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„Es ist hart für mich, meine Geschichte zu erzählen“

Flüchtlinge im Porträt „Es ist hart für mich, meine Geschichte zu erzählen“

Jeden Tag kommen Tausende Menschen nach Deutschland, in überfüllten Zügen, maroden Kähnen - und erreichen auch die Region. Hier warten die Migranten auf das Ende ihres Asylverfahrens - und auf ein besseres Leben. Einige stellen wir in loser Reihenfolge vor. Heute: Saleh Ibrahim aus Eritrea.

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Saleh Ibrahim stammt aus Eritrea.

Quelle: Hallmann

Göttingen. Saleh Ibrahim ist ein schmaler junger Mann. Gerade mal 18 Jahre ist er alt, doch er hat schon viel erlebt. Ibrahim ist Flüchtling aus Eritrea. Heute wohnt er in einer WG in Weende.

Kindheit ohne Eltern

Bis zu seiner Flucht lebte Ibrahim mit seinen Geschwistern bei seiner Großmutter. „Ich habe meine Eltern früh verloren“, erzählt Ibrahim. „Zwei Männer haben meinen Vater erschossen, da war ich noch ganz klein.“ Seine Großmutter ging zur Polizei, aber aufgeklärt wurde der Mord nie.

Dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) zufolge, ist Eritrea das Land in Afrika, aus dem die meisten Menschen fliehen. „Das Land ist sehr arm“, sagt Ibrahim. „Wir können keinen Schulabschluss machen und nicht zur Uni gehen. Alle müssen zum Militär.“

Zu Fuß brachte seine Großmutter ihn und seine Geschwister aus dem Land. „Wir sind vier Tage lang gelaufen“, berichtet Ibrahim. Acht Monate lang lebten sie im Unicef Flüchtlingscamp im Sudan. In Sudans Hauptstadt, Khartum, fand Ibrahim Arbeit in einem Restaurant, wo er beschäftigt war, bis er im Alter von 16 Jahren auf offener Straße verhaftet wurde.

„Ich weiß nicht, warum“, sagt er. „Es gab dort wenig Essen und Trinken.“ Ein Mann sei vor seinen Augen erschossen worden. Ibrahims Onkel konnte schließlich seine Freilassung erkaufen. Sein Onkel war es auch, der ihm Geld gab für die Reise nach Europa. „Ich wollte nicht mehr im Sudan bleiben.“

Eine traurige Geschichte

In einem überfüllten Auto fuhr Ibrahim zusammen mit einem Freund zehn Tage lang durch die Sahara bis nach Libyen. Sein Freund starb auf der Fahrt. „Ich muss oft an ihn denken“, erzählt Ibrahim. Er schlug sich durch bis nach München, zu Fuß, mit dem Bus, und im Toilettenraum eines Zugs. Im Oktober 2014 erreichte Ibrahim Deutschland. Mittlerweile wohnt er in einer WG in Weende zusammen mit einem Studenten. Er besucht eine Sprachlernklasse an der Berufsbildenden Schule.

„Ich mache bald ein Praktikum in der Altenpflege“, erzählt der 18-Jährige. Eigentlich ist er aber eher ein kreativer Mensch. Er tanzt Hip Hop an der Dance Academy, hat drei Stühle für das Projekt „Kultur-Stühle“ bemalt, und bei einer Theaterproduktion des Göttinger „Boat People Project“ als Schauspieler auf der Bühne gestanden. „Ich fühle mich wohl in Deutschland“, sagt er. Seine Verwandten sind noch immer im Sudan. „Es ist hart für mich, meine Geschichte zu erzählen“, sagt Ibrahim. „Das macht mich traurig.“

Von Flora Hallmann

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