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Leben in Syrien ist „komplett anders“

Erzählcafé des Zeitzeugenprojekts zum Thema "Willkommen in Göttingen" Leben in Syrien ist „komplett anders“

Beschäftigte und Bewohner der Füchtlingsunterkunft auf den Zietenterrassen sind im Erzählcafé des Göttinger Zeitzeugen-Projekts zu Wort gekommen. Sie berichteten unter der Überschrift „Willkommen in Göttingen“ über ihre gegenwärtige Situation.

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Quelle: mah

Göttingen. Bettina Briesemeister, Leiterin der Wohnanlage, erschien in Begleitung eines 35-jährigen Syrers. „Die meisten unserer Bewohner sind ausgesprochen sympathische Menschen. Mich fasziniert die Sprachenvielfalt in unserer Anlage“, sagte Briesemeister den Zuhörern, die sich im Vortragsraum der Villa Am Goldgraben 14 eingefunden hatten. Dort, wo sich Senioren-WG und Bildungsarbeit unter einem Dach niedergelassen haben, hatte der Verein Freie Altenarbeit zum „Erzählcafé“ eingeladen. . Derzeit gebe es einen hohen Bewohnerwechsel. „Erreichen möchte ich, dass alle friedlich untereinander leben und die Zuwanderer sich bei uns wohlfühlen.“ Und weiter: Das ehrenamtliche Engagement spiele eine große Rolle. Es gebe Sprachkurse und Beschäftigungsgruppen. Ein „echtes Problem“ aber seien fehlende Gemeinschaftsräume in der Anlage und dass einige Ehrenamtliche „den Rückwärtsgang eingelegt“ hätten. Sie sieht „großen Bedarf“ an psychologischer Betreuung bei den Migranten.

Sahladin Abdallah

Sahladin Abdallah

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Sahladin Abdallah, der 35-jährige Syrer an ihrer Seite, beschrieb seine Flucht aus Syrien über die sogenannte Balkanroute. Eine Route, die Briesemeister für „beispielhaft für den Weg fast aller Ankommenden“ hält. Das Leben in Syrien sei „komplett anders“, schilderte Abdallah seine Eindrücke. In Syrien lebe man mehr auf de Straße, es sei kommunikativer, so der Syrer. Er sei beim Fernsehen beschäftigt gewesen und mehr und mehr in Gefahr geraten, durch Verleumdungen eingesperrt zu werden. Derzeit lebt er gemeinsam mit fünf Personen in einer Drei-Zimmer-Unterkunft. Während Abdallah sich darauf vorbereitet, sein Kommunikations-Studium mit einem Master zu ergänzen und Arbeit und eine Wohnung zu bekommen, sei sein größter Traum, ein friedliches Leben in Syrien fortzusetzen.

"Flucht bedeutet Angst“

Unter den Zuhörern des Erzählacafés befanden sich auch Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs ihr Heimatland verlassen mussten. Doris Thomson und Rosemarie Köhler erinnern sich noch gut an diese Zeit.

Doris Thomson

Doris Thomson

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Thomsons Familie erhielt zu Beginn des Krieges die Mitteilung, deutsche Schiffe würden ihre Familie und viele andere aus Estland nach Polen bringen. „Wir durften nicht nach Deutschland, denn Polen sollte deutsch werden“, so die 91-Jährige.  Sie habe diesen Teil ihrer Kriegserlebnisse aber nicht als Flucht empfunden und könne daher keine eigenen Parallelen zu aktuellen Flüchtlingsströmen ziehen. „Denn es war alles organisiert“, sagt sie. Die eigentliche Flucht schloss sich im Oktober 1944 an: Thomsons Familie suchte Bekannte im Umland Göttingens auf.

Rosemarie Köhler

Rosemarie Köhler

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Swinemünde, Stralsund, und dann eine Kellerwohnung im Haus der Tante in Wittenberge an der Elbe: „Wir waren Bombenangriffen aus allen Richtungen ausgesetzt“, beschreibt Rosemarie Köhler ihre Fluchterfahrungen bis zum Mai 1945. Es sei zuallererst das Gefühl der Angst, das die 78-Jährige mit „Flucht“ verbindet. Aus diesem Grund könne sie sich gut in viele Zuwanderer hinein versetzen, sagt Köhler.

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