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„Es geht eben vieles irgendwie anders“

Blindheit „Es geht eben vieles irgendwie anders“

Sie pflegt ihre Mutter in Sudershausen. Er kümmert sich um seine Mutter in Hamburg. Manchmal ist er zweimal in der Woche bei ihr. Edeltraud Schrader (55) aus Sudershausen und Jens Marquardt (50) aus Hamburg bewältigen ihr Leben gemeinsam. Das Besondere daran: Beide sind nahezu blind.

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Mit ihren Enkelkindern Raphael und Joshua: Edeltraud Schrader und Jens Marquardt auf ihrem Hof in Sudershausen.

Quelle: Hinzmann

Sudershausen. Retinitis Pigmentosa oder RP heißt die Krankheit, unter der sie leiden. Er hat noch eine Sehkraft von zehn Prozent, sie sieht mit 15 bis 20 Prozent etwas mehr. Auch ihr Gesichtsfeld ist mit knapp fünf Grad noch besser als seins. Bei einem Puzzle mit 100 Teilen sehe er zwei, versucht Jens Marquardt sein Gesichtsfeld von drei Grad für Sehende vorstellbar zu machen. Keine große Rolle spiele diese Einschränkung in ihrem Wohnzimmer, wo sich nicht viel bewege. Anders in Hamburg auf der Mönckebergstraße. Dort sei es für ihn ungleich schwerer, alle Eindrücke zu sortieren. Durch Mobilitäts- und Orientierungstraining haben beide gelernt, mit ihrem Handicap zurechtzukommen. Schrader und Marquardt verreisen gern gemeinsam.

„Skurril ist es, wenn sie auf eine Gruppe mit Fahrrädern treffen“, schildert Marquardt eine der Schwierigkeiten. Aus dem Gefühl „Der sieht mich ja nicht, also mache ich mich dünn“ zögen viele ihren Bauch ein. Hilfreicher wäre es, so Marquardt, wenn akustische Signale kämen. So hilft Schrader ihrem Lebensgefährten, indem sie ihm die Richtung vogibt. „Jens, du musst einfach geradeaus gehen“, dirigiert sie ihn über den Hof ihres Hauses. „Rechts von dir stehen die Fahrzeuge der Kinder.“ Schrader sieht noch so viel, dass sie in ihrem Heimatdorf Sudershausen und in Göttingen ohne Langstock unterwegs ist. Marquardt nimmt den Langstock überall und macht außerdem sein Handicap mit der Blinden-Plakette an der Kleidung sichtbar. Stolpert einer der beiden oder stößt sich an einem ungeahnten Hindernis, gehört das für sie zu ihrem Leben. Oft seien es die Sehenden, die nicht wüssten, wie sie sich verhalten sollen. „Kinder gehen viel natürlicher damit um“, sagen sie mit Blick auf ihre Enkel.

„Ich war von Anfang an nachtblind“, schildert Schrader das erste Zeichen ihrer Krankheit. Das sei typisch für RP. Vor knapp zehn Jahren ging Schrader in Rente. Kein leichter Schritt, stand er doch bei ihr mit der Diagnose „Blindheit“ in Verbindung. Sie besuchte Seminare bei Pro Retina, der Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Netzhautdegenerationen. Vor acht Jahren hat Edeltraud Schrader die RP-Regionalgruppe Hannover übernommen, seit mehr als fünf Jahren organisiert sie Patientenseminare. Bei einem dieser Seminare habe es gefunkt, erzählt Jens Marquardt.
Der gelernte Speditionskaufmann mit Studium hatte wegen seiner Sehbehinderung berufliche Probleme. Weil ihm niemand mehr etwas zutraute, wurde er seiner Aufgaben enthoben. Zu Unrecht, wie sich herausstellte. Trotz seines Handicaps konnte er dann die Kohlen aus dem Feuer holen. Vor zehn Jahren erhielt er seine erste Rente. Doch er arbeitete noch vier Jahre weiter.

Heute macht Marquardt Führungen bei der Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ in Hamburg, die Sehenden nahe bringen soll, wie Blinde ihre Umwelt erfahren. Im Zuge von Trennung und Scheidung habe er sich eine zehnwöchige Auszeit gegönnt, um sich mit seinem Handicap ins Reine zu bringen. In die Ausstellung sei er damals gegangen, um herauszufinden, ob er die Dunkelheit aushält. „Halte ich es aus, blind zu sein?“ – Diese Frage ist für ihn offen geblieben.
„Als ich die Diagnose bekommen habe, hatte ich riesengroße Angst“, erzählt Schrader. Sie fürchtete, dass sie nicht mehr lesen könne. Doch bis heute reicht ihr Sehrest zum Lesen von Zeitungen und Büchern. Jens Marquardt hingegen hat seit acht Jahren keine Zeitung mehr gelesen. Auch Bücher nimmt er nicht mehr zur Hand. „Das Leben ist auch ohne Bücher lebenswert“, hat er mittlerweile erfahren.

„Fahrradfahren vermisse ich“, sagt der sportliche Typ. Doch die Möglichkeit, diesen Sport mit einem Sehenden auf dem Tandem auszuüben, hat er bisher nicht ausprobiert. Er möchte seine Wege selbst bestimmen. Schrader und Marquardt gehen gerne wandern.
„Wir können ja noch ganz viele Dinge“, sagt sie.“ Sie kann vieles sehen, er kann es abspeichern. „Wir passen hervorragend zusammen“, schlussfolgert Schrader. Und die Menschen seien eigentlich sehr hilfsbereit. Wirklich wichtig ist den beiden ihre Selbstständigkeit. Viel sind sie zusammen unterwegs, allein schon zwischen Hamburg und Sudershausen. Sie wissen: „Es geht eben vieles irgendwie anders.“

Von Ute Lawrenz

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