Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Erste Notfallsanitäter sind seit Mai in Göttingen im Dienst

Thema des Tages Erste Notfallsanitäter sind seit Mai in Göttingen im Dienst

Ein Patient ist unter­zuckert und bewusstlos. Damit das Gehirn dann nicht geschädigt wird, zählt jede Minute: Bislang durften Rettungsassistenten an Bord eines Rettungswagen beispielsweise keinen Venen­zugang zur Behandlung legen – oder nur in einer rechtlichen Grauzone. Ab sofort gibt es eine neue Ausbildung zum Notfallsanitäter. Sie lernen mehr, dürfen mehr und helfen dadurch manchmal schneller.

Voriger Artikel
Bunte Stühle sollen in Göttingen für kulturellen Austausch sorgen
Nächster Artikel
Ebay-Betrügerpaar aus Walkenried muss ins Gefängnis

Patrick Braun ist einer der ersten Notfallsanitäter: Der Rettungsdienstmitarbeiter der Göttinger Berufsfeuerwehr zeigt, was er in der neuen Ausbildung gelernt hat.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Wenn die Besatzung eines Rettungswagens anrückt, ist ein Mensch in Not. Oft muss die Hilfe schnell gehen, manchmal geht es ums Überleben. Dann zählt jede Minute. Bislang durften die Rettungsassistenten an Bord viele medizinische Behandlungen nicht –  oder nur in einer rechtlichen Grauzone –  anwenden, sie mussten einen Notarzt nach alarmieren und warten, bis er eintrifft – beispielsweise, um bei einer Unterzuckerung eine Glukose-Infusion zu geben. „Das kann schon einmal fünf bis zehn Minuten dauern“, sagt Jörg Stöber, Leiter der Rettungsdienstschule der Berufsfeuerwehr in Göttingen. Bei Unterzuckerung mit Bewusstlosigkeit kann es ohne Hilfe zu Hirnschäden kommen.

 
Ab sofort gibt es eine neue Ausbildung zum Notfallsanitäter. Diese Retter dürfen beispielsweise Atemwege sichern, defibrillieren, (Elektroschock am Herzen) und Venenzugänge legen. Die ersten 40 Sanitäter   aus der Region und dem gesamten Bundesland  haben im Mai in Göttingen ihren Abschluss geschafft, 14 von ihren sind bereits in und um Göttingen auf den Rettungswagen unterwegs. Der alte Beruf des Assistenten ist ein Auslaufmodell, bis 2020 müssen alle bereits ausgebildeten Assistenten – wie diese 40 – bundesweit nachgeschult werden. Wer eine neue Ausbildung beginnt, muss ab sofort drei – und nicht wie zuvor zwei Jahre – in die Lehre.

 

Eine knappe Ressource

 
Ein Grund für die neue Ausbildung: „Notärzte sind eine knappe Ressource“, sagt Dr. Guido Kaiser, Toxikologe und Ausbilder in der Rettungsdienstschule. Deshalb, so erklärt Stöber, sei es wichtig, die Mitarbeiter umfassender auszubilden, deren Kompetenzen und Know-how zu erweitern. „Mit dem neuen Ausbildungsgesetz ist jetzt weitgehend geregelt, was die Mitarbeiter lernen und können müssen“, sagt er. Die Verantwortung trage nach wie vor der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes. Ärzte sind es auch, die festlegen, nach welchem Schema die   Sanitäter im Notfall arbeiten.

 
Ein Beispiel: Ein Patient mit starken Bauchschmerzen, so genannten abdominellen Schmerzen, ruft die 112 an. Der Rettungsdienst rück an und stellt fest, dass der Patient bereits einen Schock erlitten hat. Dann musste bislang auf den nachalarmierten Notarzt gewartet werden. Nach der neuen Verordnung dürfen die Sanitäter nun Flüssigkeit über einen Zugang verabreichen und bei  entsprechender Indikation weitere Medikamente geben – bis der Notarzt eintrifft oder der Patient in die Klinik gebracht werden kann.

 
Ohne diese neue Ausbildung dürfen die Assistenten nur in lebensbedrohlichen Notlagen Zugänge legen oder intubieren. „Wir erreichen durch die neue Ausbildung, dass die Mitarbeiter das jetzt können und dürfen“, so Stöber.
Wichtig wird diese zusätzlich Kompetenz vor allem dann, wenn der Notarzt gerade einen anderen Einsatz hat. Statt darauf zu warten, bis er von einem schweren Unfall zum einem Epipeltiker kommt, um dem Patienten ein Medikament zu geben, dürfen die neuen Retter nun sofort helfen.

Erstellt vom Notarzt: Handlungsablauf bei Bauchschmerzen.

Quelle:

(Zum Vergrößern klicken)

 
Ohne Arzt gleich Atropin geben
Wo der Unterschied zwischen einem bisherigen Rettungsassistenten und einem Notfallsanitäter liegt, zeigt ein aktuelles Beispiel aus der Praxis. Ein in Göttingen frisch ausgebildeten Notfallsanitäter aus dem Raum Hannover ist zu einer etwa 60-jährigen Patientin mit extrem niedrigen Puls gerufen worden. Die Frau war zu ihrem Hausarzt gegangen, der wählte die Notrufnummer 112. Die Besatzung des Rettungswagens rückte an, begann mit ihren Untersuchungen und stellte einen Puls von 20 bis 30 fest – also einen extrem niedrigen Puls. Bei der so genannten Bradykardie durften Helfer bislang keine Medikamente verabreichen. In diesem Fall war der diensthabende Notarzt unterwegs, kein Notfallmediziner sofort verfügbar. Bis der Notarzt die Praxis erreicht hätte, wären 15 Minuten verstrichen. Der Notfallsanitäter verabreichte eine Dosis Atropin – was er ja gerade gelernt hat. Bereits nach der ersten Dosis war die Patientin so stabil, dass die mit dem RTW ins Krankenhaus gebracht werden konnte. bib
 
70 Prozent der Einsätze ohne Notarzt
Privatdozent Dr. Markus Roessler, ist Oberarzt in der Klinik für Anästhesiologie Zentrum Anästhesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin der Universitätsmedizin Göttingen. Zudem ist er der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Göttingen.

Privatdozent Dr. Markus Roessler, ist Oberarzt in der Klinik für Anästhesiologie Zentrum Anästhesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin der Universitätsmedizin Göttingen. Zudem ist er der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Göttingen.

Quelle: Pförtner

Wie bewerten Sie die neue Ausbildung zum Notfallsanitäter?
Weil es in diesem Beruf um die die Behandlung von lebensbedrohlich Erkrankten und Verletzten Patienten geht, ist die neue, erweiterte Ausbildung extrem sinnvoll. Anfänglich  wurden dafür Rettungssanitäter eingesetzt, die nur eine 520-Stunden-Ausbildung absolviert hatten. Das war eine sehr  kurze Ausbildungszeit, für eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit. Seit 1989 gibt es den Rettungsassistenten. Diese Ausbildung umfasste ein Jahr Theorie und dann ein Jahr praktische Ausbildung. Dennoch war der Rettungsassistent kein anerkannter Lehrberuf wie beispielsweise der des Krankenpflegers.

 
Was bedeutet die neue Ausbildungs­verordnung?
Mit dem Notfallsanitäter wurde nun endlich ein Beruf geschaffen, der wie andere nicht-ärztliche Medizinberufe eine dreijährige Ausbildungszeit verlangt. Der Notfallsanitäter ist ein anerkannter Ausbildungsberuf mit einer Ausbildungsvergütung, mit einer Verzahnung von theoretischer und praktischer Ausbildung. Dadurch wird eine verbesserte Durchlässigkeit zwischen den Berufsbildern möglich.

 
Welchen Vorteil hat die neue ­Ausbildung?
Die Sinnhaftigkeit ist ganz klar: Für jeden, der schwer verletzte oder erkrankte Patienten kompetent versorgen soll, ist die Ausbildung zum Notfallsanitäter eine klare Verbesserung. Die Ausbildung ist länger, intensiver und strukturierter. Wir erstellen klare ärztliche Vorgaben, was die Auszubildenden lernen und am Patienten können müssen.

 
Welchen Vorteil hat der Patient davon?
Immer wenn es indiziert ist, wird ein Notfallpatient von einem Notarzt und einem Rettungsassistenten – oder jetzt vom Notfallsanitäter  – versorgt. Etwa 70 Prozent der Notfallpatienten aber werden durch nicht-ärztliches Personal, also ohne Notarzt behandelt. Damit liegt auf der Hand, dass eine bessere Ausbildung des nicht-ärztlichen Personals zu einer Verbesserung der notfallmedizinischen Versorgung beitragen wird. Mit mehr medizinischem Können ist es leichter, eine zutreffende Verdachtsdiagnose zu stellen, die notfallmedizinische Situation einzuschätzen und das Richtige zu tun.

 
Wie entlasten die Sanitäter die Ärzte?
Das neue Berufsbild hat nicht das Ziel, die Notärzte zu entlasten. In und um Göttingen wird auch zukünftig immer ein Notarzt zum Einsatz kommen, wenn es erforderlich ist. Der Sanitäter wird den Notarzt nicht ersetzen. Vorstellbar ist, dass die Nachforderung eines Arztes ­seltener nötig wird, weil die besser ausgebildeten Retter Symptome und Krankheitsbilder besser einschätzen können. In einem bundesweit einheitlichem Maßnahmenkatalog ist klarer definiert, was er lernen  und können muss und was im Einsatzfall – ob mit oder ohne Notarzt – von ihm erwartet werden kann.

 

Interview: Britta Bielefeld

 
Ausbildungen: Sanitäter, Assistenten

Sanitätshelfer : Arbeiten  in der Regel ehrenamtlich, die Ausbildung umfasst
45 bis 60 Stunden.

 
Rettungshelfer : eine abgespeckte Rettungssanitäter-Ausbildung, 320 Stunden Ausbildung, beispielsweise für Fahrer von Krankenwagen.

 
Rettungssanitäter : 520 Stunden Ausbildung, Mindestqualifikation für ein Mitglied im Krankentransport oder als Helfer/Fahrer im Rettungsdienst.

 
Rettungsassistent : Zweijähriger Ausbildungsberuf. Als Assistent des Notarztes, Rettungswagen (RTW)-Besatzung, Notfall-Behandlung bis der Notarzt eintrifft. Bis 2020 müssen alle nachschulen zum:

 
Notfallsanitäter : Dreijährige Ausbildung, Besatzung des RTW. Darf eigenverantwortlich heilkundlich nach Vorgaben des ärztlichen Leiters Rettungsdienst arbeiten.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Tanzende Schneeflocken im "Kauf Park"