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Einweisung in Klinik zweimal verpasst

Versuchter Mord Einweisung in Klinik zweimal verpasst

Ein 36 Jahre alter Mann steht wegen schwerer Körperverletzung und versuchten Mordes vor dem Göttinger Landgericht. Im Mai 2010 soll er im Uniklinikum einen Arzt mit Schlägen und Tritten verletzt haben.

Im Juli, so der Vorwurf, habe er auf einem Campingplatz in Reiffenhausen einen Camper mit einem Stich in den Hals lebensgefährlich verletzt (Tageblatt berichtete).

Schon Monate vor den Taten sollte der Angeklagte in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden. Ein entsprechender Antrag seiner damaligen Betreuer vom März 2009 ist jedoch im Sande verlaufen. Einen zweiten Antrag stellte seine aktuelle Betreuerin im November 2009. Der Betreute selbst wollte indes schon im September 2009 gar die Aufhebung der Betreuung erreichen. Am 16. Februar 2010 fand nach Tageblatt-Informationen eine Anhörung des Betreuungsgerichts statt, in der die Betreuerin eindringlich für eine Einweisung des Angeklagten in eine psychiatrische Klinik warb. Eine solche Zwangsunterbringung ist jedoch nur dann möglich, wenn der Betreute eine Gefahr für sich selbst darstellt. Zwei Gutachter waren darüber unterschiedlicher Meinung. Die Betreuungsrichterin sah keine Gefahr und hob im März 2010 die Betreuung auf.

Am 28. Mai 2010 kam es dann zu dem nun angeklagten Vorfall im Uniklinikum. Der Reiffenhäuser wurde dort wegen einer angeblichen Pilzinfektion in der HNO-Klinik vorstellig. Nach der Untersuchung wurde der Angeklagte von dem Arzt wieder weggeschickt – man könne nichts für ihn tun. An der Anmeldung der Poliklinik, wo Patient und Arzt noch einmal aufeinandertrafen, habe der Angeklagte nach Aussage der Arzthelferin dann „aus dem Nichts“ den Mediziner ins Gesicht geschlagen, am Kittel zu Boden gerissen und mehrfach auf ihn eingetreten. Dabei erlitt der Arzt eine komplizierte Kieferfraktur und brach sich einen Zeh. „Bis heute ist eine Gesichtshälfte taub“ so der Mediziner, weil bei dem Schlag ins Gesicht ein Nerv geschädigt worden sei. Die Attacke gegen den Mediziner, die der Angeklagte auch einräumt, sei nach seiner Auskunft die „Antwort“ auf ein angeblich ausgesprochenes Hausverbot gewesen. Zudem habe der Mediziner ihn als „dreckiges Schwein“ bezeichnet. Für den Reiffenhäuser blieb die Attacke zunächst folgenlos: Man habe ihn lediglich hinausgeworfen und ein Hausverbot ausgesprochen, so sein Anwalt.

Nach der Attacke im Juli auf den Rentner auf dem Campingplatz in Reiffenhausen, an die sich der Angeklagte bis heute nicht erinnern können will, wurde er vorerst in der Asklepios-Klinik untergebracht. Im November 2010 bekam er auf Initiative der Klinik seine ehemalige Betreuerin zur Seite gestellt. Die erinnert sich vor dem Landgericht, wie sie den Angeklagten 2005 unter ihre Fittiche nahm. Damals sei er „sehr stabil“ gewesen. Im Jahr 2006 habe er eine Ausbildung zum Altenpfleger erfolgreich abgeschlossen. Als die Betreuerin 2009 aus dem Mutterschutz zurückkehrte, habe sie den Angeklagten allerdings „sehr verändert“ erlebt. Als Grund gab der seiner Betreuerin an, dass er sich aufgrund der Medikamente, die er wegen einer Psychose einnehmen musste, „vom Wesen verändert“ fühle. Er habe die Medikamente nach Ablauf einer Bewährung dann ganz abgesetzt.

Am Freitag wird der Prozess fortgesetzt. Dann wird das psychiatrische Gutachten erwartet.

Von Lukas Breitenbach

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