Stadtverwaltung, „ diese Passage der Innenstadt wieder dauerhaft gangbar zu machen, ohne dass ein Durchkämpfen oder weitere Eskalationen notwendig sind“ - notfalls auch mit Bußgeldern.

Was es schwieriger macht, dergleichen umzusetzen: Direkt verantwortlich für das Verhalten der Spendensammler sind nicht die Organisationen selbst, sondern professionelle Drückerkolonnen. Die kommen in der Regel von außerhalb, sind in der Region in preiswerten Pensionen untergebracht und ziehen von Stadt zu Stadt.

Das Problem der aufdringlichen Spendensammler ist bei der Göttinger Stadtverwaltung bekannt. Das Verhalten der Sammler für die derzeit am Gänseliesel aktiven Organisationen, erklärt Verwaltungssprecher Detlef Johannson, „widerspricht den Auflagen für die Platzvergabe am Markt“, für den die Organisation eine Sondernutzung beantragt und genehmigt bekommen haben. Johannson: „Da heißt es klar und deutlich: 'Ein Ansprechen und Aufhalten von Personen außerhalb des Standes ist untersagt.' Denn wer sich informieren oder engagieren will, der geht von selbst zum Stand. Wer das nicht will, will auch nicht von der Weender Straße einfach weggefischt werden.“

Das aber geschehe dennoch. Darauf habe die Stadt reagiert und „die Verantwortlichen noch einmal telefonisch ermahnt“, erklärt der Verwaltungssprecher. Außerdem werde die Stadt das Verhalten der Spendensammler vor Ort überprüfen: „Wird wieder gegen die Auflagen verstoßen, gibt’s ein Bußgeldverfahren und künftig keine Platzvergabe mehr. Das hat nichts mit dem guten Zweck zu tun, für den geworben wird, sondern mit respektvollem Verhalten.“

Ärger mit sogenannten Promotionsständen gebe es immer wieder, erklärt Johannson. Und zwar, „besonders, wenn der Kontrolldruck nachlässt, wie beispielsweise in der Urlaubszeit“. Allerdings habe die Stadt solche Genehmigungen bereits stark eingeschränkt – auch, um eine Überfrachtung des Rathausmarktes mit zu vielen unterschiedlichen Nutzungen zu vermeiden, wo es jetzt schon reichlich Veranstaltungeen wie Lieselmarkt oder Blumenmarkt gebe. Johannson: „Genehmigungen erteilen wir nur noch an wenigen Wochentagen, in der Regel nur noch montags, mittwochs und freitags.“

Kommentar: Lichtblick?

Verbraucher haben es nicht gerade leicht. Trotz eindeutiger Verbote werden sie von Firmen ohne Einwilligungserklärung angerufen, mit Spam-Mails überschüttet, an der Haustür zu fragwürdigen Geschäften gedrängt oder von gut organisierten Betrügern heimgesucht. Und jetzt kann man noch nicht einmal durch die Fußgängerzone dieser schönen Stadt schlendern, ohne von dreisten Drückern ordnungswidrig angegangen zu werden.

Eines der Probleme dabei: Einerseits kann sich der Bürger bei einem von den Behörden registrierten Parkverstoß sicher sein, bei Nichtzahlung bis zur Begleichung seiner Schuld samt Zusatzgebühren in den Maschen des Gesetzes hängenzubleiben. Fast ebenso sicher kann er sich allerdings auch darauf verlassen, dass bei Verstößen wie oben angeführt derselbe Staat nicht nur zahnlos bleibt, sondern auch so gut wie nichts tut, um daran etwas zu ändern.

Verbraucherschutzorganisationen, vor allem die Verbraucherberatungen im Lande, führen einen unermüdlichen, aber nur zu oft erfolglosen Kampf gegen solche Praktiken. Der Staat unterstützt sie zwar mit Geld, aber viel zu selten mit den zweifelsfrei notwendigen Gesetzesänderungen und vor allem dem entsprechenden Vorgehen gegen derart dubios agierende Firmen.

Was die Spendensammler vor dem Alten Rathaus angeht, erscheint die Göttinger Stadtverwaltung in diesem Umfeld schon fast wie ein Lichtblick. Jetzt müssen den schönen Worten nur noch Taten folgen.

Von Matthias Heinzel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Kundgebung sorgt für Gegenproteste

Am Albaniplatz standen sich am Dienstagnachmittag Rechtsextremisten und Gegendemonstranten gegenüber – getrennt von einem großen Polizeiaufgebot. Kundgebung und Gegendemonstrationen verliefen ohne größere Zwischenfälle.