Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Erinnerung an die Belagerung von Königsberg

„So hab ich überlebt“ Erinnerung an die Belagerung von Königsberg

Einen Schuss abzubekommen, ist schrecklich. Doch für Armin Jedosch bedeutete es das Überleben. Auf dem Weg zur Kaserne, wo sie eingekleidet werden sollten, gerieten der damals 14-jährige Gymnasiast und seine vier Kameraden unter Beschuss eines russischen Tieffliegers. Jedosch wurde am Bein getroffen, musste ins Krankenhaus. Die anderen blieben unverletzt – wurden Melder und fielen allesamt während der Belagerung ihrer Heimatstadt Königsberg, die im Januar 1945 begann.

Voriger Artikel
Kooperation von Universitätsmedizin und HAWK Göttingen
Nächster Artikel
Flashmob in Göttingen gegen Verfolgung von Christen

Mit Erinnerungsfoto: Armin Jedosch damals und heute.

Quelle: Pförtner

Göttingen. „Ich war todunglücklich über die Verletzung“, erinnert sich der heute 84-Jährige, „schließlich wollte ich mein Vaterland verteidigen“. In den folgenden Wochen und Monaten erlebte der Sohn einer begüterten Familie das Heranrücken der Roten Armee, die Belagerung und schließlich die Einnahme der Stadt am Volksempfänger.

Am 9. April kamen die Russen, und zwar in zwei Wellen: Die erste war die kämpfende Truppe,– die zweite eine „hasserfüllte, brutale Soldateska ohne Erbarmen“, wie Jedosch sie nennt.

Sie plünderten, und als einer Jedoschs Mutter sah, brüllte er: „Frau, komm!“ Der Junge wurde mit dem Gewehrkolben niedergeschlagen, seine Mutter ins Nachbarzimmer gezerrt. „Ihre Schreie höre ich noch heute“, sagt Jedosch. Zumal sich die Vergewaltigungen noch mehrere Male wiederholten. „So wie vorher ist Mutter nie wieder gewesen“, erinnert sich ihr Sohn.

„Ich wusste, was das bedeutete“

Nach Kriegsende half er bei Fischern und Bauern, um Lebensmittel für die Familie zu organisieren. Einmal, auf dem Weg nach Hause, so die Erinnerung des Rentners, wurde er von einer russischen Patrouille aufgegriffen, die schon mehrere Gefangene gemacht hatte. „Ich wusste, was das bedeutete“, erinnert sich Jedosch: „Sibirien“.

Doch er hatte einige Rubelscheine  in der Tasche. Die warf er in die Luft, und als sein Bewacher versuchte, sie aufzufangen, gab der 15-Jährige Fersengeld. Der Soldat schoss noch hinter ihm her, doch Jedosch hatte bereits ein Waldstück erreicht und sich auf den Boden geworfen: „so hab ich überlebt“.

1946 starb sein Großvater, 1947 seine Mutter: „Typhus“. Seine Großmutter überlebte die Tochter nur um zwei Wochen. 1948 wurden die Deutschen dann aus Königsberg in die Sowjetische Besatzungszone abtransportiert. Dort sollte Jedosch zu den Jungen Pionieren, doch er weigerte sich: „von Uniformen hatte ich die Schnauze voll.“

Schüsse und Schreie kann ich nicht vergessen

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion floh er in den Westen, wo er zunächst in der Nähe von Hamburg bei einem Bauern arbeitete, bis er durch den Suchdienst des Roten Kreuzes seinen Vater wiederfand, den es nach Göttingen verschlagen hatte. So kam Jedosch in die Leinestadt, in der er bis heute lebt.

Der pensionierte selbständige Kfz-Meister, der – wenn der Krieg nicht gewesen wäre – wahrscheinlich Chemie oder Forstwirtschaft studiert hätte, ist kein Pazifist geworden: „ein Staat muss sich verteidigen können.“ Den Russen gegenüber hegt er keinen Groll, die heutige Generation könne nichts für früher. Doch die Schläge, Schüsse und Schreie von vor 70 Jahren: „die kann ich nicht vergessen.“

Von Hauke Rudolph

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Vor 25 Jahren erhielt der Göttinger Wissenschaftler Erwin Neher den Nobelpreis