Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Erinnerung an eine Göttinger Straßendirne

Petra Dombrowski dreht einen Film über ihre Urgroßmutter Erinnerung an eine Göttinger Straßendirne

Einen Film zum ehrenden Gedenken an die eigene Urgroßmutter hat Petra Dombrowski (51) gedreht. Minna L. aus Wolbrechtshausen arbeitete Anfang des 19. Jahrhunderts in Göttingen als polizeilich registrierte Prostituierte. Sonntagabend hatte der Film im vollbesetzten Kino Lumiere Premiere.

Voriger Artikel
Verregnetes „schönes“ Kreiselfest in Nörten-Hardenberg
Nächster Artikel
Paten für alte Göttinger Grabsteine gesucht

Bei der Premiere in Göttingen: Sebastian Braatz, Lena Aust, Petra Dombrowski, Kerstin Bˆrst, Monika Giro und Maren Sartorius (von links).

Quelle: Theodoro da Silva

Göttingen. Es war ein streng gehütetes Familiengeheimnis. Von der Großmutter in Stuttgart war nur zu erfahren, dass die Urgroßmutter „lebenslustig“ gewesen sei.

Der Vater wollte überhaupt nichts sagen. „Da stimmt etwas nicht“, ahnte Dombrowski, die in Eching am Ammersee als Grafikdesignerin und Filmemacherin arbeitet. Die Sache ließ ihr keine Ruhe. 2009 begann sie zu recherchieren.

Sie rief beim evangelischen Kirchenbuchamt in Göttingen an und ließ sich die Meldekarte ihrer Großmutter schicken. Sie war dort 1902 geboren worden. Zu Dombrowski Überraschung wird die Urgroßmutter in dem Papier als „Kontrolldirne“ bezeichnet. So hießen im Kaiserreich Prostituierte, die bei der Sittenpolizei registriert waren.

Sie verpflichteten sich unter Androhung einer Gefängnisstrafe, ihrem Beruf diskret nachzugehen. Der Besuch bestimmter öffentlicher Orte oder von Veranstaltung war ihnen verboten. Zudem mussten sie sich wöchentlich auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen. Seit 1901 hatte Minna zu den „Kontrollierten“ gehört.

„Mich hat die Entdeckung nicht entsetzt, sondern tief berührt“, sagt Dombrowski. Sie forschte weiter. Die Urgroßmutter war 1875 als drittes von sieben Kindern geboren worden. Der Vater, ein Drechsler und Landwirt, hatte Spielschulden. Er verkaufte 1892 alles, um sein Glück in Amerika zu machen und dann die Familie nachzuholen.

Er verschwand für immer. Minna fand 1895 in Göttingen Arbeit als Dienstmädchen. Sie hatte erste Männerbekanntschaften, infizierte sich mit der damals nicht heilbaren Geschlechtskrankheit Syphilis und wurde Opfer einer Vergewaltigung. Ihr Baby starb an Diphterie.

Das „gefallene Mädchen“ fand nicht wieder Tritt. Sie begann ihr mageres Gehalt als Näherin mit erwerbsmäßiger Prostitution aufzubessern, wohl auch um ihre Geschwister finanziell zu unterstützen, vermutet Dombrowski. In den kommenden Jahren zog Minna 31-mal in Göttingen um. Dombrowski fragt auch nach den Freiern. Insbesondere Studenten, Soldaten und Handwerker gehörten zu Minnas Kundschaft.

Die Ergebnisse der Nachforschungen hat die Designerin in ihrem sehenswerten Film in Bildcollagen szenisch umgesetzt. Sie lässt zwei Wolbrechtshäuserinnen Minnas Leben in Göttinger Platt – mit deutschen Untertiteln – kommentieren.

Der 60-minütige Film endet 1906, als die Urgroßmutter Göttingen verließ. „Sie ging ins Ruhrgebiet, heiratete, kam aber vom Milieu nicht los“, erzählt Dombrowski. Das führte dazu, dass die Behörden Minna die Tochter fortnahmen. Die Großmutter der Filmemacherin wuchs im Heim auf.

Das Lumiere, Geismarlandstraße 19, zeigt den Film „Roadmap einer Göttinger Straßendirne“ am Dienstag, 14. Juli, um 18 Uhr noch einmal.

Michael Caspar

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Der Wochenrückblick vom 3. bis 9. Dezember 2016