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„Du musst Deutsch sprechen“

Besuch eines Integrationskurses bei der VHS Göttingen „Du musst Deutsch sprechen“

Die Bundesregierung will per Gesetz dafür sorgen, dass sich Zuwanderer nicht mehr der Teilnahme an Integrationskursen verweigern. Das Tageblatt hat sich zu dem Thema in Göttingen umgehört.

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„Die Teilnehmer müssen richtig pauken“: Lehrerin Beata Suchanek (links) gibt Orientierungskurse für Zuwanderer bei der Volkshochschule Göttingen.

Quelle: Hinzmann

Dabei zeigte sich: Das Phänomen der sogenannten Integrationsverweigerung scheint keineswegs so groß zu sein, wie oft angenommen wird. Beim Besuch eines Integrationskurses in der VHS fiel zudem das große Engagement der Teilnehmer auf. Belastbare Zahlen für die Stadt Göttingen zu Kurspflicht und Verweigerern indes fehlen.

Wie heißt der aktuelle Bundespräsident? Das Buch, mit dem die Teilnehmer des Integrationskurses an der Volkshochschule (VHS) arbeiten, ist nicht auf dem neusten Stand. Es zeigt noch ein Bild von Horst Köhler. Daher hat Lehrerin Beata Suchanek den aktuellen Präsidenten, nämlich Christian Wulff, an die Wand projiziert. Die Frage wäre aber für die meisten ohnehin nicht schwer zu beantworten gewesen. Dean Nasufovski aus Mazedonien weiß sogar, welche Funktion Wulff vorher inne hatte. „Er war niedersächsischer Ministerpräsident“, sagt der 27-Jährige und heimst sogleich ein Lob ein.

Die 16 Frauen und Männer im Lehrraum der VHS – sie kommen aus Dubai, dem Kosovo, Russland oder Uruguay – absolvieren den letzten Abschnitt des Integrationskurses: den Orientierungskurs. Hier lernen sie etwas über die deutsche Rechtsordnung, Geschichte und Kultur, über die Region, in der sie leben, und über wichtige Werte. Den 600-stündigen Sprachkurs haben sie zuvor besucht. Das merkt man. Alle können sich in Deutsch ausdrücken oder deutsche Texte lesen, wenn es auch hier und da noch hapert bei der Aussprache oder beim Verstehen eines Wortes. Und das kann, wenn es um Amtssprache in Politik und Gesetzen geht, ja auch einem Deutschen passieren.

Einer der aufgewecktesten ist Santiago Mendoza. Der 28-Jährige kam vor drei Jahren aus Uruguay nach Deutschland, arbeitete zwei Jahre bei einer ausländischen Firma in Frankfurt und wohnt seit einem Jahr in Göttingen, weil hier auch seine deutsche Freundin lebt und arbeitet. Der Kurs sei für ihn sehr wichtig, sagt er, auch wenn er kein Allheilmittel sei. Hier lerne er das Grundgerüst der Sprache, die Grammatik, einzelne Wörter. Für alles Weitere müsse man selbst sorgen. „Du musst mit Deutschen Deutsch sprechen“, sagt er. „Das ist wichtig.“

Santiago Mendoza will lernen, ist wissbegierig, das sagt auch seine Lehrerin, obgleich sie ihn erst seit zwei Tagen kennt. So wie auch der ganze Kurs erst seit zwei Tagen zusammen arbeitet und dafür ungewöhnlich homogen erscheint. Keiner kapselt sich ab, keiner macht sich über den anderen lustig. So geniert sich Santiago Mendoza auch nicht, Fragen zu stellen. „Beata, was ist ein Gericht?“ „Das entscheidet, ob du schuldig bist oder nicht“, entgegnet seine Lehrerin. Das versteht der 28-Jährige. Dass das Bundesverfassungsgericht allerdings ausgerechnet im beschaulichen und eher unbekannten Karlsruhe liegt, hätte er nicht gedacht. Dafür weiß er aber, wo die Stadt liegt und zeigt sie sogleich auf der Landkarte.

Rund 5000 Kilometer von Karlsruhe entfernt liegt Dubai, die Heimat von Elham Ahwasi. Die 30-Jährige ist vor einem Jahr mit ihrem Mann und ihren Kindern nach Deutschland gekommen. Sie spricht Englisch und Arabisch. Jetzt lernt sie Deutsch. Sie will eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau machen, sich mit den Deutschen unterhalten können. Doch leicht falle ihr das Lernen nicht.

„Besonders schwer sind die Artikel“, sagt sie. Drei bis vier Jahre, glaubt sie, braucht sie noch, um sehr gut Deutsch zu können – vorausgesetzt, sie kann sich mit anderen unterhalten. Das dürfte aber kein Problem sein, glaubt sie, denn die Göttinger seien nett und zuvorkommend. Manchmal ein bisschen zu zuvorkommend, sagt Santiago Mendoza und lacht: „Wenn ich jemanden in Deutsch anspreche, antwortet er in Englisch“, so sei das in Göttingen, der Stadt der Studenten, der jungen Leute.

Im Kurs geht es weiter um Politik. Klar, die großen Parteien kennt jeder hier, aber wofür stehen die Abkürzungen? Abkürzungen, Beata Suchanek spricht das Wort ganz langsam aus. „Das müsst ihr wissen“, schwört sie die Gruppe ein. Schließlich ist bald Prüfung.

Die schaffen übrigens 99 Prozent der Teilnehmer, sagt die Lehrerin. Dafür müssen sie von 25 Fragen 13 richtig beantworten. 250 Fragen zu Politik, Geschichte, Kultur und weiteren Themen gibt es insgesamt. Sie können im Internet eingesehen werden. „Die Teilnehmer müssen richtig pauken“, sagt Beata Suchanek, die selbst Deutsch als Fremdsprache gelernt hat. Der Test an sich sei machbar, die Sprache darin aber oft zu schwer. Ein Beispiel von vielen: „Welche sogenannte Vierte Gewalt hat in der deutschen Gesellschaft wesentlichen Einfluss auf das Regierungshandeln?“.

Auch Inna Feller muss bis zur Prüfung noch viele Stunden lernen. Sie kam vor einem Jahr aus der Ukraine nach Deutschland. Mittlerweile wohnt sie mit ihrem Mann in Göttingen. Der spreche gut Deutsch, sagt sie. Dennoch würden sie sich zu Hause oft auf Russisch unterhalten. Sie weiß, dass das ein Problem ist, dass sie sich zwingen muss, Deutsch zu sprechen. Aber nach einem anstrengenden Tag, an dem viele neue Wörter auf sie eingeprasselt sind, ist sie müde, möchte sie ihrem Mann einfach erzählen, wie ihr Tag war, was sie beschäftigt. Geht das nicht am besten in der Muttersprache?

Jetzt ist das Thema Wahlen an der Reihe. Dean Nasufovski, der in Mazedonien Medizin studiert hat, erklärt, dass in Deutschland nur Personen wählen dürfen, die mindestens 18 Jahre alt sind und einen deutschen Pass besitzen. „Sehr schön“, sagt Beata Suchanek, und lässt Kopien von Stimmzetteln umhergehen.

Fasziniert nehmen sie die Kursteilnehmer in die Hand. Wählen in Deutschland, davon träumen in diesem Moment sicherlich viele von ihnen. Sie müsste wohl auch keiner verpflichten, so wie das in Uruguay zum Beispiel der Fall ist, wie Santiago Mendoza erzählt. Zum Integrationskurs jedenfalls musste sie keiner zwingen.

  Integration: Schwänzen ohne Konsequenzen
 

Die Bundesregierung will künftig härter gegen sogenannte Integrationsverweigerer vorgehen. Zuwanderern, die Integrationskurse schwänzen, sollen Konsequenzen drohen. Nur: Keiner weiß offenbar genau, wie viele Menschen das in Göttingen überhaupt betrifft.

Wer zu Erwerbszwecken oder wegen Familienzusammenführung nach Deutschland einreist und kaum Deutsch spricht, der ist verpflichtet, einen Integrationskurs zu besuchen. Diese Verpflichtung können Behörden aussprechen. Wie viele Menschen das in den vergangenen Jahren betraf, kann die Stadt nicht beziffern. „Unsere statistische Informationsbasis ist ungenügend“, sagt Stadtsprecher Detlef Johannson und verweist an das Bundesamt für Migration. Dort aber liegen Zahlen nur für die Länder vor. „Wir brechen das nicht kommunal runter“, sagt Mitarbeiter Robert Drews. Immerhin: „In 2010 haben wir in 59 Fällen die Verpflichtung ausgesprochen, an einem Integrationskurs teilzunehmen“, so Johannson. Diese Zahlen melde man dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Dort werde auch erfasst, wer der Verpflichtung nachkommt und wer nicht.

Auch die Frage, aus welchen Ländern die Menschen stammen, ist offenbar kaum zu beantworten. Johannson: „Herkunftsländer werden bei uns ebenfalls nicht statistisch erfasst. Aber die Türkei, Ägypten, Irak, Libanon und Iran bilden Schwerpunkte“.
Laut Bundesamt führt etwa jeder fünfte zu einem Kurs verpflichtete Ausländer diesen nicht zu Ende. Die Gründe? „In erster Linie tragen Frauen die Argumente Schwangerschaft oder Kinderbetreuung vor“, sagt Johannson. „Selbst bei Erwerbslosigkeit beider Ehepartner wird oftmals die beim Besuch von Integrationskursen erforderliche Kinderbetreuung nicht vom Vater übernommen.“ Das könne dazu führen, dass der Besuch eines Kurses über Jahre nicht erfolge. „Deutsche Sprachkenntnisse werden in diesen Fällen in der Regel auch nicht anderweitig erworben.“

Aber: Für die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung muss der Kursbesuch eigentlich nachgewiesen werden. Wie Johannson erklärt, überprüfe die Verwaltung bei Ablauf der befristeten Aufenthaltserlaubnis, ob der Integrationskurs besucht wurde oder nicht. „Die Erlaubnis wird grundsätzlich erst verlängert, wenn die Anmeldung zu einem Kurs belegt wird.“ Wer sich weigert, an einem Integrationskurs teilzunehmen, oder diesen abbricht, hat aber derzeit kaum Konsequenzen zu fürchten: „Ein Bußgeld ist bislang in keinem Fall verhängt worden.“ Auch eine Nicht-Teilnahme habe laut Johannson bislang nicht zur Ablehnung einer Aufenthaltserlaubnis geführt. bib

  VHS: Bisher neun Abbrecher
 

In Göttingen bietet auch die Volkshochschule (VHS) Integrationskurse an. Zurzeit seien dort 93 Teilnehmer in acht Kursen angemeldet, erklärt Haide Faridani, Fachbereichsleiterin Sprachen. Bislang haben in diesem Jahr bereits 62 Menschen einen VHS-Integrationskurs erfolgreich abgeschlossen. Mit weiteren 20 wird gerechnet.

Im vergangenen Jahr schlossen 99 Teilnehmer den Kurs erfolgreich ab, im Jahr 2008 waren es 75. Dennoch: Auch in Göttingen schließt nicht jeder den Kurs ab. Viele Abbrecher setzten ihn aber zu einem späteren Zeitpunkt fort, erklärt Faridani. Abbrecher seien also häufig nur Unterbrecher.

In der VHS-Göttingen verließen 2008 26 Teilnehmer vorzeitig ihren Kurs. „Vier von ihnen sind in eine andere Stadt gezogen, fünfmal waren Schwangerschaft und Kinderbetreuung der Grund, vier Besucher wechselten den Kursanbieter, drei davon waren Analphabeten, die dem Kurs nicht folgen konnten“, sagt Faridani. Auch im Jahr 2009 registrierte die VHS 26 Ab- und Unterbrecher, in diesem Jahr bislang neun – vier davon wegen eines Umzugs, vier wegen einer Schwangerschaft. bib

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Von Redakteur Andreas Fuhrmann

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