Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Erinnerungen an die Flucht 1946 aus Polen nach Deutschland

Geschichten von Göttingern und Northeimern Erinnerungen an die Flucht 1946 aus Polen nach Deutschland

Seit Jahrzehnten flüchten Menschen nach Deutschland. Zuerst waren es Deutschen aus den Ländern des Ostblocks, dann Boatpeople, die sich vor dem Vietnamkrieg retteten. Menschen aus den Balkanländern folgten. Hier erzählen sie ihre Geschichte.

Voriger Artikel
Osterode irritiert über neue Leitstelle
Nächster Artikel
Kleine Eröffnungsfeier für den E-Radschnellweg in Göttingen

Erinnerungen an die Flucht 1946 aus Polen nach Deutschland

Göttingen. Die Flüchtlingsgeschichte von Horst Schulz liegt schon lange zurück. Der Vorsitzende des Vertriebenenbundes Northeim gehört zu einer der Generationen, die mit ihrer Familie nach dem zweiten Weltkrieg nach Deutschland gekommen ist. Schulz wurde 1941 geboren.

An die Umstände seiner Vertreibung hat er Erinnerungen, aber ohne zeitlichen und örtlichen Bezug. „Die Nachkriegsjahre waren eine lebensbedrohliche Zeit“, sagt der 74-Jährige.  Seine Kindheit verbrachte Schulz im polnischen Kalisch.

Für seine Familie, die bereits 1780 als deutsche Kolonisten in den Ort kamen, war es eine Zeit der Erniedrigungen. „Meine Mutter musste in Zwangsarbeit Leichen ausbuddeln“, erzählt Schulz.

Nachdem sie ihr Hab und Gut verloren hatten, wurden sie von einer polnischen Familie versteckt, 1946 aber getrennt. „Ich bin mit meiner Mutter gegangen. Wir wollten unter allen Umständen einen Flüchtlingstransport in den Westen erreichen“, sagt Schulz.

In Breslau erreichten Mutter und Sohn dann den rettenden Transport. Am 18. Juli 1946 kamen sie schließlich in Deutschland an. „Es muss uns vorgekommen sein, wie ein Wunder. Wir waren halb verhungert, verlaust und hatten Geschwüre. Aber wir hatten es geschafft“, beschreibt Schulz.

In Elvershausen kamen die beiden unter. „Wir hatten das Glück Landsleute an unserer Seite zu haben“, sagt er. Der heutige Rentner wurde später Kriminaloberkommissar in Northeim.

„Not und Elend der Menschen sind heute sicher ähnlich“, meint Schulz. „Wir wurden genauso auf die Dörfer verteilt wie heute. Wir hatten aber keine Sprachschwierigkeiten und es gab keine Ghettobildung.“  Schulz findet es richtig, dass Deutschland die Menschen aufnehme, hält eine kontrolliertere Zuwanderung aber für überlegenswert.

Den Krieg bewusst miterlebt hat Wolf-Dieter Müllner. Der 82-Jährige ist der Schulz‘ Stellvertreter im Bund der Vertriebenen. Geboren 1933 in Ostpreußen, wuchs er mit fünf Geschwistern auf einem Bauernhof auf. „Für mich hat das gleichzeitig Arbeit, aber auch Freiheit bedeutet“, sagt er.

Die Familie lebte unter strenger russischer Kontrolle und musste Soldaten auf ihrem Hof einquartieren. „Wir wollten weg, schafften es aber nur bis ins nächste Dorf“, erinnert sich Müllner. „Als wir zurückkamen war unser Haus geplündert.“

Im Oktober 1946 wagte die Familie dann erneut die Flucht. „An der Bahnstation wurden wir nochmal gefilzt und meine Mutter von polnischen Soldaten für einige Zeit mitgenommen. Wir waren rechtlos“, sagt er. In einem offenen Güterwagen ging es für die Müllners Richtung Deutschland.

Auf einem Gut in Mecklenburg wurden sie später in Ställen untergebracht. Im Frühjahr ergab sich dann die Möglichkeit, mit dem Zug zunächst nach Nordhausen zu fahren. „Von dort zu Fuß nach Friedland, kamen wir einer besseren Zukunft endlich näher“, sagt Müllner.

„Nach langer Zeit bekamen wir wieder etwas Richtiges zu essen. Da hat man erst gemerkt, was eigentlich hinter einem liegt“, sagt er.

 

Flüchtlinge in Deutschland

Flüchtlingsströme nach Deutschland werden seit 1953 erfasst. Bis heute sind es 3,3 Millionen Menschen. In den ersten zehn Jahren (bis 1963) war der Flüchtlingsstrom in der Bundesrepublik mit rund 2000 bis 3000 Asylbewerbern pro Jahr annähernd konstant.

Ab 1964 stieg die Flüchtlingszahl nach Deutschland stetig an, 1980 auf 107818 Flüchtlinge und erreichte 1992 mit 438 191 Menschen den bislang höchsten Stand. Danach nahm der Flüchtlingsstrom wieder stetig ab (2000: 117648) und erreichte 2007 mit 30 303 Asylbewerbern den niedrigsten Stand.

Bis 2010 nahm die Anzahl der Flüchtlinge mit 48589 dann wieder stetig zu. Die Herkunftsländer der Flüchtlinge nach Deutschland waren im Zeitraum 1986 bis 1994 vor allem die Türkei sowie die ehemaligen Ostblockländer: Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Nachfolgestaaten von Jugoslawien.

Mit dem Beitritt der Länder zur EU kam der Flüchtlingsstrom aus diesen Ländern zum Erliegen. Die Wellen: 1945-1950: Heimatvertriebene. 1955-1973: Gastarbeiter. 1975-1985: Flüchtlinge aus Vietnam. Ab 1990 bis 1995: Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion und dem Balkan.

Im Laster aus Bosnien

Die Flüchtlingsgeschichte von Husovic Lolo liegt erst kurze Zeit zurück. Der 58-Jährige stammt aus Bosnien und ist vor zwei Jahren mit seiner Familie nach Deutschland gekommen.

Geboren in Mostar hat Lolo viele Jahre ein glückliches Leben geführt, als Bosnien noch zu Jugoslawien gehörte. Seine Familie und er waren anerkannte Bürger. Dass sie Roma sind, machte nie Probleme.

Doch mit Beginn des Jugoslawienkrieges wandelte sich ihr Leben. Roma sind in Bosnien zwar die größte ethnische Minderheit, aber politisch nicht anerkannt. Sie wurden im Zuge des Konflikts schnell zu Opfern. 

Lolo und seine Familie verloren Haus, Arbeit, Geld. „Wir hatten noch nicht mal mehr Ausweise oder eine Staatsangehörigkeit“, erklärt er. Immer wieder wurde die Familie von der Polizei verfolgt.

Im Herbst 2013 bot sich ihnen die Möglichkeit mit einem Lastwagen nach Deutschland zu fahren. „Wir mussten nicht lange überlegen, ob wir das Risiko eingehen. Wir wollten einfach nur weg.“ Zwischen Kisten und Kartons versteckt, ging es auf die zweitägige Fahrt.

Am 16. Oktober kam die Familie im Aufnahmelager in Frankfurt an. Es folgten zwei Monate in Osnabrück, bevor ihnen kurz vor Weihnachten eine Wohnung in Göttingen zur Verfügung gestellt wurde. 

Zurück in ihr Heimatland möchte die Familie nicht. Eine deutsche Staatsangehörigkeit haben sie aber auch nicht.„Aktuell habe ich nur einen befristeten Ausweis“, erklärt Lolo. Er hofft nun, dass er bald die deutsche Staatsangehörigkeit bekommt, damit er arbeiten gehen kann.

Dass aktuell so viele Menschen nach Deutschland kommen, kann er gut nachvollziehen. „Wenn man Krieg und Unterdrückung selbst erlebt hat, versteht man die Leute. Sie wollen in Deutschland einfach nur Ruhe und Frieden finden.“

svh

Erste Hilfe für 1000 Boat People

Trang Xuan Nguyen ist selbst kein Flüchtling. Trotzdem ist er Teil der Flüchtlingsgeschichte der Boat People, der Vietnamesen, die in Folge des Vietnamkrieges in Booten flüchteten. Er war der Arzt, der die Flüchtlinge in Niedersachsen zuerst betreute.

Trang ist unter anderem Facharzt für Gynäkologie, Allgemeinmedizin und Physiotherapie. Ende der 60er-Jahre kam er  für sein Medizinstudium nach Deutschland. Durch ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung und seine Tätigkeit an der Göttinger Uni-Klinik knüpfte er Kontakte in die Landespolitik.

Gemeinsam mit dem damaligen CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht organisierte Trang, dass Niedersachsen als erstes Bundesland vietnamesische Boat People aufnahm. „1978 hatte Albrecht vom Elend der Boat People erfahren und bat mich um ärztliche Unterstützung bei der Aufnahme von 1000 Flüchtlingen.“

Innerhalb von drei Tagen baute er mit Helfern die alte chirurgische Klinik in eine 100-Betten-Klinik um. Am 3. Dezember 1978 nahm Trang am Flughafen Hannover die ersten 163 Flüchtlinge in Empfang. „Ich war der Erste, der das Flugzeug betrat, um festzustellen, ob die Flüchtlinge Seuchen eingeschleppt hatten“, erklärt er.

„Ich habe mich sehr gefreut, als ich unter den Ankömmlingen meinen ehemaligen Zahnarzt und fünf Schulfreunde wiedergetroffen habe.“ Über Monate hinweg betreute der Arzt die Flüchtlinge in Friedland.

Obwohl es eine anstrengende Zeit war, blickt er gerne zurück: „Morgens habe ich normal gearbeitet und von mittags bis spät in die Nacht in Friedland geholfen. Ich habe es aber mit viel Freude gemacht.“

Noch heute ist er als Präsident des internationalen deutsch-vietnamesischen Komitees für Demokratie und Humanität aktiv. Trang findet es richtig, dass Deutschland aktuell viele Flüchtlinge aufnimmt, fordert aber auch: „Die Menschen müssen sich anpassen, nicht Deutschland an die Flüchtlinge.

Wenn in Deutschland über Einwanderung debattiert wird, kommen die ehemaligen vietnamesischen Flüchtlinge nicht vor. Sie gelten als am besten integriert. Das liegt an unserer Mentalität“, ist Trang überzeugt.

Langes Warten auf die Ausreise

Josef Wochnik wurde 1953 in Eschenwalde in Schlesien geboren. Nach dem Krieg floh etwa die Hälfte der dort lebenden deutschen Bevölkerung vor der Roten Armee. Als die polnische Grenze gezogen wurde, stellten immer mehr Menschen einen Ausreiseantrag.

„Die Lebensumstände waren für meine Familie nicht gut“, sagt Josef Wochnik. Die deutschstämmige Bevölkerung sei unterdrückt worden. Um ein besseres Leben führen zu können, entschied sich die Familie, ihre Heimat zu verlassen.

„13 lange Jahre mussten wir warten“, erzählt Wochnik. 1970 konnte Wochniks Familie nach Deutschland ausreisen.  „Im Grenzdurchgangslager Friedland bekamen wir unsere Spätaussiedlerausweise, die für die Wohnungssuche benötigt wurden“, berichtet er. „Wir hatten keine großen Integrationsprobleme, da wir auch zuhause Deutsch gesprochen haben“, erklärt Wochnik.

Nach dem Aufenthalt in Friedland bekam die Familie eine Wohnung in Göttingen. Der 16-jährige Sohn ging ins Internat in die Nähe von Bonn. Heute ist er selbstständiger IT-Berater und Buchhalter in der Deutsch-Russischen Gesellschaft in Göttingen.

Er sieht Deutschland in der derzeitigen Flüchtlingskrise in der Pflicht. „Deutschland ist ein reiches Land und schon allein von seiner Geschichte her verpflichtet den Menschen zu helfen“, findet Wochnik.

Irina Schnar wurde 1980 geboren. Die Aussiedlerin kam mit ihrer Familie 1991 aus Kasachstan. In ihrem Dorf lebten mehrheitlich Deutsche. Doch zur Zeit der Sowjetunion wurden sie unterdrückt. Nachdem in den 70er-Jahren immer mehr Menschen über Moldawien flüchteten, entschied sich Schnars Familie ebenfalls für den Weg in ein neues Leben.

Nach einigen Jahren Wartezeit durften sie ausreisen. „Meine allererste Banane in Friedland hat mir nicht geschmeckt und das hat sich bis heute nicht geändert“, erzählt sie lachend.

Die Integration fiel Irina Schnar relativ leicht. „Mit meinem Großvater habe ich immer ein bisschen Deutsch gesprochen.“ Nach dem Studium der Geschichte und Slawistik ist sie nun in der Deutsch-Russischen Gesellschaft beschäftigt und kümmert sich selbst um Spätaussiedler.

„Die Flüchtlingswelle Anfang der 90er ist mit der heutigen vergleichbar“, findet sie. Ihrer Meinung nach könne man den Menschen am besten helfen, indem man die Probleme in den Herkunftsländern angeht.  „Man sollte die Flüchtlinge auf legalem Wege nach Deutschland bringen. Dann profitiert auch die Gesellschaft.“

 

Von Sebastian von Hacht

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Vor 25 Jahren erhielt der Göttinger Wissenschaftler Erwin Neher den Nobelpreis